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Lang erwartet, endlich da: Das Debütalbum von Provinz | BR24

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Zu viert auf weiter Flur: die Ravensburger Band Provinz

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Lang erwartet, endlich da: Das Debütalbum von Provinz

Eigentlich sollte ihr Debüt schon im April erscheinen, aber wegen Corona verschob die Plattenfirma die Veröffentlichung. Jetzt ist das erstaunliche Album der schwäbischen Popband Provinz doch erschienen. Der Titel: "Wir bauten uns Amerika".

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Wesentlich für Deutschland sind ja die kleinen Städte, die Ortschaften im Abseits, in der Provinz. Entsprechen nicht Heidelberg, Weimar und Bonn der Mentalität hierzulande mehr als, sagen wir, Berlin, Hamburg und München? Insofern ist Provinz als Bandname schon okay, aber können Sie sich eine Rockband aus Angloamerika vorstellen, die sich stolz und leicht verdruckst Province nennen würde? Nicht wirklich, oder?

Und was sagt dieser Begriff aus über die Musik, die hier präsentiert wird? Dass Musik eine Macht ist, die auch abseits der Metropolen funktioniert, in Abgeschiedenheit, jenseits des urbanen Lebens? Das lassen wir uns gern gesagt sein, also her mit dieser Gruppe, die sich einen Ruf als gute Liveband erspielt hat.

Drei Cousins aus Ravensburg zocken Rentner ab

Erst mal schön der Reihe nach: Mit 12 haben drei Cousins in Vogt bei Ravensburg angefangen, miteinander Musik zu machen. Und weil Sänger und Gitarrist Vincent Waizenegger begabt ist, – er dürfte so manche Jeff Buckley-Platte sein eigen nennen – und es mit Keyboards und Bass ganz gut lief, haben sich die Drei zuerst als Straßenmusiker verdingt und für reiche Rentner am Bodensee gespielt. Anfangs nannten sie sich Twice. Als vor drei Jahren Schlagzeuger Leon Sennewald dazu stieß, änderte man den Namen. Es folgten Bandwettbewerbe, Plattenfirmen wurden hellhörig. 2019 veröffentlichte die Gruppe mehrere Singles, die gut aufgenommen wurden. Vor drei Monaten sollte das langerwartete Debütalbum bereits herauskommen, jetzt, entschied die Company, ist es endlich soweit.

Windschnittig produziert

Voilà: ein Rocksänger! Vincent Waizenegger kann was und ist gerade Mal 21. Eine Stimme zwischen AnnenMayKantereit und dem bereits erwähnten, viel zu früh verstorbenen Jeff Buckley. Zwar trägt der Schwabe vokalistisch ein bisschen arg viel auf – den Wechsel von Brust- in die Kopfstimme absolviert er beispielsweise mit links, mitunter erliegt er deswegen der Gefahr, den Sound mit dem Inhalt zu verwechseln, aber das dürfte sich geben. Jedenfalls sind die Songs vom routinierten Produzenten, der auch schon AnnenMayKantereit betreut hat, recht windschnittig, kurz und knapp inszeniert.

Solide Wertarbeit aus Ba-Wü

Warum diese Jungs unbedingt in der Provinz bleiben wollen und unbedingt Mainstream-Pop machen müssen, soll ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht hat es ja mit diesem unserem Land zu tun. Und in Berlin trifft man eh vor jedem Club und jeder Bar alle möglichen zukünftigen Popstars. In den Texten von Provinz geht es um Zweisamkeits-Gefühle, die nicht so recht funktionieren, um den Traum von und die Angst vor der großen weiten Welt. Should I Stay Or Should I Go, wie die Clash einst erkannten – das übliche Teenager-Dilemma.

Ansonsten ist die Message, dass man auch auf dem platten Land ein Wolkenkuckucksheim errichten kann und es Amerika nennen darf, in Ordnung: Eskapismus ist nicht nur in Corona-Zeiten (und wenn man jung ist) okay, sondern immer wieder mal notwendig, zumindest für die Dauer eines Popsongs.

"Wir bauten uns Amerika" von Provinz ist bei Warner Music International erschienen.

© Warner Music International

Wir bauten uns Amerika - Album-Cover von Provinz

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