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Kunstvoll und altersweise: Neuer Saxofon-Jazz von Joe Lovano | BR24

© Audio: BR / Bild: ECM Records
Bildrechte: ECM Records

Von Cool Jazz und Soul Jazz zur abgeklärten Kunstmusik - Joe Lovano überzeugt mit seinem Trio Tapestry auf "Garden Of Expression".

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Kunstvoll und altersweise: Neuer Saxofon-Jazz von Joe Lovano

Der US-Amerikaner gilt als einer der besten Jazz-Saxofonisten, die Elite-Musikhochschule Berklee hat ihm deshalb einen Ehrendoktortitel verliehen. Jetzt hat der 68-jährige "Garden Of Expression" eingespielt - ein sprödes, meta-physisches Alterswerk.

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Von
  • Markus Mayer

Die alten Griechen unterschieden in Physis und Physik, sie kannten aber auch die Meta-Physik, die Lehre von den letzten Dingen, das Wissen um die unsichtbaren Prinzipien, die alles zusammenhalten bzw. hinter den Erscheinungen stehen. Mit Physis, dem Körper, und der Physik, der Erforschung der grundlegenden Phänomene der Natur, beschäftigte man sich zeitlebens, Werke darüber konnte man auch als junger Mensch schreiben. An die Metaphysik, die Schau der wesentlichen Voraussetzungen, wagte man sich, so die Denker der Antike, am besten im fortgeschrittenen Alter, wenn man raus war aus dem rat race, als reifer und erfahrener Zeitgenosse, der das alltägliche Business und den Fortpflanzungskram hinter sich hatte.

Nüchtern und zauberhaft

Mit 68 Jahren hat Joe Lovano nun ein Alterswerk eingespielt, ein reichlich sprödes, meta-physisches Album, könnte man meinen, das sich deutlich unterscheidet von der Sinnlichkeit früherer Auftritte und Longplayer. Ein Album, das nüchtern, aber auch zauberhaft auf die Grenzen des Sag- wie Hörbaren weist, auf die hauchfeinen Differenzen von Klang und Stille. Wenn man so will, kreist es um die letzten 'sagbaren' Dinge in der Musik wie im Leben, um die Verquickung von Bewusstsein und Unbewusstem sowie die Übergänge zwischen diesen Zuständen.

Auch wenn das einigen Jazzfans spanisch vorkommen mag: Lovano kreiert luftige Gebilde aus kunstvollen Improvisationen und wie hingetuschten Melodien - zusammen mit seinen kongenialen Mitstreitern, der nur wenige Jahre älteren Avantgarde-Pianistin Marilyn Crispell, die sich stets auch der Neuen Musik verschrieben hat, und seinem altem Freund, dem Schlagzeuger Carmen Castaldi, der sein Instrument auf "Garden Of Expression" kein einziges Mal als simple Rhythmus-Maschine einsetzt, sondern immer nur, auf den Becken und Trommeln Schallereignisse produzierend, das Wechselspiel seiner Kollegen akzentuiert, mit einzelnen Schlägen anstößt, begleitet, Kontrapunkte setzt.

© ECM
Bildrechte: ECM

"Garden Of Expression": Das Cover des neuen Joe Lovano-Albums

Lovano hat mit fast allen Großen und Größen des amerikanischen Jazz gespielt. Sein erstes Album als Bandleader hat er 1985 aufgenommen, es hieß Tones, Shapes And Colors, ein Titel, der Musik als gleichsam physische Phänomene beschreibt. Das Album, das er zu Beginn der 1990er Jahre für Blue Note Records, das Vorzeige-Jazz-Label schlechthin, abgeliefert hat, heißt From The Soul, auch das ein Fingerzeig, in welchen Traditionslinien sich der bärenhafte Saxophonist mit dem phantastisch kraftvollen, aber nicht protzigen Ton verortet – Jazz als Kunstform, die in der Physis, im seelischen Erleben verankert ist und die Seelenkraft bestärken und verbessern will.

Vom Cool Jazz und Soul Jazz zu zeitloser Kunstmusik

An der Grenze des Hörbaren wird oft operiert. Die Titel der Stücke zeigen, in welche Richtung die Reise geht: Chapel Song, Sacred Chant, Treasured Moments heißen sie, Dream On That oder Zen Like: Es geht um ein gleichsam religiöses Empfinden, ein Verbundensein mit höheren Mächten, um das Heilige also, um subtile Schritte zwischen Nacht und Tag, zwischen Traum und Wirklichkeit. Lovanos Ton auf dem Tenor-Sax ist phantastisch und atemberaubend rund, in höchstem Maße beweglich und stets fein-nuanciert. Ein Genuss, dem unbändigen Gestaltungsreichtum dieses Meistermusikers zuzuhören, der immer wieder neue Details in seinem Spiel aufdeckt bzw. hörbar macht.

Joe Lovano und sein Trio Tapestry legen mit "Garden Of Expression" - übrigens bereits das zweite dieser Formation für ECM - ein Meisterwerk des lyrischen, kammermusikalischen Jazz vor. Dass sich dieses Album nahtlos in die vielgerühmte und manchmal auch geschmähte Klangästhetik dieses Labels einfügt, ist klar, steht aber auf einem anderen Blatt.

Garden Of Expression, Joe Lovanos feinsinniges, geradezu meta-physisches Spätwerk, ist bei der Edition Of Contemporary Music (ECM) erschienen.

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