Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Die #Exist-Parade fordert mehr Raum für Kunst in München | BR24

© BBK

"Alles muss rein" ... in die kleine Galerie von Künstlerkollektiv Empfangshalle, am Ende der Parade der Künstler*innen beim 4. Kunstarealfest.

Per Mail sharen

    Die #Exist-Parade fordert mehr Raum für Kunst in München

    Mit Schubkarren voller Bilder und Skulpturen ziehen sie am Samstag durch Münchens Innenstadt: Mit der #Exist-Prozession wollen Kunst- und Kulturschaffende gegen Verdrängung protestieren. Ein Gespräch mit Bildhauer und Organisator Corbinian Böhm.

    Per Mail sharen

    Am 13. und 14. Juli lockt das 4. Kunstareal-Fest mit insgesamt 140 Veranstaltungen in die Münchner Kunstmeile, die sich in der Maxvorstadt zwischen dem Königsplatz und den Pinakotheken bis hin zur Türkenstraße erstreckt. Ein Event auf dem Fest lädt nicht unbedingt zum Feiern ein, aber dafür zum Mitmachen: Samstagmittag 13 Uhr versammeln sich Künstler*innern aller Couleur, um mit der #Exist Prozession darauf aufmerksam zu machen, wie knapp in München der Raum für zeitgenössische Kunst ist. Corbinian Böhm, der mit Michael Gruber das Künstlerduo Empfangshalle bildet, hat die Parade mitorganisiert. Iris Buchheim hat mit Corbinian Böhm gesprochen.

    Iris Buchheim: Am Samstagnachmittag bilden Sie mit Künstlerinnen und Künstlern aus München einen Protestzug, oder wie es im Programm des Kunstareal-Fests heißt – eine "feierliche Parade" mit Kunstwerken und Musik durch das Kunstareal bis zur Galerie Empfangshalle in der Theresienstraße 154. In den kleinen Galerieraum sollen dann alle Kunstwerke hineingezwängt werden. Wofür protestieren Sie?

    Corbinian Böhm: Man muss vielleicht sagen, das ist kein Protestzug, sondern tatsächlich ein künstlerisches Bild, mit dem der immer enger werdende Raum für die Kunst deutlich gemacht werden soll.

    Auf Ihrer Webseite #Exist rufen Sie aber zum Protest auf?

    Ja, wir wollen vor allem zeigen, wie viele wir sind und wie eng der Raum ist in München. Uns geht es darum, dass in der rasant wachsenden Stadt München, wo viele Gebiete neu entwickelt werden – und da natürlich die Infrastruktur mitgedacht wird – auch an die Kunstschaffenden gedacht wird. Wir haben das Gefühl, dass wir als Kulturschaffende da so ein bisschen hinten runterfallen. Das heißt, wir wollen einfach die Kunst von morgen weiter mit Räumen versorgen, weil wir das einfach brauchen, um morgen eine funktionierende Hochkultur in München zu haben und die Künstler hier halten zu können.

    Wie viele Künstler*innen haben sich denn angemeldet?

    Im Moment gibt es so 300 Interessierte und wir hoffen, dass die alle kommen. Das ist für Künstler wirklich relativ viel.

    Kommen alle aus München?

    Ja, aus München, oder eben im weiteren Sinne aus der Metropolregion.

    Die Künstler*innen sind alle aufgerufen, Kunstwerke mitzubringen. Was für ein Kunstwerk bringen Sie mit? Sie machen ja sonst eher Projektkunst. Oder ist die organisierte Parade in diesem Fall Ihr Kunstwerk?

    Das kann man schon so sehen: Dieses Bild, was da entsteht, wie sich die ganze Kunstszene in diese kleine Galerie reinquetscht, das ist natürlich ein künstlerisches Bild, ja in gewisser Weise eine Performance. Aber wir werden dennoch auch Kunstwerke mitbringen und vielleicht auch so viele, dass man Sympathisanten, die auch mitlaufen wollen, mit Kunstwerken versorgen kann.

    Wie schwierig ist die Raum-Situation für Kunst- und Kulturschaffende in der Stadt? Sie haben ja an zentralem Ort – in der Theresienstraße 154 – mit Ihrem Partner Michael Gruber die Galerie Empfangshalle. Davor waren Sie – ebenfalls mit guter Adresse und sehr zentral – in der Katharina-von-Bora-Straße. Arbeiten Sie auch dort, oder ist es zu klein zum Arbeiten?

    Die Katharina-von-Bora-Straße haben wir gerade aufgeben müssen. Das waren vier, fünf Jahre Zwischennutzung in einem ehemaligen Heizkraftwerk der Stadtwerke München und jetzt sind wir nicht mehr mit einem richtigen Ort versorgt. Wir waren dort eine Künstlergemeinschaft von 30 Leuten, die sich jetzt aufgelöst hat. Viele Künstler sind aus München weggegangen, weil hier einfach kein Platz zum Arbeiten mehr zu finden war. Wir machen es jetzt schon länger, dass wir um einen großen zentralen Werkraum herum kleinere Ateliers betreiben und eine synergetische Künstlergemeinschaft geworden sind, in der man wirklich gut und professionell arbeiten kann. Und wenn da ein Atelierraum freigeworden ist, hat es nie länger als ein paar Tage gedauert, dass er wieder neu besetzt wurde. Daran erkennt man auch,unter welch riesigem Druck Künstler stehen, Räume zu finden. Und das geht ja nicht nur uns, den Bildenden Künstlern so, sondern an der Parade werden auch viele Musiker teilnehmen, Schauspieler, Tänzer: Alle sind ja davon betroffen.

    © Empfangshalle

    Das Künstlerduo Empfangshalle: Corbinian Böhm (links) und Michael Gruber

    Die Katharina-von-Bora-Straße war eine Zwischennutzung. Sind Sie, wenn Sie jetzt für mehr Raum für die Kunst kämpfen, nach wie vor auch offen dafür? Oder allgemeiner gefragt: Was halten Sie von den vielen Zwischennutzungen, die die Stadt, öffentliche und private Unternehmen anbieten?

    Das hat so seine Vor- und Nachteile. Wir wären natürlich schon langsam gern in der Position, dass wir einen Raum haben, den wir auch langfristig entwickeln können, was man mit einer Zwischennutzung nicht machen kann. In der Katharina-von-Bora-Straße war es so, dass wir erst ein Jahr, noch ein und dann noch ein Jahr ... bleiben durften – unter solchen Bedingungen macht man natürlich keine großen Investitionen. Auf der anderen Seite wird die Zwischennutzung auch in Zukunft immer wieder ganz tolle Orte hervorbringen, zentral in der Stadt, die auch immer eine Inspiration sein können. Da muss man sich einfach immer wieder gute Konzepte ausdenken, dass das für die Kunst wirklich ein toller Raum werden kann und dass nicht passiert, was die Gefahr bei der Zwischennutzung ist: dass die Künstler sich aufopfern, wahnsinnig viel Energie in die Räume hineinstecken und am Ende des Tages hat dann eigentlich mehr der Vermieter was davon als die Künstler, weil er zeigen kann, dass er ein Kultur-Unterstützer ist.

    Was mich ein bisschen erstaunt hat bei der Parade, ist, dass die Teilnehmer ein Honorar kriegen, je nach Größe der mitgebrachten Kunstwerke 10 oder 50 Euro. Das ist ja nicht viel, aber: Stichwort "Demogeld". Wer zahlt das, wer steht dahinter?

    Das sehen wir als eine Aufwandsentschädigung, nicht als Honorar an. Wir haben die Initiative selber gestartet und gesagt: Wenn Ihr den Aufwand betreibt und womöglich mit dem Sackkarren kommt, dann wollen wir versuchen, wenigstens den Aufwand zu entschädigen. Das Ganze ist möglich geworden durch einen Spendenaufruf des Berufsverbands Bildender Künstler München und Oberbayern.

    Der Aufruf zur #Exist-Parade, die Samstag 13 Uhr auf der Südwiese der Alten Pinakothek startet.

    © Kunstareal München

    Das 4. Kunstareal-Fest in München

      Was Sie sonst nicht verpassen sollten beim 4. Kunstareal-Fest München

      • Im Kunstmobil des Museum Brandhorst ist erlaubt, was im Museum unmöglich ist: klecksen, kleben und mit verschiedenen Techniken experimentieren. Das Brandhorst Museum bietet aber auch eine ganz normale Führung an durch die Jubiläums-Ausstellung "Forever Young – 10 Jahre Museum Brandhorst".
      • Tanz, Theater und Kulinarik der Caravaggisten sind in der Alten Pinakothek zu erleben, beim Sommerfest, Sonntag von 12 bis 18 Uhr.
      • Weibliche Gefühlswelten können Kunstareal-Fest-Besucher*innen kennen lernen im Lenbachhaus und dem Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke: Tamara Eisenhut unternimmt eine Zeitreise von heute bis in die Antike. Treffpunkt ist Samstag, 13.15 Uhr in der Eingangshalle des Lenbachhauses.

    Während des gesamten Kunstareal-Fests ist freier Eintritt in allen Museen des Quartiers.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!