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Bei dieser Kunstaktion sollen Österreicher Nazi-Nippes entsorgen | BR24

© Clara Wildberger/Steirischer Herbst

"Withdrawing Adolf Hitler From A Private Space"

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    Bei dieser Kunstaktion sollen Österreicher Nazi-Nippes entsorgen

    Der in Wien lebende japanische Künstler Yoshinori Niwa stellte in Graz einen Container zur Entsorgung von NS-Devotionalien auf. Auf Dachböden, in Kellern und Abstellkammern gebe es nämlich noch viel Nazi-Krempel, der "entprivatisiert" gehöre.

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    Er lebt seit 2016 in Wien und macht es seinem Gastland nicht gerade einfach: Der aus der japanischen Präfektur Aichi stammende Künstler Yoshinori Niwa, Jahrgang 1982, provoziert derzeit beim "Steirischen Herbst" die Österreicher mit einer politischen Kunst-Aktion unter dem Titel "Withdrawing Adolf Hitler From A Private Space" (Entfernung von Adolf Hitler aus der Privatsphäre). Auf einem Plakat nennt Niwa eine Telefon-Nummer, die alle Bürger anrufen können, bei denen auf dem Dachboden noch der Hut eines "Nazi-Opas" herumliege.

    Unter amtlicher Aufsicht wird der Inhalt vernichtet

    Mitten in Graz, auf dem dortigen Hauptplatz, hat der Japaner einen Container aufgestellt, in dem beunruhigte Zeitgenossen den Nazi-Nippes ihrer Vorfahren entsorgen können. Über die Absichten des Künstlers heißt es auf der offiziellen Internet-Seite des "Steirischen Herbsts": "In einer öffentlichen Kampagne bietet er an, unerwünschte oder kompromittierende Erinnerungsstücke aus der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus zu entsorgen. Die Menschen können sich auf anonyme Weise von diesen Objekten trennen, indem sie sie einfach in einen im Stadtzentrum aufgestellten Container werfen. Unter amtlicher Aufsicht und unter Einhaltung der entsprechenden gesetzlichen Vorschriften wird der Inhalt gesammelt und später vernichtet."

    © Clara Wildberger/Steirischer Herbst

    Yoshinoro Niwa betrachtet NS-Kunstpostkarten

    Die Anonymität der "Müll"-Entsorgung ist Niwa dabei sehr wichtig. Dem "Spiegel" sagte er: "Da es illegal ist, Nazi-Überbleibsel öffentlich zu zeigen, sieht man von ihnen nichts mehr auf den Straßen. Ich habe aber erfahren, dass es im Privaten noch ganz anders aussieht." Die Landespolizei der Steiermark drängte Niwa nach dessen Aussage, das Projekt zu beenden. Jedenfalls wird der Container täglich geleert, wohl um keine Interessenten anzulocken, die sich am Sammelgut bedienen könnten. Gerade in der derzeitigen politischen Situation Österreichs, wo viel von nationalistischen, ja "braunen" Gesinnungen die Rede ist, dürfte die Kunstaktion noch für viele Diskussionen sorgen. Im März jährte sich zum 80. Mal der berüchtigte "Anschluss", die Eingliederung Österreichs in das Dritte Reich. Für Österreicher traditionell ein schwieriges Thema, gab sich die Republik doch lange der Illusion hin, Hitlers "erstes Opfer" gewesen zu sein.

    Entscheidend ist es, die "Fantasie anzuregen"

    Tatsächlich jubelten Tausende auf dem Wiener Heldenplatz der NS-Führung zu. Kein Wunder, dass Niwa in Privatwohnungen noch zahlreiche Memorabilien aus dieser Zeit vermutet und diese professionell beseitigen will: "Wesentlicher Bestandteil dieses sich Entlastens ist es, dass die Öffentlichkeit nie erfahren wird, was und wie viel genau gesammelt wurde oder von wem die Gegenstände stammen. Es ist möglich, dass der Container randvoll ist; er kann aber auch leer bleiben." Für Niwa sei es "entscheidend, die Fantasie anzuregen", heißt es beim "Steirischen Herbst": "Die Besitzer und Besitzerinnen solcher Andenken sollen vor die ethische Wahl gestellt werden, an diesen Spuren einer belasteten Vergangenheit festzuhalten oder sich für eine 'saubere' Form der Entsorgung zu entscheiden, und in eine Zukunft aufzubrechen, die von solchen Objekten befreit ist."

    © Steirischer Herbst

    Design: Yelena Maksutay.

    Mit dem Wegwerfen von alten Büchern, vergilbten Fotos, verfänglichen Parteibüchern und rostigen Ehrenzeichen aus der NS-Zeit ist es für den Japaner nicht getan. Er sucht vielmehr Österreicher, die bereit sind, sich öffentlich zu äußern, schließlich seien mit den meisten Gegenständen ja "Familien-Erinnerungen" verbunden: "Yoshinori Niwa ist auf der Suche nach Menschen, die bereit sind, über solch unerwünschte oder kompromittierende Relikte in ihrem Besitz, über die Geschichte dazu und den zwiespältigen Umgang damit zu sprechen. Sie können so zum zweiten Teil des Projektes beitragen, eine Sammlung von Videodokumentationen, die auf www.steirischerherbst.at präsentiert wird. Für die Aufnahme besucht Sie der Künstler mit einem Kameramann. Natürlich können Sie im Video anonym bleiben und Ihre Privatsphäre wird entsprechend respektiert."

    © Mathias Völzke/Steirischer Herbst

    Der schwarze Container im öffentlichen Raum

    Er machte aus Pfütze A eine Pfütze B

    Mit historischer Aufarbeitung hat Niwa übrigens Erfahrung: In Moskau suchte er 2012 in Privatwohnungen nach Lenin-Reliquien und -fotos. 2014 verkaufte er das Recht, einen Müllhaufen in Manila auf den Philippinen zu taufen. Damit wollte er die Eigentumsrechte an Immobilien zum Thema machen und die Verquickung privater und öffentlicher Interessen kritisch hinterfragen. In Berlin machte er bei einer Performance 2004 aus einer "Pfütze A" im Ostteil eine "Pfütze B" im Westteil, in dem er das Wasser mit dem Mund ein paar Meter über die ehemalige Grenze beförderte.

    Noch bis zum 14. Oktober bei freiem Eintritt auf dem Grazer Hauptplatz und online beim Steirischen Herbst. Dort sind auch Videos zum Projekt "Withdrawing Adolf Hitler From A Private Space" zu sehen.

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