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Leben im Ausnahmezustand: Wie Corona die Gesellschaft verändert | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: dpa Bildfunk

Niemand weiß, wohin die Corona-Pandemie führen wird. Umso wichtiger ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren.

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Leben im Ausnahmezustand: Wie Corona die Gesellschaft verändert

Ist Social Distancing die neue Form der Solidarität? Sind Wissenschaftler die neuen Politiker? Das Leben in Zeiten von Corona wirft viele Fragen auf. Im Gespräch mit der politischen Philosophin Lisa Herzog haben wir nach Antworten gesucht.

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Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass sie auf unbestimmte Zeit weitestgehend lahmgelegt und in den Ausnahmezustand versetzt wird? Was bedeutet es, wenn von der Bundeskanzlerin der Extremfall zum Normalfall erklärt wird und das hier einmal wörtlich verstandene Abstandsgebot das Gebot der Stunde ist? Wie wirkt sich die Ansage, bis auf weiteres womöglich von Zuhause aus zu arbeiten, Homeoffice zu betreiben auf unser Verständnis von Arbeit aus? Ein Interview mit Lisa Herzog, Professorin am Centre for Philosophy, Politics and Economics (PPE) der Universität Groningen in den Niederlanden.

Knut Cordsen: Über das Einhalten von sozialer Distanz zum Schutz der ganzen Gesellschaft wird viel geredet. In den sozialen Medien ermahnt man einander, sich sozial zu verhalten. Wobei das paradoxerweise heute eher heißt, Abstand voneinander zu wahren als zusammenzustehen. Wie blicken Sie auf diese neuen Verhaltensmaßregeln?

Lisa Herzog: In den sozialen Medien macht momentan der Kommentar die Runde, dass das eigentlich nicht Social Distancing heißen sollte, sondern Physical Distancing, gerade aus sozialen Gründen. Natürlich bedeutet das persönliche Einschränkungen. Zum Schutz des Schwächeren in der Gesellschaft ist das aber wirklich geboten im Moment. Man denkt dann oft an alte, sehr schwache Menschen. Aber alle möglichen Menschen haben Vorerkrankungen und gehören auch zur Risikogruppe, ohne dass wir das unbedingt wissen. Denn Krankheit ist immer noch relativ tabuisiert in unserer Gesellschaft, und deswegen wissen wir vielleicht auch nicht, welche Kollegin, welcher Kollege zum Beispiel eine kranke Lunge hatte in der Vergangenheit und deswegen auch gefährdet sein kann.

© Sylvia Germes

Lisa Herzog, Professorin am Centre for Philosophy, Politics and Economics

Inwiefern spielt hier auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit hinein? Man muss es sich ja leisten können, sich fern von den anderen zu halten. Die Supermarktkassiererin, der Angela Merkel stellvertretend dankte, dass sie "den Laden am Laufen" halte, kann kein Homeoffice machen im Gegensatz zum Büroangestellten.

Wir sehen auf einmal ganz neue Achsen von sozialer Ungleichheit. Eine davon ist: Wer kann Homeoffice machen und wer nicht? Wobei sich das nicht unbedingt auf sogenannte höhere und niedere Berufe allein bezieht, sondern auf die Art der Tätigkeit. Und was wir auch sehen, ist, dass es ein sehr ungleiches Maß an Sicherheit gibt.

Wer einen festen Job hat, am besten in einer großen Firma, die Staatshilfen bekommt, oder wer im öffentlichen Dienst ist, der kann, was die Einkommensverhältnisse angeht, relativ entspannt auf die nächsten Wochen und Monate sehen. Aber wer zum Beispiel gerade zwischen Jobs steht oder selbstständig ist oder in einer kleinen, sehr gefährdeten Firma arbeitet, für den sieht die Situation sehr anders aus. Und da ist wirklich Solidarität gefragt, nicht nur im Sinne warmer Worte, sondern auch im Sinne dessen, dass wir finanziell diejenigen nicht hängen lassen, die prekär beschäftigt sind.

Und soll die Arbeit gerettet werden – um ihren Buchtitel zu variieren – indem man sie von Zuhause aus erledigt? Das sind Akademiker oder Kulturarbeiter vielleicht eher gewöhnt als andere. Was bedeutet das aber für die Gesellschaft insgesamt, wenn sich Arbeit auf diese Weise atomisiert, man könnte fast sagen: dissoziiert und auf digitalem Weg vielleicht wieder zusammenfindet und womöglich auch neu organisiert?

Vielen wird in der heutigen Situation auch klar, was ihnen eigentlich fehlt, wenn man nicht mehr die sozialen Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen hat. Ich denke, es liegt auch eine gewisse Chance darin, wenn man merkt, dass neue Technologien an der einen oder anderen Stelle durchaus sinnvoll sein können und dass es nicht diese strikte Anwesenheitskultur geben muss. Wir merken auch, dass die soziale Rolle der Arbeit – dass sie uns zusammenbringt mit anderen – in unserem normalen Leben unglaublich wichtig ist.

Und wir merken sehr stark, dass wir alle voneinander abhängen. Wir sehen, dass bestimmte Formen von Arbeit, die man vielleicht anderweitig eher als niedrig qualifiziert bezeichnet, von denen man den Eindruck hat, das könnte ja jeder mal machen – da sehen wir, wie wichtig die für unser Zusammenleben sind. Insofern würde ich hoffen, dass es nicht nur bei den warmen Worten von Frau Merkel bleibt, sondern dass wir uns langfristig klarmachen, dass Menschen in solchen Berufen mehr Anerkennung und auch bessere Bezahlung verdienen.

Manche Kommentatoren sprechen schon von einer Virologokratie, von einer Herrschaft der Virologen, dem Diktat der Wissenschaft, dem die Politik im Moment folgt. Sehen Sie eine Gefahr, dass Wissenschaft politische Grundregeln außer Kraft setzt?

Ich denke, da muss man ein Auge drauf haben, aber in Deutschland sehe ich keine so große Gefahr – im Gegensatz zu manch anderen Ländern, die diese Situation für sich nutzen und Grundrechte weiter einschränken. Es ist nicht so, dass die Wissenschaft alleine irgendwelche Urteile fällt. Das kann sie gar nicht. Die Wissenschaft macht Aussagen darüber, was nach bestem Wissen und Gewissen der derzeitige Stand ist, was die Szenarien sind. Aber es gibt dann immer noch Abwägungsentscheidungen, die getroffen werden müssen. Und da ist die Politik gefragt.

Momentan stehen so viele Menschenleben und auch die langfristige Gesundheit von Menschen auf dem Spiel, dass diese Abwägung oft relativ klar ist. So könnte der Eindruck entstehen, es würde wirklich nur die Wissenschaft entscheiden. Aber dem ist nicht so. Wenn diese Maßnahmen länger anhalten, wird man sich sicher Fragen stellen müssen, wie man zum Beispiel mit dem Demonstrationsrecht umgeht. Sollen wir dann mit 1,5 Meter Abstand demonstrieren gehen, oder gibt es dafür Online-Formen? Wenn das so weitergeht, wird das sicher eine wichtige Frage werden. Und da wird vielleicht viel Kreativität gefragt sein, es wird wahrscheinlich auch gerichtliche Prozesse geben, um das zu klären, weil da Güterabwägungen auf dem Spiel stehen.

Und wie sieht es mit dem Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft aus? Es gibt ja unter Virologen durchaus unterschiedliche Meinungen. Wenn ich nur an die beiden Antagonisten Christian Drosten und Alexander Kekulé denke: Zwei Wissenschaftler, zwei unterschiedliche Meinungen, wie man mit der Corona-Krise umgehen sollte, und dazwischen der wissenschaftliche Laie, also wir alle, der nicht weiß: Wem vertrauen?

Da entsteht im Moment vielleicht ein leicht falscher oder verzerrter Eindruck, weil bestimmte Namen so prominent werden. Aber wenn man Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertraut, vertraut man eigentlich nie Einzelpersonen, sondern dem ganzen System. Und wir vertrauen eigentlich darauf, dass dieses ganze System, trotz gewisser Probleme, die es auch hat, hinreichend verlässlich ist.

Auch zwischen Herrn Drosten und Herrn Kekulé ist es ja so, dass Sie wahrscheinlich zu 99 Prozent gleicher Meinung sind und an bestimmten Stellen unterschiedliche Aussagen treffen. Und beide sind bereit, die zu revidieren, wenn es neue Daten gibt. Das sollte man aber nicht als Zeichen dafür sehen, dass man der Wissenschaft nicht vertrauen könnte. Das ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Wissenschaft in Bewegung ist, dass es Austausch gibt, dass es unterschiedliche Hypothesen gibt. Das gehört zum normalen Prozess dazu.

Und dieses Verständnis dafür, dass Wissenschaft ein Prozess ist, das muss auch in der Gesellschaft verstanden werden. Wenn man die Hoffnung hat, es gibt die großen Herrschaften, die uns einfach sagen könnten, wie wir jetzt handeln könnten, ein für alle Mal – das wäre ein falsches Verständnis von Wissenschaft. Aber zum Glück ist es ja auch so, dass diese Offenheit und der Dialog und die Notwendigkeit, ständig auf neue Forschungen und neue Studien einzugehen, in der Kommunikation immer relativ stark beachtet wird.

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