BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Festival lab30 in Augsburg: Wie Computer Liebesbriefe schreiben | BR24

© Bayern 2

Alle reden von Künstlicher Intelligenz, viele mit Unbehagen. Und wie gehen KI und Kunst zusammen? Das ist eine der Fragen, die sich das Festival lab30 stellt. Ein großes Experimentierfeld – das auch Maschinen Gefühle ausleben lässt.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Festival lab30 in Augsburg: Wie Computer Liebesbriefe schreiben

Alle reden von Künstlicher Intelligenz, viele mit Unbehagen. Und wie gehen KI und Kunst zusammen? Das ist eine der Fragen, die sich das Festival lab30 stellt. Ein großes Experimentierfeld – das auch Maschinen Gefühle ausleben lässt.

Per Mail sharen
Teilen

Zum 18.Mal findet in Augsburg das Festival lab30 statt. Über 30 internationale Künstler*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Medienkunst stellen in den kommenden vier Tagen im Kulturhaus Abraxas und an anderen Spielorten aktuelle Arbeiten vor. Christoph Leibold hat zum Festivalauftakt mit Barbara Friedrichs, der Popkulturbeauftragten der Stadt Augsburg, gesprochen.

Christoph Leibold: Kann man sagen, dass es bei lab30 unter anderem um einen Brückenschlag zwischen Kunst und Wissenschaft geht?

Barbara Friedrichs: Ja, ich würde sagen, das kann man ganz gut so zusammenfassen. Wir haben natürlich wissenschaftliche Arbeiten, allerdings auch Arbeiten, die eher spielerischen Zugang zu Medienkunst versprechen.

Wie können Kunst und Wissenschaft einander denn bereichern?

Es ist sicherlich so, dass die Kunst ein Mittel sein kann, um die Wissenschaft attraktiver zu machen. Wir führen ja beispielsweise mit interaktiven Arbeiten Kinder und Jugendliche an wissenschaftliche Themen heran, wie zum Beispiel, dass Rechner mit Einsen und Nullen arbeiten. Wir nehmen ihnen sicherlich auch die eine oder andere Hürde.

Aber nicht nur Kindern, auch Erwachsenen…

Ja, auch Erwachsenen. Wir sind kein Kinderfestival, sondern wir haben ein Publikum zwischen sechs und 99, würde ich sagen.

Auf der Homepage der Stadt heißt es mal, auf dem Festival werde es "zischen, zirpen und rauschen". Das passt zum Labor-Gedanken, der im Namen lab30 steckt, klingt aber eher nach Chemielabor. Man schüttet verschiedene Substanzen zusammen, und dann zischt und raucht es. Bei lab30 geht es aber doch um Medienkunst. Was brodelt und blubbert da?

Wir sind ganz klar ein experimentierfreudiges Festival. Deswegen zischt und blubbert es da durchaus auch mal, vielleicht auch nicht ganz im wortwörtlichen Sinne. Wir haben jetzt keine Reagenzgläser aufgebaut, aber wir bieten Künstler*innen aus der ganzen Welt eine Fläche, um aktuelle Kunstprojekte vorzustellen. Und das sind teilweise Arbeiten, die noch im Prozess sind oder gerade für das Kulturhaus Abraxas entstanden sind oder entstehen. Und dass da mitunter das eine oder andere Experiment vorher und auch während des Festivals notwendig ist, wird dann offenbar.

© Karl F. Gerber

Beim lab30 zu erleben: "Violinautomat" des Münchner Musikers und Komponisten Karl F. Gerber

Und Experiment heißt auch: Ausgang offen?

Ja. Ich komme gerade eben von einem kurzen Vorbereitungsgespräch mit unserem japanischen Gastkünstler in diesem Jahr aus Amagasaki. Namiki Sho ist Tänzer, und er wird zum allerersten Mal überhaupt in seiner Karriere mit einer Wärmebildkamera die Temperaturveränderungen während seiner Performances dem Publikum sichtbar per Projektion auf eine Leinwand zeigen. Wie das Ganze aussieht, weiß er selber nicht.

Experimente mit offenem Ausgang einerseits. Andererseits schadet es ja nicht, wenn eine Hypothese dabei ist, die dann verifiziert oder falsifiziert wird. Nehmen wir mal ein anderes Beispiel: Es wird zum Beispiel eine Maschine geben, von der kann man sich als lab30- Besucher*in fotografieren lassen. Und dann schreibt die Maschine einen Liebesbrief an diese Person. Was soll da bewiesen werden? Dass Künstliche Intelligenz durchaus auch zu Gefühlen in der Lage ist, also auch mit emotionaler Intelligenz einhergehen kann? Oder aber – wenn der Liebesbrief nicht überzeugt – dass das eben nicht funktioniert?

Also, ob da tatsächlich ein Beweis erfolgt... Schauen wir mal! Aber es wird auf jeden Fall hinterfragt. Diese Arbeit thematisiert etwas, womit wir uns im Moment sehr viel auseinandersetzen müssen, nämlich die Frage, inwiefern Künstliche Intelligenz emotionale Intelligenz ersetzen kann. Und das ist tatsächlich so, dass dieser Apparat ein Foto von den Besucher*innen bekommt und nur aufgrund der Bildinhalte einen Liebesbrief verfasst. Das heißt, die Künstliche Intelligenz schafft die Worte für diesen Brief. Und jetzt gehen wir mal davon aus, dass es wohlwollend ist. Aber die Frage ist natürlich schon: Was heißt das für uns? Was heißt das für unser Zusammenleben und auch für unsere Kommunikation in der Zukunft?

© Michael Gamböck

"Waterdome", ein Kurzfilm von Studierenden für lab30, zu sehen im Planetarium Augsburg

Es stecken ja auch viele Ängste in diesem ganzen Thema Digitalisierung, zum Beispiel die Angst vor der kalten, unmenschlichen, rein rationalen Künstlichen Intelligenz, die uns irgendwann beherrschen könnte. Bei lab30 geht es erklärtermaßen um den Brückenschlag zwischen analogen und digitalen Welten – weil noch nicht alles digital geht im Leben? Oder weil das auch nie der Fall sein wird? Was ja dann beruhigend wäre für alle, die sich Sorgen machen ...

Ich bin der festen Überzeugung, dass es nie ganz ohne gehen wird. lab30 zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass alle Künstler*innen ihre Projekte selbst vorstellen. Das heißt, es besteht die Möglichkeit, im Dialog mit den Künstler*innen zu erfahren: Was sind die Hintergründe zu den Arbeiten? Wie kam es dazu? Wie war der Entstehungsprozess? Und diese Begegnungen, die wir da schaffen zwischen Publikum und Künstler*innen, aber auch unter den Künstler*innen untereinander, das kann man durch keine Künstliche Intelligenz ersetzen. Da bin ich der festen Überzeugung.

Die Stadt rühmt sich ja, das lab30 ein Unikum im süddeutschen Raum ist. Man wundert sich fast, dass Sie angesichts der zentralen Fragen unserer Zeit, die in Augsburg verhandelt werden, mit dieser Art von Festival allein auf weiter Flur sind. Ich denke, Künstler*innen auf dem Feld der Medienkunst gibt es genügend. Aber wie steht es mit der Kulturpolitik? Ist die noch viel zu sehr auf die klassischen Kunstgenres fixiert?

Na ja, da fragen Sie jetzt natürlich die Popkultur-Beauftragte. Ich wehre mich stark dagegen, die unterschiedlichen Kunstformen gegeneinander auszuspielen. Sicherlich hat eine klassische Ausstellung zu Leonardo da Vinci ganz genauso ihre Berechtigung. Aber ein bisschen mehr Offenheit gegenüber den neuen zeitgenössischen Kunstformen kann der Politik auf keinen Fall schaden.

Das Medienkunst-Festival lab30 findet vom 24. bis 27. Oktober 2019 an verschiedenen Orten in Augsburg statt.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!