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© Audio: BR | Bild: Carolina Camilla Kreusch
Bildrechte: Carolina Camilla Kreusch

Bekommt den Kulturpreis Bayern: Die Künstlerin Carolina Camilla Kreusch

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Kunstpreis für Carolina Camilla Kreusch: "Oschis sind's schon"

Carolina Camilla Kreusch ist familiär vorbelastet: Mutter und Brüder haben sich allesamt musikalisch einen Namen gemacht. Die 42-Jährige fand dagegen in der Bildenden Kunst ihren Weg. Dafür bekommt sie jetzt den Kulturpreis Bayern.

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Von
  • Roland Biswurm

Carolina Camilla, das Nesthäkchen, geboren 1978 in Ottobrunn bei München, wollte eigentlich ihren beiden großen Brüdern nacheifern. Oder der Mutter, der weithin berühmten Musikpädagogin und Kinderliedautorin Dorothée Kreusch-Jakob: "Ich denk immer daran, dass Cornelius unten den 'Verloren Groschen' gespielt hat auf dem Flügel. Gegenüber übte Johannes seinen Bach. Die Mama tippte auf der Schreibmaschine. Und ich sollte einschlafen bei diesem Brei. Ich wollte dem schon nacheifern. Aber wenn es dann alle schon so gut können und alle schon eine gewisse Professionalität erreicht haben, dann möchtest du deine eigene Sprache finden. Und dann musst du auch laut genug sein. Und das war ich nicht", sagt Carolina Camilla Kreusch im Rückblick.

Eigensinn liegt in der Familie

Kreativität und Eigensinn, das sind bis heute die Hauptthemen bei den Kreuschs. Bei den Eltern in Ottobrunn. Beim Bruder Johannes Tonio in München, der weltweit als Gitarrist konzertiert und Gitarrenfestivals kuratiert. Und bei Cornelius Claudio, dem erstgeborenen Alphatier. Er spielt Klavier wie die Mutter und vertreibt die Familienprodukte auf einem eigenen Label. Carolina Camilla lernte zunächst ebenfalls Klavier und Geige, bastelte aber lieber seltsame Objekte – quasi abstrahierte Klaviere und Geigen – zunächst aus Karton, später dann aus Holz, Plexiglas, Verbundplatten.

"Wenn ich in einen Raum komme und eines meiner Objekte dort platziere", erzählt Carolina Camilla Kreusch, "dann geht es mir darum, ein System zu schaffen zwischen technischer Funktionalität und organischen Zusammenhängen. Also: Objekte aus Karton wuchern in den Raum rein. Die haben Kabelfortsätze, Klappen, Rohre, Antennen, Schläuche, die in den Raum hineingehen und sich mit anderen Objekten verbinden. Und es wuchert immer weiter. Dann säge ich da mal ein Teil ab. Und manchmal passiert es, dass eines dieser Bruchstücke als autonomes Objekt weiter existiert, so wie bei einer Zellteilung. Das verändere ich dann auch nicht mehr. Oft werden diese Dinger dann so groß, dass man sich fragt, wie sind diese Oschis überhaupt hier reingekommen – denn Oschis sind's schon."

© Amelie Niederbuchner

"Klimakisten I - III" (2019, Kunststoff, Autolack)

© Amelie Niederbuchner

"Irische_Butter" (2020, Kühlschrank, Schlagmetall, Spanngurt, Karton, Acryllack)

© Amelie Niederbuchner

Ausstellungsansicht: Carolina Kreusch in der Städtischen Galerie Rosenheim (2019)

© Amelie Niederbuchner

"scheints" (2019, Spanplatte. Balsaholz, Lack, Pigment)

© Amelie Niederbuchner

"Umständlichkeit der Umgebung" (2018, Spanplatte, Autofolie)

© Amelie Niederbuchner

"raum schwankt himmel fährt" (2020)

© Amelie Niederbuchner

"Pistazienrutsche" (2019, Objet trouvé, Balsaholz, Acryllack, Pigment)

Schauen, was entsteht

Seltsame apparative Figurinen sind das, die da vor sich hin wuchern. Die Künstlerin weiß selbst nicht genau, wie sie sie bezeichnen würde: "Wie soll ich's denn nennen? Gut, es sind Körper, die entstehen, weil sie entstehen und weil ich Lust habe, dass sie wachsen und wuchern können. Und wenn ich eine Farbfläche an die andere setze – was entsteht daraus? Es ist nichts Konkretes, nichts, was ich jetzt schon weiß. Also, es ist irre: Wenn ich diese Momente erlebe, dann verstehe ich für einen kurzen Augenblick, dann begreife ich die Welt, die ich eigentlich nicht greifen kann."

Carolina Camilla Kreusch sammelt Wortschnipsel, die sich zu Titeln für ihre Körper entwickeln können. Sie sammelt Reste von Kartonagen, Holzplatten, Alltagsgegenständen, objets trouvés, ready mades. Und sie gruppiert sie zu neuen Körpern. Das ist der Arbeit des Dadaisten Kurt Schwitters nicht unähnlich, der aus Alltagsgegenständen, "kommerziellen Artefakten", den sogenannten Merzbau errichtet hat.

Körper warten wie Zombies

Noch ist ihr Atelier im Süden Münchens klein und überschaubar: Balsaholz-Stöckchen liegen wie zufällig gefallene Mikado-Stäbchen am Boden. Schon das könnte ja ein Kunstwerk sein, den Betrachter zu einem philosophischen Räsonnement zu verführen über den Zufall, über die Geradlinigkeit von Holzstäbchen, über Goethes Farbenlehre, über die Stille, in der all das stattfinden kann. Gewesene, doch noch immer anwesende Körper lagern im Keller in unterschiedlichen Räumen und warten – Zombies gleich – auf Wiederauferstehung. Für all das erhält Carolina Camilla Kreusch den Kunstpreis Bayern in diesem krisengeschüttelten Jahr.

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