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So dekonstruiert Porumboiu mit "La Gomera" den Film Noir | BR24

© Alamode Film

Niemand ist sicher: Catrinel Marlon in "La Gomera"

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So dekonstruiert Porumboiu mit "La Gomera" den Film Noir

Der rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu ist einer der Großen des europäischen Kinos. In "La Gomera" schickt er einen Polizisten auf eine assoziative Tour de Force durch die Welt der Gangster. Ein Verwirrspiel, auch für den Zuschauer.

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Der Film beginnt beschwingt mit Iggy Pops "The Passenger", einem Song über einen Mann, der rastlos und begierig unterwegs ist, ein moderner Nomade, der fährt und fährt und auch mit den hässlichen Seiten des Lebens konfrontiert wird. Christi heißt die Hauptfigur des Films, ein korrupter Polizist aus Bukarest. Er hat mit der rumänischen Mafia gemeinsame Sache gemacht, doch dann ist etwas schief gelaufen. Ein Unternehmer wurde wegen des Verdachts der Geldwäsche verhaftet – nun soll Christi ihn wieder frei bekommen.

Regisseur Corneliu Porumboiu dekonstruiert in "La Gomera" den klassischen Film noir, die legendären Krimis der Schwarzen Serie, die in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Hollywood prägten – mit Werken wie "Die Spur des Falken" von John Huston, "Out of the Past" von Jacques Tourneur oder "Frau ohne Gewissen" von Billy Wilder. Dass der Regisseur lustvoll mit dem Genre spielt, macht nicht nur Iggy Pops "The Passenger" deutlich, sondern auch die verrückte Geschichte: Das erste Bild zeigt den Polizisten Christi auf einem schwankenden Schiff, das sich der felsigen Küste der kanarischen Insel La Gomera nähert. Dort soll der korrupte Bulle "El Silbo" lernen, die Pfeifsprache der Ureinwohner. Mit ihr wollen die Mafiosi und Christi in Bukarest verschlüsselt und ungestört kommunizieren können.

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Weit weg vom Pfeifen: Gangster unter sich

Sittenbild aus vielen Blickwinkeln

Corneliu Porumboiu spielt mit den Klischees des Gangsterfilms, zieht doppelte Böden ein, überhöht und verfremdet, wirbelt Zitate und Versatzstücke wild durcheinander. Musikalisch bedient er sich auch noch an "Mackie Messer" und an ein paar Opernarien wie aus "Die Hochzeit des Figaro". Es gibt eine Femme fatale und die irgendwann nicht mehr begreifbaren Verwicklungen der Handlung. Jede der zentralen Figuren bekommt ihr eigenes Kapitel, in dem die Ereignisse aus ihrer jeweiligen Sicht erzählt werden. Fast wie in Akira Kurosawas "Rashomon", dem Klassiker des japanischen Kriminalfilms: Unsere Perspektive ist immer subjektiv und wird geleitet von den eigenen Interessen. Da erweist sich "La Gomera" dann mehr und mehr als das Sittenbild einer politisch aus den Fugen geratenen globalen Wirtschaftsordnung, in der jeder nur noch seine Ziele verfolgt und Macht dazu da ist, um sie zu missbrauchen.

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Surreale Situation in "La Gomera"

Visuell assoziative Tour de Force

Alles hängt mit allem zusammen. Da geht es dann auch um die Unterschiede zwischen Ost und West – plötzlich mischen spanische Drogenschmuggler mit, das Finale findet in Singapur statt. Komplex und stellenweise überfordernd ist dieser Film, rätselhaft, frech und in seinem Grundton doch ganz einfach: Die Welt, in der wir leben, wird zunehmend undurchschaubar. Niemandem kann man mehr so recht vertrauen. Corneliu Porumboiu, einer der großen Filmkünstler des europäischen Kinos, inszeniert das als visuell assoziative Tour de Force, bei der alles faszinierend in Bewegung gerät und nichts greifbar ist, so wie in Iggy Pops "The Passenger".

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