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Kunst zum Fühlen in der Pinakothek der Moderne in München | BR24

© Bayern2

Kunst einmal nicht zu erklären sondern zur unmittelbaren emotionalen Auseinandersetzung einzuladen, dass hat sich in München die Pinakothek der Moderne mit ihrer neuen Ausstellung zum Ziel gesetzt. Ihr Titel: "Feelings - Kunst und Emotion".

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Kunst zum Fühlen in der Pinakothek der Moderne in München

Kunst nicht verstehen, sondern fühlen: Mit der Ausstellung "Feelings" lädt die Pinakothek der Moderne zur unmittelbaren emotionalen Auseinandersetzung mit den gezeigten Werken ein. Weitere Informationen gibt es kaum. Geht das Konzept auf?

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Der wohl faszinierendste Raum in dieser Ausstellung ist der letzte, ein großer Raum. Vor den tiefgrün-türkisfarbigen Wänden hängt nur ein einziges Bild, Öl auf Leinwand.

Es ist das Porträt eines Mannes, die Grundfarbe des Bildes ist Rot, komplementär also zu den das Bild umgebenden Wänden. Der Mann auf dem Bild blickt den Betrachter unmittelbar an, sein Blick kommt aus schmalen verengten Augen und suggeriert –oder ist das nur die eigene subjektive Assoziation? – etwas verhohlen Tückisches, Aggressives. Unter seinem blutroten Haar klebt schräg ein weißer Fleck. Eine Blindstelle in seiner Wahrnehmung vielleicht? Der symbolisch eingezeichnete Verlust der Erinnerung oder des Bewusstseins?

Der Betrachter weiß es nicht. Auch liefert ihm die Ausstellung keinerlei Hinweis auf den Titel des Bildes, wann es entstanden ist oder wer es gemalt hat. Der Betrachter ist allein mit dem Bild, und seiner Konzentration, ansonsten ohne Kenntnisse, ohne Erklärungen, ohne Information.

Digitale statt analoger Gefühle

Dass das Porträt des Mannes in Rot von der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas stammt, im Jahr 1986 entstand und „The Accident“ heißt, also „Der Unfall“, erfährt der Museumsbesucher dann natürlich doch noch. Auf einem Touchscreen lassen sich einige wenige Grundinformationen direkt in der Ausstellung in Erfahrung bringen, aber das Konzept der Präsentation will den Besucher zurückführen auf seine unmittelbare Wahrnehmung und seine Emotion, sagt Kuratorin Nicola Graef.

Der Ausgangspunkt für die Ausstellung "Feelings" sei die Frage gewesen, inwieweit sich Gefühle, die Wahrnehmung von Gefühlen und Gefühle zwischen Menschen in den letzten Jahren verändert hätte, sagt Graef: "Vor allem auch durch die Digitalisierung, und durch den Ersatz des analogen Gefühls durch das digitale Gefühl, und dass das natürlich auch eine Form von Schwierigkeit mit sich gezogen hat, Empathie zu entwickeln, Zugang zu anderen Menschen zu entwickeln. Und wir haben uns gefragt, wie kann die Kunst ein Korrektiv dafür sein, uns wieder zu uns zurückzuführen."

© Alex Da Corte

"Feelings" zeigt eine große künstlerische Vielfalt: etwa Ölgemälde, Fotografien oder, wie hier, Videokunst: "Chelsea Hotel" von Alex Da Corte.

Die sieben Ausstellungsräume, die jeweils in ihrer Farbigkeit radikal variieren, kann der Besucher zum Teil wie einen Parcours der Entdeckungen durchlaufen. Rund 80 Arbeiten haben die Ausstellungsmacher zusammengeführt, ein Großteil aus den Beständen des Hauses, dazu einige Leihgaben. Die zweiteilige zehn Meter hohe Wandmalerei „Drei Hamburger Frauen“ ist eigens für die Ausstellung entstanden. Es sind Arbeiten in Öl, Fotografien, Videos, Installationen, Assemblagen, Fayencen von insgesamt 40 Künstlern und Künstlerinnen der letzten 50 Jahre. Neben unbekannteren stehen berühmte Namen: Tadeusz Kantor und Gotthard Graubner, Robert Morris, Elmgreen und Dragset oder Rosemarie Trockel.

Bescheid wissen über den eigenen Gefühlshaushalt

Unabhängig von der Popularität mancher Künstler aber ist hier eine großartige Ausstellung mit beinahe ausschließlich fabelhaften, betörend inspirierenden Exponaten gelungen, bei denen Bekanntheitsgrad, Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder Nationalität der Künstler keine Rolle spielen. Kurator Bernhard Schwenk: "Ich glaube dass wir heute von Strömungen und Atmosphären umgeben sind, die auch ausgenutzt werden von der Politik oder von der Werbung, dass es da ganz gut tut, wenn wir über unseren eigenen Gefühlshaushalt sehr gut Bescheid wissen. Also das wir uns ein bisschen trainieren, wie funktionieren Emotionen. Wie reagieren wir auf etwas, und dann können wir glaube ich wieder zum Verstand zurückkehren und eine sachliche Entscheidung treffen."

Ganz im Nebenbei wird in der Ausstellung natürlich auch die Autorität des Kunsthistorikers kurzerhand abgeschafft oder zumindest hinterfragt, letztlich sogar die Autorität des Künstlers, der hinter dem Kunstwerk verschwindet. Ein tolles, unbedingt sehenswertes Experiment!

Die Ausstellung "Feelings – Kunst und Emotion" in der Pinakothek der Moderne in München ist noch bis zum 04. Oktober 2020 zu sehen.

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