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Leben mit Behinderung: "Ich fühle mich nicht als Minderheit!" | BR24

© BR / Elisabeth Möst

Madeleine Söltl

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Leben mit Behinderung: "Ich fühle mich nicht als Minderheit!"

Nur weil sie auf Hilfe angewiesen ist, mache sie das noch lange nicht zu einer "Minderheit", meint Madeleine Söltl. In ihrem Alltag im Rollstuhl stößt die 28-Jährige trotzdem oft auf Rücksichtslosigkeit und ungewünschte Sonderbehandlung.

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Nur weil sie auf Hilfe angewiesen ist, mache sie das noch lange nicht zu einer "Minderheit", meint Madeleine Söltl. In ihrem Alltag im Rollstuhl stößt die 28-Jährige trotzdem oft auf Rücksichtslosigkeit.

Es gibt Situationen, von denen hält Madeleine Söltl gar nicht viel. Zum Beispiel, wenn sie mit Freundinnen einen Club besucht und von Fremden angesprochen wird: "Respekt, dass Du auch da bist". Warum sollte sie denn nicht da sein, fragt sie sich dann. Nur weil sie im Rollstuhl sitzt, möchte sie nicht anders behandelt werden.

Dennoch ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilnehmen. Oft verspürt Madeleine Rücksichtslosigkeit, dass sich Menschen vor sie hinstellen und ihr quasi den Hintern präsentieren. Oder im Restaurant ihre Freundinnen fragen, was sie bestellen möchte, statt mit ihr selbst zu sprechen. Meistens nimmt sie so etwas mit Humor. Was sie am wenigsten mag, ist Mitleid.

Bei Madeleine wurde in ihrem ersten Lebensjahr Spinale Muskelatrophie, kurz SMA, diagnostiziert. Die neuromuskuläre Erkrankung verursacht eine fortschreitende Muskelschwäche. Gehfähigkeit, Atmung, Schlucken, die Bewegung der Arme, aber auch die Kopfhaltung sind schwer beeinträchtigt. In Deutschland sind etwa 5.000 Menschen betroffen, SMA ist also eine seltene Krankheit. Aber macht das Madeleine Söltl automatisch zum Mitglied einer Minderheit? Sie sieht das anders.

Zur Minderheit gestempelt

"Ich fühle mich nicht als Minderheit", sagt die 28-jährige. Auch wenn sie im Rollstuhl sitzt und im Alltag auf Hilfe angewiesen ist, sogar, um einen Kaffee zu kochen. "Ich bin in diese Situation reingewachsen", erklärt sie, "ich kenne es nicht anders". Klar, vieles im Alltag dauere bei ihr länger. Eines nervt sie dann schon: "Ich kann nicht so spontan sein wie andere".

Madeleine Söltl versucht, ein ganz normales Leben zu führen. Nach der Schule hat sie beim Bayerischen Rundfunk eine Ausbildung zur Bürokauffrau absolviert, und später mithilfe eines Stipendiums noch ein Sportmarketingstudium abgeschlossen. In ihrer Freizeit ist sie oft mit Freunden und Freundinnen unterwegs, unternimmt Ausflüge, besucht Festivals und reist gerne. Allein in den USA war sie bereits sechs mal.

Normal leben

Aus all diesen Gründen mag Madeleine Söltl es nicht, wenn Fremde in die Hocke gehen, um mit ihr zu sprechen, auch, wenn es gut gemeint ist. Es grenze sie aus, genauso wie mitleidige Blicke oder die Tatsache, dass manchmal über ihren Kopf hinweg geredet wird. Und so wünscht sie sich vor allem eines: zu leben wie alle anderen auch.

Noch lebt sie bei ihren Eltern im Haus. Dass sie demnächst in eine eigene Wohnung zieht - mit Assistenten rund um die Uhr - ist da ein wichtiger Schritt. Noch wichtiger wäre aber, dass sie von ihrer Umwelt so wahrgenommen wird, wie sie sich auch selber fühlt. Eben "ganz normal".