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"La Vérité": Mutter-Tochter-Drama mit französischen Diven | BR24

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Filmkritik zu Hirokazu Kore-edas neuem Film "La Vérité".

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"La Vérité": Mutter-Tochter-Drama mit französischen Diven

Was verbindet eine Familie? Das ist das Thema des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda. Nach der Goldenen Palme für "Shoplifters" hat er seinen ersten Film außerhalb Japans gedreht, mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche. Funktioniert das?

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Der Film beginnt mit dem Blick auf einen herbstlichen Garten. Hohe Bäume stehen in ganz unterschiedlichen farblichen Kleidern da. Im nächsten Bild ein Busch, der fast schon alle seine Blätter verloren hat. Alte japanische Holzschnitte und Kalligraphien zeigen mitunter ähnliche Szenerien.

Eine egomane Diva

Hirokazu Kore-eda ist ein Meister der sensibel gezeichneten Familienporträts. In einer mondänen Villa etwas außerhalb von Paris wohnt Fabienne, gespielt von Catherine Deneuve, eine französische Star-Schauspielerin über 70, die sich ihr Leben lang nicht groß um ihre Liebsten gekümmert hat, sondern lieber ihre Egozentrik pflegte. Bevor man sie im Film sieht, hört man schon ihre Stimme. Sie sitzt im Gartenerker ihres Hauses und wird von einem Journalisten interviewt. Der hat offenbar eine Frage gestellt, mit der Deneuve schon einmal konfrontiert wurde. Schnippisch entgegnet sie: „Das habe ich schon in der Liberation beantwortet. Sie müssen sie nur lesen.“ Sie sagt das mit einer Mischung aus Hochnäsigkeit und Charme, die entwaffnend ist. Auch sehr eitel.

Wie verrückt muss man als Schauspielerin sein?

Letztlich geht es in „La Vérité“ um die Frage, ob man nicht einen gewissen Sprung in der Schüssel braucht, um das seltsame Leben einer Schauspielerin oder auch Schauspielers führen zu können. Zum einen ist Exzentrik wichtig, zum anderen erscheint diese Spezies Mensch so aufmerksamkeitssüchtig wie liebesbedürftig. Selbstverliebt und verletzlich zugleich. In einer Familie kann das Sprengkraft entwickeln. Im Film bekommt Fabienne Besuch von ihrer Tochter, gespielt von Juliette Binoche, einer Drehbuchautorin, die in den USA lebt und mit Mann und Kind nach Paris kommt. Ihre Mutter hat gerade eine Autobiographie herausgebracht. In der steht nicht die Wahrheit, sondern das, was Fabienne für lesenswert hält.

Japanisches und französisches Kino treffen aufeinander

Catherine Deneuve und Juliette Binoche spielen unter der Regie von Hirokazu Kore-eda pointierter als sonst. Die jüngere Binoche wirkt agil, in manchen Szenen energetisch aufgeladen, sehr beweglich und flott. Und die ältere Deneuve scheint die Coolness ihres Charakters zu genießen. Sie agiert minimalistisch. Zuckt mit nur einer Augenbraue, wenn ihr etwas missfällt. Verzieht das Gesicht. Und raucht wie ein Schlot, hat dauernd eine Kippe im Mundwinkel – so, als müsste sie auch in der Familie eine Rolle spielen. Mit Kore-eda hat sie einen Regisseur, der solche Momente ohne Dialoge achtsam inszeniert. Der so einfache wie ausdrucksvolle Kinobilder schafft – etwa, wenn er die Diva beobachtet, wie sie im Leopardenmantel und mit Hund bei einem einsamen Spaziergang durch eine herbstliche Allee mit einer Kastanie Fußball spielt und sie dann missmutig zur Seite kickt.

Sanftes Drama der Innerlichkeit

Welchen Preis zahlt Deneuves Figur dafür, dass sie ihr Leben lang immer nur auf sich selbst geschaut hat? Wie sehr hat ihre Tochter darunter gelitten? Und was gibt die davon wiederum an ihre Tochter weiter? Hirokazu Kore-eda erzählt psychologisch einfühlsam. Verwandtschaftliche Beziehungen inszeniert er sanfter, als das wohl so mancher europäischer Kollege täte. Nicht nur in den Bildern des Gartens entsteht eine andere Form der Innerlichkeit. Die Kombination des japanischen Regisseurs mit den großen französischen Schauspielerinnen funktioniert hervorragend. Am Ende bittet die Deneuve ihren Assistenten, den Journalisten vom Anfang noch einmal zu kontaktieren. Sie sei ihm da noch eine Antwort schuldig …

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