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Experimentierfreudig: Der US-Jugendbuchautor Jason Reynolds
© picture alliance/ZUMA Press/ Nancy Kaszerman
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Experimentierfreudig: Der US-Jugendbuchautor Jason Reynolds

Rassismus und Gewalt - das sind zentrale Themen im Werk von Jason Reynolds. Der 1983 geborene, in Washington D.C. lebende Schriftsteller gehört zu den bedeutendsten Jugendbuchautoren der USA, obwohl, oder vielleicht auch weil er so ungewöhnlich schreibt: Entscheidend für ihn ist immer auch die Form seiner Erzählung. Sein Roman "Long Way Down" etwa, über einen jungen Mann, der ermordet wird, ist ganz in Versen verfasst. Sein neuester Romanzyklus dreht sich um vier Jugendliche, die alle eines gemeinsam haben: das Laufen. Jedem der vier widmet er ein eigenes Buch - das erste ist jetzt in Deutschland erschienen: "Ghost. Jede Menge Leben".

Eigentlich will Castle Cranshaw alias "Ghost" ja Basketball spielen. Er träumt davon, der nächste LeBron James zu sein: ein Star wie der große Sportler der Cleveland Cavaliers, der sich mit der Politik des amtierenden amerikanischen Präsidenten nicht abfinden will. Doch dann landet Ghost zufällig auf einem Sportplatz und schaut einer Gruppe von Jungen und Mädchen beim Lauf-Training zu. Und Laufen, das kann er auch, wie er dem Team mit dem Namen "Defenders" zeigen wird: ohne jede Ausrüstung, die Schuhe ausgetreten, die Jeans nach oben gekrempelt.

Ghost - sensibel und mit realer Vorlage

"Ich wuchs zusammen mit Matt auf – mit einem Jungen, der die gleichen Erfahrungen wie Castle Cranshaw gemacht hatte. Sein Vater wollte ihn erschießen. Er war sehr jung und wurde mit Gewalt konfrontiert. Und er musste herausfinden, wie er mit diesem Trauma umgehen kann", sagt Reynolds und betont, dass Ghost ein guter, sensibler Junge sei. "Wenn du Kindern und Jugendlichen begegnest, die so schlimme Sachen erlebt haben, dann musst du schauen, dass du – mit etwas Zeit – die Schale des Sonnenblumenkerns aufbrechen kannst. Und dann siehst du: Im Inneren liegt ein Samen. Genau dafür steht Ghost."

Otis, der eigenwillige Trainer der Defenders, holt Ghost in die Mannschaft. Der wiederum muss versprechen, dass er sich in der Schule, in der er immer wieder aneckt, zusammenreißt. Das aber gelingt nicht. Ebenso lässt Ghost in einem Sportgeschäft ein paar teure Laufschuhe mitgehen, was seinem feinfühligen Trainer nicht verborgen bleibt. Jason Reynolds' Roman erzählt insofern die Geschichte einer Läuterung. Schnell wird klar: Das Laufen ist für den amerikanischen Erzähler mehr als nur ein Sport. Es ist ein Symbol.

Ich wollte von Kindern und Jugendlichen erzählen, die nicht atmen können – die nicht wissen, wie es sich anfühlt, frei zu atmen. Sie ersticken in der Welt, in der sie leben. Mit dieser Metapher spiele ich. - Jason Reynolds

Ein Mosaik aus vier Geschichten

"Ghost", der erste Band der Roman-Serie über die jungen Läufer, endet mit dem Startschuss für den ersten Wettkampf, zum 100-Meter-Sprint. Der zweite Teil – "Patina", auch er benannt nach seiner Hauptfigur, nach der Schülerin Patty Jones – schließt daran an. Jason Reynolds entfaltet die große Geschichte mosaikhaft: Erst alle Romane zusammen ergeben ein ganzes Bild. Eine raffinierte Konstruktion. Und sie alle zusammen thematisieren den alltäglichen Rassismus in den USA, oft in ganz feinen Andeutungen. Die Hautfarbe der Romanfiguren etwa wird kaum offen thematisiert. Trotzdem weiß man, es handelt sich um afroamerikanische Jugendliche.

In der Schule hatte Reynolds gelernt, dass es nicht ausreicht, kein Rassist zu sein, weil das eine zu träge Haltung sei: "Du musst Dich aktiv gegen Rassismus engagieren. Wenn du versuchst, gegen solche negativen Haltungen anzugehen, dann darfst du nicht allein sagen: Es wird schon irgendwie. Du musst aktiv werden und dich für andere Menschen engagieren. Wenn du das nicht machst, verschwendest du nur deine Zeit."

Eigene Erfahrungen fließen in Reynolds' Romane ein

Jason Reynolds kennt die Nöte derer, über die er schreibt. Immer wieder fließen autobiographische Erfahrungen in seine Romane ein. Mit Blick auf die augenblickliche Situation in den USA sagt der Schriftsteller, er sehe gerade in der jungen Generation ein enormes Potenzial für einen Wandel zum Besseren. Sie könnten die sein, die nicht nur an ein anderes Amerika glauben, sondern sich dafür auch engagieren.

"Die Schmerzen werden stärker. Das Gute daran ist, dass sich die Menschen nicht wohl fühlen. Es ist verrückt, dass die Person, die dieses Unbehagen auslöst, die ganze Welt in Gefahr bringt. Aber die Leute werden wachgerüttelt", hofft Reynolds. Er meint, sie realisierten, dass sich nichts ändere, wenn sie nichts tun, dass sie selber aufstehen müssten, weil einem ein Wandel nicht einfach in den Schoß falle.

Loslaufen als Metapher

Auch dafür steht das Loslaufen, im metaphorischen Sinn. In den USA hat Jason Reynolds – neben einer Reihe anderer Bücher – bislang drei Romane über die jungen Läufer und ihre Geschichten veröffentlicht, geschrieben in einer einnehmenden, direkten und durchaus packenden Sprache. Und zugleich grundiert mit der zutiefst optimistischen Botschaft: Du kannst Dein Leben zum Besseren ändern! Sehr amerikanisch. "Ghost", der erste Band, ist dennoch ein vielversprechender Auftakt – oder besser: Start. Der Lauf geht erfreulicherweise weiter.

"Ghost. Jede Menge Leben" ist in der Übersetzung von Anja Hansen-Schmidt bei DTV erschienen.

Am 17.September liest Reynolds in München: am Vormittag in der Stadtbibliothek Allach-Untermenzing, am Nachmittag im Gasteig.