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Die Höhle von Lascaux ist jetzt in München zu sehen – als Kopie | BR24

© Bayern 2

Seit 1963 ist die Originalhöhle von Lascaux mit ihren rund 2.000 Tierbildern für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Das macht nichts, die Rekonstruktionen leisten ganze Arbeit. Ein Gespräch mit dem Prähistoriker Andreas Maier.

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Die Höhle von Lascaux ist jetzt in München zu sehen – als Kopie

Die Höhle von Lascaux beherbergt Kunst aus der Urzeit des Menschen, darf aber seit 1963 nicht mehr besichtigt werden. Nun ist eine Rekonstruktion in München zu sehen. Ein Prähistoriker sagt: Für das Kunsterlebnis sei der reale Ort nicht entscheidend.

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12. September 1940, bei Montignac in Frankreich. Vier Kinder klettern in ein Erdloch – und entdecken eine Sensation: die besterhaltenen prähistorischen Malereien Europas. Auf 250 Metern erstrecken sich in der Höhle von Lascaux mehr als 2.000 Bilder: Auerochsen, Hirsche, Kühe, Pferde, sogar ein menschliches Wesen - ein Mann mit Vogelkopf, der von einem Bison angegriffen wird. Kunst aus der Urzeit des Menschen, 20.000 Jahre alt. Seit 1963 darf die Originalhöhle nicht mehr betreten werden – und so begann die Geschichte der Rekonstruktionen von Lascaux. Eine Version, die Wanderausstellung Lascaux 3, ist jetzt in in München zu sehen. Joana Ortmann hat mit dem Erlanger Prähistoriker Andreas Maier über die Rekonstruktionen der Höhle gesprochen.

Joana Ortmann: Wie stehen Sie zu den vielen Rekonstruktionen, die es von Lascaux gibt?

Andreas Maier: Aus fachlicher Sicht ist das eine ziemlich gute Sache. Zum einen ermöglicht diese sehr detaillierte Auseinandersetzung mit der dreidimensionalen Struktur der Höhle, aber auch mit dem Farbauftrag, der Pigment-Wahl usw. eine ganz neue Sichtweise auf den Entstehungsprozess der ursprünglichen Bemalung. Und es ermöglicht vielen Wissenschaftlern gleichzeitig, sich mit einem Objekt auseinanderzusetzen, das als Original nicht mehr zugänglich ist. Für die Öffentlichkeit ist es aber auch begrüßenswert, wenn man diese Urzeit des Menschen einem breiteren Publikum vermitteln möchte. Das findet bei uns in Deutschland in der Schule beispielsweise viel weniger als in Frankreich statt und das ist natürlich anhand von Büchern nicht annähernd so gut zu machen wie mit Hilfe von dreidimensionalen Räumen. Also, die Rekonstruktionen sind für die Forschung und die Vermittlung ein großer Gewinn.

Es gibt einige Rekonstruktionen, Lascaux 2 und 4 in Frankreich, und Lascaux 3 als Wanderausstellung, jetzt in München zu sehen. Da ist man einerseits natürlich fasziniert, wie detailgenau das ist, auch was die Farben betrifft. Andererseits ist es aber auch etwas seltsam, in so einen Gang zu gehen, wo in Betonbecken Höhlenwände ‚aufgebahrt‘ sind, sage ich jetzt mal provokant …

Die Inszenierung steht und fällt damit, wie man in diese Situation rein gerät. Lascaux 2 zum Beispiel, die erste Rekonstruktion direkt vor Ort, hat das so gelöst, dass man in einen betonierten Vorraum kommt und, nachdem man ein bisschen was über die Entstehungsgeschichte der Rekonstruktion gelernt hat, gelangt man in den großen Hauptraum. Da ist man schon ganz anders vorbereitet, und das Höhlen-Raum-Erlebnis ist sehr gelungen, fand ich damals zumindest. Seit einiger Zeit gibt's ja die neue Rekonstruktion, Lascaux 4, die auch unweit der Original-Höhle entstanden ist, wo größere Teile rekonstruiert worden sind, die dann begehbar sind, das ist noch gelungener. Da ist auch die ursprüngliche Eingangs-Situation nachgebildet. Man kommt zwar zur Seite rein, hat aber noch ein besseres Raum-Erlebnis der Originalsituation und es sind auch größere Teile rekonstruiert. Zusätzlich gibt es dort einen zweiten Raum, der überhaupt nicht den Anspruch von Rekonstruktion hat, in dem man aber die rekonstruierten Elemente von außen sehen und sich ein bisschen mit der Technik auseinandersetzen kann. Es hängt also alles sehr stark von der Art und Weise ab, wie diese Dinge inszeniert sind.

Was man in München auf jeden Fall erleben kann, ist die Monumentalität der Zeichnungen. Man sieht, wie groß und bunt die Tier-Bilder sind, Auerochsen, Hirsche, Pferde, teilweise meterhoch. Das scheint ja nochmal ein ganz eigenes Kapitel zu sein, wie man diese Farben rekonstruiert. Wissen Sie, wie man das hingekriegt hat?

Man hat die ursprünglichen Farbstoffe analysiert, und dann werden in der Regel mineralische Farben wie Ocker oder Mangan vermahlen und auf die Wand aufgetragen, das ist relativ originalgetreu. Es gibt verschiedene Techniken, den Auftrag mit dem Pinsel, die Möglichkeit, dass man Farbe in den Mund nimmt und dann sprüht und entweder die Hand als Schablone nimmt, um bestimmte Figuren abzupassen, oder auch durch einen Röhrenknochen bläst. Die Techniken, die sich rekonstruieren lassen, und auch die verwendeten Farben sind vielfältig, und da wird aber gerade auch über diese Rekonstruktionen und die Versuche, das entsprechend originalgetreu hinzubekommen, viel gelernt. Stichwort: Experimentelle Archäologie, die uns da auch ein gutes Stück weitergebracht hat.

Was lässt sich über den Blick der damaligen Maler auf die Tiere sagen?

Es gibt eine relativ naturnahe Gestaltung in vielen Elementen, aber auch deutlich künstlerische Konventionen, die vom Motiv völlig abweichen. Was für eine sehr detaillierte Naturbeobachtung spricht, ist zum Beispiel die Tatsache, dass die Wisente verschiedenfarbige Felle haben, die wohl den Wechsel von Sommer- zu Winterfell darstellen. Gleichzeitig haben viele der Pferde einen überproportional großen Körper und relativ kleine Extremitäten und Köpfe. Das ist eine Darstellungs-Konvention, die wir aus dieser Zeit gut kennen und die sich auch durchzieht, aber eben nicht mit den in der Natur beobachtbaren Gegebenheiten übereinstimmt. Dann gibt es noch eine andere Auffälligkeit: Die Tiere sind häufig in so einer halb gedrehten Perspektive dargestellt, wenn Sie zum Beispiel die Hörner der Kühe angucken. So können Sie das in der Natur gar nicht sehen – ein Horn quasi im Profil, das andere verdreht dazu.

Wenn man in die Zukunft guckt, wäre noch die Frage interessant, ob die Höhle als realer Ort irgendwann obsolet wird? Ob bald vielleicht ein virtuelles Höhlen-Erlebnis ausreicht?

Ich würde das begrüßen. Je mehr Zeit man hat, um sich mit diesen Rekonstruktionen auseinanderzusetzen, desto besser wird der Eindruck von Räumlichkeit, den man gewinnt. Und wenn das in gleicher Weise durch Technik gelöst werden kann, warum nicht? Besonders wenn das Original nicht mehr zugänglich ist.

Erübrigt sich dann auch die Frage, ob das jetzt das Original ist oder eine sehr gute Rekonstruktion?

Wenn Sie mich persönlich fragen: Ja. Das gilt auch für jüngere Epochen. Viele der großen griechischen Plastiken sind uns ja ebenfalls nur noch in römischen Kopien bekannt. Und das stört uns ja auch nicht. Solange die Informationen in der Kopie genauso vorliegen wie im Original, brauche ich das Erlebnis des Originals persönlich gar nicht.

"Lascaux. Die Bilderwelt der Eiszeit": Die Ausstellung in der kleinen Olympiahalle München läuft bis 8. September 2019

© pa/dpa/Glaubitz

Bereits 1963 musste die Höhle von Lascaux für Publikum wieder geschlossen werden.

© MCC-CNP

Der Grund: Der Atem von Millionen Besuchern in Lascaux bedrohte die empfindlichen Originale. Durch die Feuchtigkeit entstand Schimmel.

© picture alliance/Leemage

Hier sehen Sie die Aufnahme eines Originals aus Lascaux: eine rote Kuh mit schwarzem Kopf.

© Reuters/Duvignau

2016 wurde Lascaux IV eröffnet - mit dem damaligen französischen Staatschef François Hollande. Der Nachbau löst Lascaux I von 1983 ab.

© Reuters/Duvignau

1940 wurde die Höhle von Lascaux entdeckt. In ihr finden sich steinzeitliche Abbildungen von rund 2.000 farbenfrohen Tieren.

© pa/dpa/Glaubitz

Vier Jahre dauerte es, auf nachgestellter Felsenfläche die zahlreichen Malereien von Pferden, Stieren, Hirschen in Originalgröße abzubilden.

© pa/dpa/Glaubitz

Die Nachbildung ist für Besucher eine sinnliche Reise in die Vergangenheit: Feuchte Luft, Dunkelheit, Gerüche, gedämpfte Geräusche.

© Dennis Nidos

Spektakulär in Lascaux ist auch die menschliche Gestalt mit Vogelkopf und erigiertem Glied. Menschen-Darstellungen sind in der Frühzeit selten.

© Baudier-SPL

Auch die Wanderausstellung, die von April bis September 2019 in München zu sehen ist, versucht, naturgetreuen Höhlenflair zu vermitteln.

© Baudier-SPL

Für die Ausstellung wurden nicht nur die Höhlenmalereien reproduziert, sondern auch die Felswände künstlich nachgebaut.

© Alain Roussot

Früher mussten für die Reproduktion die Felsmalereien umständlich abgepaust werden.

© MCC

Heute vereinfacht moderne Technik die Nachbildung: Mit 3D-Laser-Scans wurden die Höhlenmalereien von Lascaux exakt aufgenommen.

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