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Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (Archivbild)

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    Landesbischof Bedford-Strohm: Die seelischen Inzidenzen steigen

    Der bayerische Landesbischof Bedford-Strohm hat in der Corona-Krise einen klareren Kurs der Politik angemahnt. Statt eines "Hü und Hott" seien verlässliche Informationen erforderlich. Sorgen bereiten ihm Schäden, die aktuell noch nicht sichtbar sind.

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    Von
    • Birgit Rätsch
    • Martin Jarde

    Heinrich Bedford-Strohm hat die Verwirrung, die durch die sogenannte Oster-Ruhe und die politische Empfehlung möglichst vieler Online-Gottesdienste ausgelöst worden war, mittlerweile abgehakt. Das machte der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gleich zu Beginn seiner am Montag angesetzten Video-Pressekonferenz deutlich.

    Sorge um psychische Folgen des langen Corona-Lockdowns

    Man solle anerkennen, dass in den Regierungen des Bundes und der Länder Menschen säßen, die auch Fehler machten. Was den EKD-Ratsvorsitzenden umtreibt, sind die Schäden, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Er fordert mehr Aufmerksamkeit für soziale und psychische Folgen des langen Corona-Lockdowns. "Die seelischen Inzidenzen gehen stetig nach oben." Viele Menschen sähen sich der Gefahr des materiellen oder seelischen Ruins ausgesetzt. Umso entscheidender sei es für die nächste Zeit, einander beizustehen, sagte Bedford-Strohm.

    Manches, was zur Erhöhung der Todeszahlen führen könne, sei heute noch gar nicht messbar, so der Landesbischof: "Wenn Menschen zunehmen und irgendwann dann kürzer leben, weil sie ihr Gewicht nicht mehr im Griff haben - und auch die erhöhten Suizidraten sind mit einzubeziehen. All diese Dinge gehören mit in eine Gesamtrechnung, die nicht allein an den täglichen Inzidenzzahlen zu beurteilen ist."

    Kirche will Räume zum Impfen zur Verfügung stellen

    Bedford-Strohm sagte, es komme auf die nächsten 100 Tage an. Die Menschen müssten die Kraft aufbringen, sich weiter an die Hygieneregeln zu halten. Die 100 Tage verband er mit der Hoffnung, dass bis dahin das Impfen viel weiter vorangeschritten sei und die Modellprojekte mit Corona-Tests vor bestimmten Aktivitäten positive Ergebnisse gebracht hätten.

    Der Theologe forderte zudem, das Impfen weniger bürokratisch zu gestalten. Er sei froh, dass die Hausärzte nun bei den Impfungen eingebunden werden, sagte er. Sie müssten aber viel Bürokratie erledigen. "Ich wünsche mir mehr Mut, Unkonventionelles zu machen", sagte Bedford-Strohm. Wo immer die Kirche angefragt werde, Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, "werden wir positiv reagieren", sagte er. In anderen Ländern wurden in Kirchen bereits Impfstellen eingerichtet.

    Bedford-Strohm sieht Grenzen digitaler Kommunikation

    Bedford-Strohm mahnte, an die Kinder und Jugendlichen zu denken, besonders an die 13- und 14-Jährigen. In diesem Alter mache man in einem Jahr so viele wichtige Erfahrungen wie später in zehn Jahren nicht mehr, so der EKD-Ratsvorsitzende. Er fürchtet, dass ihre Entwicklung von der Pandemie empfindlich gebremst wird. Hier müsse die Balance gewahrt werden.

    "Den ersten Kuss kannst du nicht auf irgendeine iPad-Scheibe geben." Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

    Nicht alles verbieten: das sprach aus Bedford-Strohms Worten. Er fragte auch, was es Kulturschaffenden bringe, wenn die Gottesdienste gestrichen würden und ihnen damit auch noch diese Einnahmen wegbrächen. Was möglich sei, damit Menschen ihren Lebensunterhalt selbständig verdienen können, müsse möglich gemacht werden.

    Kein Neid! Geimpften Freiheiten "von Herzen gönnen"

    In diesem Zusammenhang wandte sich Bedford-Strohm energisch gegen jedes Neidgefühl gegenüber Geimpften. "Wenn nachgewiesen ist, dass geimpfte Menschen kein unverantwortliches Risiko mehr bedeuten, dann sollten wir, ich nehme mich da jetzt mal mit rein, weil es wahrscheinlich noch eine ziemliche Weile dauert, bis ich selbst geimpft bin, einfach denen das von Herzen gönnen."

    "Ich leide mit meinem Restaurantbesitzer, dem Griechen gegenüber, mit. Ich möchte nicht, dass der bankrott geht. Und wenn ich noch nicht geimpft bin und ich sehe gegenüber Menschen, wenn's warm wird, draußen sitzen und der macht endlich wieder ein Geschäft, ja dann kann ich mich doch von Herzen mitfreuen." Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

    Menschen mit Präsenzgottesdiensten an Ostern Hoffnung geben

    Die Kirchen seien an diesem zweiten Osterfest unter Pandemie-Bedingungen besonders gefordert, den Menschen Hoffnung zu geben. Daher hätten sie auf Präsenzgottesdiensten bestanden. Am Ende, sagte Bedford-Strohm, siege nicht die Verzweiflung, sondern das Leben.

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