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So steht es um die Kunstfreiheit in China | BR24

© Bayern 2 kulturWelt

Selbstzensur als Versteckspiel: So lässt sich das Prinzip umschreiben, nach dem viele Künstler in China arbeiten. Denn wer zu kritisch ist, bekommt Probleme oder landet im Gefängnis. Also haben sich die Kunstschaffenden Strategien ausgedacht.

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So steht es um die Kunstfreiheit in China

Selbstzensur als Versteckspiel: So lässt sich das Prinzip umschreiben, nach dem viele Künstler in China arbeiten. Denn wer zu kritisch ist, bekommt Probleme oder landet im Gefängnis. Also haben sich die Kunstschaffenden Strategien ausgedacht.

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Verteilt über die Bühne führen Menschen in blauen Arbeitskitteln hektisch immer gleiche Bewegungsmuster aus, ein jeder für sich. Dabei skandieren sie in Endlosschleife die dazugehörigen Arbeitsanweisungen: "Öffnen Sie die Verpackung. Legen Sie die Komponenten ein. Schneiden Sie überschüssigen Draht ab."

Das Theaterstück "World Factory", Weltfabrik, hat der chinesische Performancekünstler Zhao Chuan über mehrere Jahre gemeinsam mit Industriearbeitern im südchinesischen Shenzhen entwickelt. Die Laiendarsteller bringen darin ihren eigenen redundanten und belastenden Alltag in chinesischen Megafabriken auf die Bühne. Unter Zeitdruck müssen sie den immer gleichen Arbeitsschritt millionenfach wiederholen, oft mehr als zehn Stunden täglich, sechs Tage die Woche, bei geringer Bezahlung. Durch die Inszenierung schaffen sie ein Bewusstsein für die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, bei den Zuschauern und noch viel mehr bei sich selbst. Um diese reflexive Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensbedingungen geht es Zhao Chuan bei seinen interaktiven Theaterworkshops.

Von der Fabrik auf die Bühne

"Es ist vielleicht eine Art von Selbstvertrauen, das sie entwickeln, ein Vertrauen in sich selbst als Arbeiter", erklärt Chuan. "Ihr Leben ist so hart. Wenn sie tapferer werden, um sich dem zu stellen, ginge es ihnen besser. In diesem Land ermutigen wir die Menschen nicht, offen zu sein, sich abzuheben, ihre Meinung zu äußern, das ist nicht unsere Tradition. Schon als Kind warnen dich deine Eltern: Sei vorsichtig, was du sagst. Es ist nicht gut, wenn du zu viel sagst. Bei uns im Theater weinen die Menschen ziemlich häufig, wenn sie dann etwas erzählen. Zuweilen müssen die Menschen einfach ihre Emotionen teilen."

Zhao Chuan sieht es als seine Aufgabe an, mit Theaterworkshops und -performances eine offenere und ehrlichere Verbindung zwischen den Menschen zu schaffen, jenseits der gängigen Tabuthemen. Dass die Theaterstücke, die er gemeinsam mit seinem Kollektiv Grass Stage entwickelt, nicht auf staatlichen Bühnen aufgeführt werden dürfen, ist eine der weniger schlimmen Konsequenzen, die politisch motivierten Künstlern und ihren Werken in China drohen.

© Chen Hangfeng

Kein Entkommen für Seifenblasen: Die Installation "Cannot Help Them" von Chen Hangfeng

Wer zu kritisch ist, bekommt Probleme

Kritische Kunstschaffende riskieren in China kontinuierlich ihr eigenes Wohlergehen und zuweilen ihre Freiheit. Als der Medienkünstler Chen Hangfeng seine Installation "Cannot Help Them" erstmals ausstellte – die Arbeit besteht aus einem engen Drahtkäfig, in den eine kleine Maschine Seifenblasen bläst, beim Versuch den Käfig zu verlassen, zerplatzen diese allesamt am Gitter – wurde er vorgeladen: "Ich bekam einen Anruf von der Kulturpolizei: Du bist sehr aktiv, wir wollen wissen, was du tust", erzählt Hangfeng. "Am Anfang war ich etwas paranoid, ich könnte im Gefängnis landen. Das ist meinem Schulkameraden passiert. Es gibt Künstler, die sich mit bestimmten sehr sensiblen Themen wie Korruption oder Menschenrechten beschäftigen oder Xi Jinping kritisieren. Mein Schulfreund hat eine Arbeit gemacht, in der er sich über diesen Kerl lustig macht, dann kam die Polizei in sein Studio – er ist Fotograf – und hat alle seine Festplatten mitgenommen. Seit zwei Monaten sitzt er im Gefängnis. Die Regierung versucht immer, einen Weg zu finden, dich zu kontrollieren und die Bürger versuchen immer, einen Weg zu finden, damit umzugehen."

© Chen Hangfeng

Bekam einen Anruf von der Kulturpolizei: Chen Hangfeng in seinem Atelier

Bei Chen Hangfeng blieb es bei einer Befragung und doch widmet sich der Künstler fortan eher politisch unverfänglicheren Themen, wie Umweltschutz, Kommerzialisierung oder künstlerischen Traditionen im Alten China.

Wie stellt man Vergewaltigung dar, ohne ins Gefängnis zu kommen?

Wenn überhaupt, dann werden politische Kommentare so subtil und unterschwellig in künstlerische Arbeiten eingewoben, dass sie für die Betrachter nur schwer zu dekodieren sind. Diese Form der Selbstzensur als Versteckspiel ist in der chinesischen Kunstszene längst selbstverständlich geworden, allein schon aus pragmatischen Gründen. Denn unliebsame Kunstwerke werden oft kommentarlos aus Galerien entfernt, kritische Ausstellungen oder Theaterstücke gar nicht erst zugelassen oder kurzfristig abgesagt.

So verbirgt die Künstlerin und Kunstprofessorin Monika Lin die wesentlichen Botschaften ihrer Arbeiten unter dem Tarnmantel des Schönen. "Wenn man ein Werk freundlich und harmlos erscheinen lässt, kommt man oft mit Vielem davon", sagt sie. "Das ist definitiv eine Strategie, die ich nutze. Meine Arbeit fällt dann unter den Radar. Oft, wenn die Bürokraten vorbeikommen und einen Blick auf meine Arbeiten werfen, halten sie inne und meinen: Oh, das ist wunderschön. Kein Problem. In einer Installation ging es um Vergewaltigung, aber sie sah nicht unbedingt danach aus. Nach offiziellen chinesischen Daten gibt es 87 Vergewaltigungen pro Tag, die Daten von NGOs, die hier in China arbeiten, zeigen, dass es zehnmal so viele sind. Meine Arbeit bestand aus 87 Keramikblumen, die von der Decke hingen und neun Scheinwerfern, um mit Schatten die fehlenden 90 Prozent zu erzeugen. Auch wenn ein Werk nicht politisch wirkt, kann es das sehr wohl sein."

© Monika Lin

Sieht schön aus, klagt aber an: Die Installation "Shadow Count" von Monika Lin

Kunstproduktion als Katz- und Mausspiel

Um der Zensur zu entgehen, verschleiern chinesische Künstler gekonnt ihre zentralen Anliegen. Die Kunstbetrachtung wird so zur Spurensuche. Die Kunstproduktion zum Katz- und Mausspiel mit den Behörden, zu einer Gratwanderung des Zeigbaren und einem andauernden Ausloten der Grenzen der Kunstfreiheit. Und doch bewahren sich einige Kunstschaffende einen gewissen Humor, versehen etwa die Kulturspitzel, die sich auf Ausstellungseröffnungen als interessierte Kenner ausgeben, mit Spitznamen wie "Chan Chan Dao", was so viel heißt wie "Die, die immer aufkreuzen".

Das Gros der Kunstszene kokettiert jedoch mit dem wachsenden Markt oder flüchtet sich in traumartige Parallelrealitäten, wie die Videokünstlerin Gao Yuan. Andere wiederum verweigern sich dem offiziellen Kunstbetrieb gänzlich oder müssen der Sicherheit halber Abstriche machen. So pausiert Zhao Chuan derzeit sein Theaterprojekt mit den Arbeitern in den Fabriken von Shenzhen. Zu groß ist die Furcht um das Wohl seiner Laiendarsteller.

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