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Bayerische Landesausstellung wird umbenannt: "Stadtluft befreit" | BR24

© Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst

Richard Loibl, Charlotte Knobloch und Bernd Sibler

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Bayerische Landesausstellung wird umbenannt: "Stadtluft befreit"

Nach heftiger Kritik der jüdischen Gemeinde zogen die Veranstalter den Titel "Stadtluft macht frei" für die Landesausstellung 2020 in Aichach und Friedberg zurück. Charlotte Knobloch hatte kritisiert, der Titel tue weh und "vergifte Menschen".

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Bei einem Gespräch zwischen der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, dem Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, Richard Loibl, und Kunstminister Bernd Sibler wurde vereinbart, der Landesausstellung 2020 den unverfänglichen Titel "Stadt befreit - Wittelsbacher Gründerstädte" zu geben.

Die ursprüngliche Formulierung "Stadtluft macht frei" hatte Charlotte Knobloch zu sehr an den Propaganda-Spruch "Arbeit macht frei" erinnert, mit dem die Nationalsozialisten ihre Opfer verhöhnten. So fanden sich diese Worte über den Eingängen zu zahlreichen Konzentrationslagern, etwa in Dachau, Theresienstadt, Auschwitz und Groß-Rosen. Im BR hatte die Holocaust-Überlebende Knobloch erklärt: "Das ist ein ganz klarer Ausdruck, der jedem wehtut, der damit zu tun hatte." Nun zeigte sie sich der Pressemitteilung des Ministeriums zufolge im Anschluss an das Gespräch erleichtert: "Ich freue mich sehr, dass die Ausstellung, die sicher sehr interessant ist, weil sie einen Teil unserer Geschichte zeigt, den neuen Titel ‚Stadt befreit‘ bekommen hat!"

"Sehr gute Alternative angeboten"

"Stadtluft macht frei" ist ein traditioneller Rechtsgrundsatz aus dem Mittelalter. Leibeigene Landbewohner, die damals in Städte flüchteten, waren nach "Jahr und Tag" freie Bürger, also nicht mehr ihrem Grundbesitzer verpflichtet. In den Rathäusern von Aichach und Friedberg herrschte daher Unverständnis nach der Kritik seitens der jüdische Gemeinde. Die Bürgermeister Klaus Habermann und Roland Eichmann (beide SPD) wollten sich "uralte und wichtige Rechtsbegriffe" nicht "kaputtmachen lassen" und fanden die Kritik "überzogen".

Kunstminister Bernd Sibler war es offenkundig wichtig, den Streit gütlich beizulegen. Er ließ sich in der Pressemitteilung mit den Worten zitieren: "Die heutige Gesprächsatmosphäre war von gegenseitigem Verständnis geprägt. Ich freue mich, dass Dr. Loibl und sein Team so schnell reagiert und heute eine sehr gute Alternative angeboten haben!" Er sei erleichtert, dass schmerzhafte Assoziationen die Bayerische Landesausstellung 2020 nun nicht mehr beeinträchtigen können, so Bernd Sibler:

"Unsere Landesausstellungen leisten historisch-politische Bildungsarbeit im besten Sinn! Ein respektvoller und verantwortungsvoller Umgang mit den grauenhaften Verbrechen des Holocaust hat höchsten Stellenwert. Antisemitismus hat im Freistaat keinen Raum – das gilt selbstverständlich für unsere Kunst- und Kulturlandschaft und damit auch für die Landesausstellungen des Hauses der Bayerischen Geschichte." Bernd Sibler, Kunstminister Bayern

"Aufklärerisch-liberaler Rechtsgrundsatz"

Der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte erklärte schriftlich, der Rechtssatz "Stadtluft macht frei", der die gegenüber der Landbevölkerung erheblich erweiterten Freiheitsrechte der Bürger in den mittelalterlichen Städten beschreibt, sei aus aufklärerisch-liberaler Tradition und dem Nationalsozialismus entgegengesetzter Philosophie formuliert worden. "Wir haben diesen Rechtssatz mit dem neuen Titel nun modern übersetzt", so Loibl über die Neuformulierung. Zudem werde der Rechtssatz in einer eigenen Abteilung der Ausstellung ausführlich behandelt. Dabei sollen auch die Begriffsgeschichte und die grundsätzlich gegenläufige Tradition zur Pervertierung des Freiheitsbegriffes durch das NS-Regime erläutert werden.

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Die Schau in Friedberg und Aichach im nächsten Jahr bekommt einen neuen Titel: "Stadt befreit - Wittelsbacher Gründerstädte". Damit reagieren die Organisatoren auf Kritik der Israelitischen Kultusgemeinde am bisherigen Motto.