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Kunst den Kirchen! Eike Schmidt und die Kunst der Provokation | BR24

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Soll Duccios "Rucellai-Madonna" aus dem Museum in zurück in die Kirche geschafft werden? Eike Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz, hat das ins Spiel gebracht.

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Kunst den Kirchen! Eike Schmidt und die Kunst der Provokation

Mit seiner Forderung, sakrale Kunstwerke aus Museen in Kirchen zurückzuführen, sorgt Eike Schmidt, Direktor der Florentiner Uffizien in Italien für Wirbel. Was ist dran an seiner These, eine "historische Wiedervereinigung" würde die Werke aufwerten?

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Drei Dinge braucht es für eine gute Provokation: Sie muss überraschen. Sie muss Kritik hervorrufen. Und sie muss ein gewisses logisches Fundament haben – sonst versickert sie folgenlos in den geistigen Untiefen der Medienwelt. Eike Schmidt, Direktor der Uffizien, einer der ältesten, größten und schönsten Kunstsammlungen der Welt, hat vor ein paar Tagen angeregt, sakrale Kunst aus den Museen in die Kirchen zurückzuführen, für die sie ursprünglich geschaffen worden sind. Als Beispiel führte er nicht etwa irgendein drittklassiges Andachtsbild an, sondern eines der berühmtesten Werke seines eigenen Hauses: die "Rucellai-Madonna" des Sieneser Malers Duccio – mit viereinhalb auf fast drei Meter immerhin das größte Altarbild des 13. Jahrhunderts.

Altarbilder sind für die Andacht

Die Provokation ist gelungen: Sie kommt erstens überraschend, sollte man doch meinen, dass das schwer Corona-gebeutelte Italien derzeit andere Probleme hat. Und sie hat einen durchaus nachvollziehbaren Kern: Altarbilder sind nun mal nicht fürs Museum geschaffen worden, sondern für die Andacht der Gläubigen. Sie haben eine Funktion, die man nur in einer Kirche nachvollziehen kann, Stichwort: Kontext. Üblicherweise geht es darum, den Kontext mitzudenken, mit zu erforschen, Eike Schmidt will ihn nun aber wiederherstellen.

Man stelle sich nur vor, wie sich die Wirkung eines Andachtsbildes verändern würde, hinge es an seinem originalen Platz und nicht in einem von gleichmäßigem Oberlicht erleuchteten, blütenweißen Museumsraum: Der Lichtfall auf dem goldenen Untergrund des Bildes, die architektonischen Bezüge zu dem von sechs Engeln getragenen Thron, die Blickachsen von Maria und dem Jesusknaben zu anderen Heiligenfiguren im Raum!

Und damit wären wir bei der Kritik. Welcher Zustand soll denn wiederhergestellt werden? Das Entstehungsdatum kennt man oft gar nicht so genau, geschweige denn den Zustand des ursprünglichen Standorts. Was ist mit den nachträglichen architektonischen Veränderungen in der Kirche, sollen die dann zurückgebaut werden? Fußbodenheizung rausreißen, Elektrizität abstellen, Kerzenruß aufs Bild tupfen? Eine echte Herausforderung wäre die Wiederherstellung des originalen Geruchs des Weihwassers. Und nicht vergessen: Bei der stillen Andacht vor dem Bild nur in alttoskanischen Satzstrukturen denken!

© picture alliance / AP Photo

Gelungene Provokation: Eike Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz

Konservierung des aktuellen Zustands

Natürlich ist so eine "historische Wiedervereinigung" Quatsch. Oberstes Prinzip des Denkmalschutzes ist nicht etwa Rekonstruktion, sondern Konservierung des aktuellen Zustands, das ist europaweit Konsens – mit Ausnahme von Berlin. Konservierung, also Schutz, hieße in einer Kirche aber: Panzerglas, Alarmanlage, Wachmann. Wenn da mal nicht der Teufel persönlich mit der Axt vorbeikommt, um solch einem offensichtlichen Kult ums Götzenbild den Garaus zu machen.

Sakrale Kunst ist immer an Kult gebunden, das ist altbekannt und glücklicherweise hängt sie ja – gerade in Italien – oft genug noch am originalen Ort. Eine Rückführung von Andachtsbildern aus den Museen in Kirchen hieße, die Kunstgeschichte negieren: Aus den einst rein sakralen, funktionalen Kultgegenständen, sind in der Neuzeit nun mal Kunstwerke geworden. Wir schätzen sie als Dokumente einer vergangenen Zeit. Wir feiern sie darüber hinaus für ihre Schönheit, wollen sie als Objekte behalten, wir verehren ihre Schöpfer für ihr Können und ihren Ideenreichtum.

Wie wollen wir Kunst betrachten?

Man muss fairerweise hinzufügen: Es geht Schmidt nicht um vor langer Zeit rechtmäßig erworbene Werke, sondern um jene, die ohne offiziellen Besitzerwechsel in Museen überführt wurde. Für manches Werk, das derzeit im Depot verstaubt, ist solch eine Rückführung also durchaus denkbar. Aber bitte nicht die Madonna Rucellai! Und dann auch noch ausgerechnet in Santa Maria Novella, einer Kirche, die jetzt schon von Touristenströmen heimgesucht wird, inklusive Warteschlangen am Eingang und Online-Ticketing – und zwar schon vor Corona. Keine Frage, das Bild ist seinem Kontext und seiner Funktion entrissen worden, als es 1948 in die Uffizien kam, wo es nun als Objekt begafft wird und wo stilistische Zusammenhäng hergestellt werden, die die Maler im 13. Jahrhundert selbst nicht kannten. Und dennoch: Es wäre naiv, das rückgängig machen zu wollen.

Was also steckt wirklich hinter dem Vorstoß? Wer über Schmidts Vorschlag nachdenkt, stößt schnell Grundsatzfragen an: Wie wollen wir Kunst betrachten? Was ist uns Kunstgeschichte wert, was das einzelne Bild? Was ist uns der Erhalt wert? Wie sollen Florenz und andere Hotspots mit den Touristenmassen umgehen? Und so kommt der Vorschlag eben nicht zur Unzeit, sondern ist genau jetzt wichtig: Denn jetzt, nachdem der erste Pandemie-Schock vorüber ist, beginnt die Zeit der Einsparungen. Die finanzielle Stellung der Kultur war in Italien schon vor Corona ein Desaster. Mit seinem Vorstoß wird Schmidt zwar sicher keine Kunstgeschichte schreiben, aber sich und sein Haus mit solchen versteckten Grundsatzfragen gerade jetzt ins Gespräch gebracht zu haben, ist immerhin eine kleine Sternstunde der Provokation.

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