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Leben im märkischen "Abseits": Zum Tod von Günter de Bruyn | BR24

© Patrick Pleul/Picture Alliance

Günter de Bruyn im Arbeitszimmer

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    Leben im märkischen "Abseits": Zum Tod von Günter de Bruyn

    Er schätzte die Einsamkeit in der kargen Natur Brandenburgs und zog sich auch literarisch zurück ins Innere, ganz leise. Mit 93 Jahren starb der Schriftsteller Günter de Bruyn, wie der Landkreis Oder-Spree unter Berufung auf Angehörige mitteilte.

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    Die Liebe hinderte ihn, die DDR zu verlassen - die Liebe zu seiner Mutter, die in Königs Wusterhausen lebte, die Liebe zu seinem Sohn, vor allem aber die Liebe zur märkischen Landschaft. Der gebürtige Berliner de Bruyn, Jahrgang 1926, kam nie los von der sandigen, flachen und abgeschiedenen Gegend Brandenburgs. 1968 kaufte er sich in der Nähe von Beeskow, südöstlich von Berlin, im kleinen Weiler Görsdorf die verfallene "Blabberschäferei" und richtete sich dort häuslich ein. Dort wurde er zum "Porträtmaler" einer untergegangenen Welt. Er schrieb über die einst inbrünstig verehrte preußische Königin Luise, über den "Sand-Poeten" Friedrich Wilhelm August Schmidt, über das Spreeland und über die Prachtstraße Unter den Linden, über die Finckensteins und andere altpreußische Familien.

    Er fühlte sich Theodor Fontane verbunden

    Er sammelte und kommentierte Gedichte von Theodor Fontane, dem er sich sehr verbunden fühlte, und wanderte mit seinen Gedanken nicht weniger poetisch und belesen durch die Mark wie dieser große Vorgänger. "Abseits. Liebeserklärung an eine Landschaft" (2006) heißt eines von de Bruyns Büchern, ein Titel, der über seinem Lebenslauf stehen könnte. Gemeinsam mit Christa Wolfs Ehemann Gerhard ließ sich de Bruyn eine Buchreihe einfallen, den "Märkischen Dichtergarten", in dem er und andere Brandenburg- und Preußen-Fans fast nach Belieben lustwandeln konnten, ohne von den Aufpassern behelligt zu werden. Die interessierten sich nicht sonderlich für wieder veröffentlichte, ganz oder halb vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, wie Rahel Varnhagen, Friedrich de la Motte Fouqué, Friedrich Schmidt von Werneuchen oder die Berliner Erfahrungen von Heinrich Heine.

    © Sandra Steins/Picture Alliance

    Angela Merkel gratulierte zum 80. Geburtstag

    Zu den vielfach erzählten Anekdoten aus de Bruyns Leben gehört sein Plan, in der Einöde eine Pferdezucht zu gründen und damit etwas Geld zu verdienen. Beim Reitenlernen bricht er sich jedoch beide Handgelenke, und die eigenwilligen Ponys, die er sich zugelegt hatte, brachten ihn schier um den Verstand - und die Barschaft. Umso besser gelaunt war der Schriftsteller, nachdem er sie wieder verkauft hatte. Noch bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde des Landkreises Oder-Spree im November vergangenen Jahres war von der in der Tat unterhaltsamen Geschichte die Rede.

    Er flüchtete ins "Innere"

    "Ich habe mir beim Schreiben immer eingeredet, ich könne von der Zensur ganz absehen", so Günter de Bruyn in einem Gespräch mit der Deutschen Welle. Er war nie Dissident, kein lautstarker Kämpfer für Meinungsfreiheit und gegen Gängelung, er flüchtete sich vielmehr ins "Innere", wie es einmal seine Heimatzeitung zum 90. Geburtstag ausgedrückt hat. Dabei war er jahrelang Präsidiumsmitglied im PEN-Zentrum der DDR, auch im Zentralvorstand des Schriftstellerverbands, allerdings nicht SED-Mitglied und somit "unsicherer Kantonist". Der gelernte Bibliothekar war ein leiser Vertreter seines Berufsstandes, obwohl er 1981 für Aufsehen sorgte, als er bei einer Tagung anmerkte, dass die DDR zwar "Christen, Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer" im Westen würdige, nicht jedoch im eigenen Land.

    © Bruni Meya/Picture Alliance

    Satiren über Anpasser: de Bruyn ist harmoniebedürftig

    De Bruyn schwärmte vom "mönchischen", einsamen Leben in unberührter Natur, widmete sich leidenschaftlich gern der Vergangenheit, in der er auf literarisch meisterhafte Art und Weise die schwierige Gegenwart verarbeitete. Und seine Leser verstanden ihn – was für die Zensoren nicht immer galt. Obwohl: Sein Roman "Neue Herrlichkeit" über den karrieresüchtigen Anpasser Viktor Kösling, der "gewöhnt ist, der zu sein, der gewünscht wird", wurde tatsächlich eingestampft und konnte in der DDR erst verkauft werden, nachdem das Buch im Westen erschienen war. Die Hauptfigur pfeift auf das private Glück und auch auf einen Doktortitel, stattdessen landet sie gleich im diplomatischen Dienst.

    Im Osten brauchte er kein "richtiges Abitur"

    In seiner Autobiografie "Vierzig Jahre", erschienen 1996, schreibt er über sein Leben und seine Arbeit während der vier Jahrzehnte in der die DDR: "Als ich in Ulbrichts Staat um Selbstbestimmung und Selbstachtung bangte, war zum Vergleich noch der unfreiere Hitler nahe, der mich um ein Haar Kopf und Kragen gekostet hätte." Tatsächlich war de Bruyn, der sich der Hitlerjugend verweigert hatte, noch in der Schlussphase des Krieges in eine Flak-Stellung geschickt worden. An sich selbst stellte der Autor eine "Kompromissbereitschaft" fest, die aus einem "Harmoniebedürfnis" gespeist worden sei. Gehadert hat er damit nicht. Seine "Lebenszwischenbilanz" bezeichnete er als "zufriedenstellend". Dort verriet er auch, warum er seine Ausbildung zum Bibliothekar 1949 nicht im Westen Berlins absolvierte, sondern an der "neu etablierten Büchereischule" im damals "sowjetischen Sektor": Dort wurde kein "richtiges Abitur" verlangt.

    © Patrick Pleul/Picture Alliance

    Märkische Zufriedenheit: Mann mit Pfeife

    Den Nationalpreis der DDR lehnte er 1989 ab, danach regnete es für den weisen, introvertierten Schriftsteller Auszeichnungen. 1997 würdigten die Juroren sein Gesamtwerk mit dem Jean-Paul-Preis, 2006 folgte der Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache. Ein Grund dafür, dass es so wenige Interviews mit Günter de Bruyn gibt: Er äußerte sich in seinen Erzählungen und Romanen zur Person, rang eigentlich in fast allen Texten mit sich selbst, seiner Haltung zur DDR, zur preußischen Geschichte. Deshalb verweigerte er auch ein Gespräch zum 90. Geburtstag mit der Begründung, die Zeit, die ihm noch bleibe, sei "für andere Dinge verplant".

    Mit neunzig eine Satire auf die Willkommenskultur

    Zum Beispiel für sein Buch "Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll". Anders als der beschauliche Titel nahelegt, geht es in dem Roman nicht um einen sentimentalen Rückblick, sondern um die greise Westdeutsche Hedwig Leydenfrost, die ihren "Runden" mit einer Spendenaktion für Flüchtlinge verbinden will – die Handlung spielt im August 2015: "Sie, die schon vor Jahrzehnten verlangt hatte, möglichst viele Fremde ins Land zu holen, um die deutsche Kultur zu einer globalen, also weniger deutschen werden zu lassen, fühlte sich jetzt verpflichtet, die von der Kanzlerin geforderte Freude über die ungeregelte Ankunft der vielen Kriegs- und Armutsflüchtlinge mitzuempfinden, obwohl ihr dabei das eigentlich doch auf Opposition getrimmte Gewissen schlug." Mit dieser Einstellung gerät Hedwig mit ihrem in der DDR geprägten Bruder Leonhardt aneinander, der sich über politische Korrektheit mokiert: Statt einer Flüchtlingsunterkunft bekommt das Dorf schließlich ein Urlauber-Hotel.

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