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Fiese Männer am Volkstheater München | BR24

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Eher pubertär als fies sind sie, diese Männer in Abdullah Kenan Karacas Stück "Kurze Interviews mit fiesen Männern" am Münchner Volkstheater – und doch stellen sie diese eine Frage, die an den Grundfesten menschlicher Moralvorstellungen kratzt.

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Fiese Männer am Volkstheater München

Eher pubertär als fies sind sie, diese Männer in Abdullah Kenan Karacas Stück "Kurze Interviews mit fiesen Männern" am Münchner Volkstheater – und doch stellen sie diese eine Frage, die an den Grundfesten menschlicher Moralvorstellungen kratzt.

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Fies sind diese hier eigentlich nicht wirklich: die drei da in ihrem langgestreckten Rattenkäfig, der sie zwischen den beiden Tribünen unerbittlich dem Zuschauerblick ausliefert und aus dem es für sie kein Entrinnen gibt. Jung sind sie, hyperaktiv, pubertär. Und so wiederholen sie ständig diese Spiele, die Mann so spielt, wenn Testosteron das Hirn flutet und sich im Tritt in den Schritt und im Quetschen der Brustwarzen Aggression mit Homoerotik paart.

Liest man David Foster Wallaces "Kurze Interviews mit fiesen Männern", dann hat man wirklich fiese Männer vor Augen: abgetakelte Machowracks, die sich zum einen ihre Welt zurechtmonologisieren, in der man nur die richtige Strategie haben muss, in der die Frauen willig und die Rollen noch verteilt sind, und die zum anderen ihre Ängste und Unsicherheiten aus sich herauskotzen, ohne dass sie das irgendwie sympathischer machen würde.

© Gabriele Neeb/Münchner Volkstheater

"Kurze Interviews mit fiesen Männern" nach David Foster Wallace am Münchner Volkstheater

Weniger fies als in der Vorlage

In der Theaterversion von Abdullah Kenan Karaca sind sie anders: Hormonspunde ja, genitalfixiert sicher und doch schützt sie allein schon ihre Jugend davor, bereits fiese Männer zu sein. Zudem hat der Regisseur einige der fiesesten Texte wohl bewusst weggelassen und sich eher auf jene verlassen, in denen die Sensibilitäten zu Tage treten, die Unsicherheiten, die Verletzungen. Auch wenn sie sich insbesondere im Dreiklang natürlich immer wieder gegenseitig in die Machosprüche über Frauen hineintreiben.

Abdullah Kenan Karaca kann sich glücklich schätzen mit Silas Breiding, Jakob Immervoll und Jonathan Müller drei ebenso spielfreudige wie persönlichkeitsstarke Spieler auf seinen ausweglosen Laufsteg schicken zu können. Sie sind es, die bei manchem sich dann doch wiederholendem pubertären Aktionismus auf der Bühne durch die immer wieder einbrechende Ruhe und Präsenz ihrer Monologe die Aufmerksamkeit zurückholen können. Sei es, wenn da aus dem einen die Kindheitserinnerung an jenen Moment heraus bricht, als der Vater ihm plötzlich sein entblößtes Geschlecht vors Gesicht hielt. Seien es die komplizierten Masturbationsmechanismen des anderen. Oder aber, wenn der dritte jene verstörende Frage stellt, die David Foster Wallace bereit war, einer seiner Figuren in den Mund zu legen, und die an den Grundfesten menschlicher Moralvorstellungen kratzt: Was wäre, wenn erst die unmittelbare Erfahrung brutalster und entwürdigendster Gewalt wie etwa einer Vergewaltigung und damit der tiefste Blick in menschliche Möglichkeiten den Menschen zum Menschen machen würde?

Es sind solche Verstörungen, die diese "kurzen Interviews" am Münchner Volkstheater so nachdenkenswert machen und sie über jene Erkenntnis heben, die uns wieder einmal erzählt, dass noch in den fiesesten Männern einst eigentlich ganz nette Jungs steckten.

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