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Magnetische Broschen, fließendes Titan: der Danner-Preis 2020 | BR24

© Danner-Stiftung / Eva Jünger

Schön und vergänglich: Die Magnet-Brosche "Wohin" von Bettina Dittlmann aus Magnet, Eisen, Emaille, Pyrit und Granat

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    Magnetische Broschen, fließendes Titan: der Danner-Preis 2020

    Der Danner-Preis ist einer der wichtigsten Preise für Kunsthandwerk in Deutschland. Im 100. Jubiläumsjahr der Stiftung waren Preisgelder von insgesamt 36.000 Euro zu vergeben. Der Hauptpreis geht an die Passauer Schmuckkünstlerin Bettina Dittlmann.

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    Die Brosche, für die die Schmuckkünstlerin Bettina Dittlmann den in diesem Jahr mit 20.000 Euro dotierten Hauptpreis des Danner-Preises bekommt, mag auf den ersten Blick gar nicht so kompliziert aussehen, tatsächlich aber könnte man ein ganzes Buch über sie schreiben: Um einen runden, 6 cm großen roten Scheibenmagneten ordnen sich viele kleine, aus Eisendraht gelötete, ebenfalls rote Einzelteile an. Wie genau der Anhänger am Ende aussieht, bleibt also dem Zufall überlassen: es ist das Magnetfeld, das darüber bestimmt. Zufall und Gestaltung, oder wenn man so will: die Kräfte der Natur und die Fähigkeit des Menschen, seine Umwelt nach seinem Willen zu formen, kommen in diesem Stück zusammen. Und mit einer einzigen Handbewegung kann man alles wieder wegwischen.

    "Ich wollte nicht mehr statisch, sondern mobil, also vergänglich arbeiten und habe am Anfang auf die Magnete, die ich geerbt habe von meinem Vater, einfach nur Elemente aus der Werkstatt drauf getan und habe gesehen, wow, das formt sich sofort zu einer Form wie meine Broschen vorher ausschauen, aber es ist einfach das total Auflösbare. Es ist zwar eine Form, aber wenn du es wegnimmst, sind es wieder Einzelteile, und das hat für mich total toll den Wandel im Moment mit der Frage wird es gut oder wird es schlecht symbolisiert." (Bettina Dittlmann)

    Das Themenspektrum, das in dem Stück liegt, ist enorm: Vom familiären Hintergrund – die Magnete stammen aus der Werkstatt des Vaters, der Ingenieur war – bis zur Symbolisierung der aktuell so unsicheren politischen und gesellschaftlichen Zustände. Bettina Dittlmann hat lange in Amerika gelebt, die dortige politische Situation geht ihr persönlich sehr nah.

    Die Veredelung des Nicht-Edlen

    Schon die Auswahl der Materialien ist tief durchdacht: Neodym-Magnete sind ein Material der Zeit, kaum ein elektronisches Gerät, das ohne Magnetismus auskommt. Die filigranen Lötarbeiten und die kräftige Emaille-Farbe wiederum wurzeln in mittelalterlicher Schmuckkunst. Traditionelle Schmucktechniken wurden ganz neu interpretiert. Dabei ist es gar nicht so einfach, Eisen zu löten. Doch gerade dafür ist Bettina Dittlmann bekannt: Ihre hochkomplexen Broschen aus gelötetem Eisendraht bestehen aus bis zu 10.000 Lötstellen, rund zwei Monate arbeitet die Künstlerin daran. Am Ende werden die Stücke emailliert, also mit Emaillepulver bestreut und in den heißen Ofen gesteckt, eine gefährliche Angelegenheit: Bleibt die Arbeit nur wenige Sekunden zu lang im Ofen, lösen sich die Lötstellen auf und alles schmilzt dahin. Trotzdem benutzt Bettina Dittlmann seit Jahren fast ausschließlich das schwarze und spröde Material Eisen, also ein im Schmuck völlig unübliches Metall. Es geht ihr um die Veredelung des Nicht-Edlen:

    "Ich wollte immer etwas nehmen, was mir zufällt, ich wollte nichts kaufen, ich wollte einfach was herstellen, was wegen mir interessant ist und nicht wegen dem, was es ist, weil ich habe eigentlich ein Problem mit Werten irgendwie, das ist ein Riesen-Thema für mich, was ist das Geld dahinter, was ist Markt, was ist der Wert, der von außen kommen und dem habe ich mich Gottseidank in meiner Arbeit vollkommen entzogen und bin dann aber bei Sachen angekommen, von denen ich selber so einen Respekt habe, dass ich mich teilweise den Preis nicht aussprechen trau." (Bettina Dittlmann)
    © Danner-Stiftung / Eva Jünger

    Aus Titan geschmiedete Objekte „Stromboli“ und „Vulkano“ von Otto Baier

    Neben dem Hauptpreis an Bettina Dittlmann hat die Danner-Stiftung vier weitere, mit jeweils 4.000 Euro dotierte Ehrenpreise vergeben. Der Schmied Otto Baier aus München-Obermenzing gewann mit zwei aus Titan geschmiedeten Objekten. Titan ist extrem schwer zu schmieden, trotzdem wirken Otto Baiers Objekte als seien sie mit großer Leichtigkeit einfach in der Hand geknetet. Otto Baier ist hier an die Grenzen des Materials gegangen. Die Objekte heißen "Stromboli" und "Vulkano" – als Schmied ist Baier gewissermaßen von Berufs wegen ein Mann des Feuers und ist fasziniert von Vulkanen:

    "Die Kraft von Vulkanen, die ist gewaltig … ich war da auf dem Stromboli und hab da runtergeschaut und es hat gebrodelt, das war für mich ein wahnsinniges Erlebnis." (Otto Baier)

    Der Münchner Schmuckkünstler Peter Bauhuis erhielt einen Danner-Ehrenpreis für eine Reihe von „Kettenskulpturen". Wie kleine Bäume wachsen die Skulpturen aus Silber und der Legierung Tumbaga aus Kupfer und Gold über einem oder zwei schlanken Stämmen empor. Die Kronen der Bäume bestehen aus ineinandergelegten ovalen Ringen. Die Herstellung des Wachsmodells ist eine echte Puzzlearbeit.

    "Durch das Gießen entsteht dann eine Skulptur mit dem Potential einer Halskette: Würde man sie auseinander schneiden, erhielte man eine tragbare Gliederkette, eine Kette aus einem einzigen Stück. Die Skulptur ginge dabei allerdings verloren." (Peter Bauhuis)
    © Danner-Stiftung / Eva Jünger

    "Kettenskulpturen" des Münchner Schmuckkünstlers Peter Bauhuis

    Ein weitere Danner-Ehrenpreis ging an die Keramikerin Petra Bittl für eine Gruppe keramischer Figuren aus Steinzeug mit Porzellan-Inlays. Es sind Arbeiten an der Grenze zwischen Skulptur und Gefäß und erinnern an menschliche Körper. Die Hohlkörper bauchen sich unregelmäßig auf, mal verlaufen sie in Wellen, mal bilden sie scharfe Grate. Die Oberflächengestaltung mit weißen Porzellan-Inlays erinnert an textile Strukturen, und schient sich wie ein Gewand um die Körper zu legen. Die Farbigkeit der Gefäße rangiert von braun und anthrazit bis hin zu Eisenrot, Gelb und Grün und entsteht ausschließlich durch die verschiedenen keramischen Massen.

    "Die Farben berühren mich, sie haben den Herbst und leider auch den Winter mit all seinen Konsequenzen und Folgen in sich, der sich in der Landschaft ausbreitet." (Petra Bittl)
    © Danner-Stiftung / Eva Jünger

    Objekte „Paar“ und „Wintergestalt“ der Keramikerin Petra Bittl

    Paul Müller wurde für eine Gruppe von Kerzenleuchtern aus glasperlengestrahltem und geschliffenem Edelstahl ausgezeichnet: filigran, fast grafisch in der Form, mit sehr klaren Konstruktion und in hochpräziser Ausführung. Der Leuchter "Stilles Fest" kommt ganz ohne Tüllen aus, die Kerzen werden direkt auf den Dorn gesteckt. Die Leuchter der Reihe "Stativ für eine Kerze" wiederum bestehen aus drei einzelnen Teilen und können auseinander genommen werden.

    "Das Leuchterthema bietet für mich gestalterisch die größten Möglichkeiten, von den technischen Herausforderungen ist es ja nicht viel: Er muss stehen, man muss die Kerze reinstecken können, das Wachs muss abtropfen könne… aber ansonsten kann ich ja machen was ich möchte, das hat mich immer wieder zu dem Thema hingezogen." (Paul Müller)

    Natürlich sind die Leuchter voll funktionsfähig, die Tüllen können zur besseren Reinigung einfach abgeschraubt werden. Denn auch wenn die Leuchter schon als Skulpturen ihre Berechtigung haben, so richtig strahlen sie erst, wenn man sie auch benutzt.

    "Wenn ich daheim mein Abendessen mache, dann zünde ich auch gern dazu meinen Kerzenleuchter an. Das ist vielleicht anachronistisch, aber dann ist es ein schöner Anachronismus." (Paul Müller)

    Die Arbeiten der Danner-Preisträger, aller Finalisten sowie weitere Stücke aus der Sammlung der Stiftung werden ab 15. Oktober 2020 in einer großen Ausstellung in der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen sein.

    © Danner-Stiftung / Eva Jünger

    Kerzenleuchter aus Edelstahl von Paul Müller

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