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"Kunst des Vergessens": FIND-Festival in Berlin | BR24

© Marcos Ríos/Schaubühne Berlin

»El Hotel« von Teatro la María

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    "Kunst des Vergessens": FIND-Festival in Berlin

    Performances mit "Porno-Charakter", fünfstündige Tintenfisch-Spektakel: Zum 18. Mal zeigt die Berliner Schaubühne das Festival Internationale Neue Dramatik (FIND). Dabei werden wieder in jeder Hinsicht Grenzen ausgelotet. Von Lena Held

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    Auf der Bühne marschiert eine uniformierte israelische Schulklasse im Gleichschritt hinter der Lehrerin, die mehr einem Offizier als einer Pädagogin gleicht. Zwischen Bücherstapeln und Turngeräten instruiert sie ihre Zöglinge: Heute gibt es keinen Unterricht, heute wird nur exerziert; ich frage, ihr antwortet; ich schieße, ihr sterbt. Dazu an der Tafel Sätze wie: Ich liebe mein Vaterland. In der Arabischstunde werden dann Befehle aufgesagt: Zeig deinen Ausweis, Hände hoch.

    Schule nach dem Sechs-Tage-Krieg

    "KIND OF", mit dessen Uraufführung das FIND Festival an der Berliner Schaubühne begann, reflektiert die israelische Regisseurin Ofira Henig kritisch ihre Schulzeit kurz nach dem Sechstagekrieg. Spürbar wird in der drückenden Atmosphäre des Stücks ihr Unwohlsein angesichts der Militärrhetorik, das bis heute fortdauert.

    Früher habe ich wirklich geglaubt, dass ich etwas von Innen verändern kann. Aber wenn ich in den Institutionen arbeite, dann kooperiere ich mit der Routine und mit der Normalisierung und das ist unmöglich für mich. Darum habe ich mich entschieden nicht mehr an der Seite der israelischen Regierung zu arbeiten. Dadurch bin ich frei. Ich kann mit Palästinensern und Arabern arbeiten. Aber ehrlich, es läuft mir auch keiner nach. Gern würde ich mein Projekt vor einem israelischen Publikum aufführen, aber in den letzten Jahren bietet mir niemand etwas an. Der einzige Ort, an dem ich momentan richtig an einem Projekt arbeiten kann, ist die Schaubühne ... it’s in the Schaubühne. - Ofira Henig

    Beim Fünf-Stunden-Stück gingen Zuschauer

    Auch die spanische Theatermacherin Angélica Liddell hat ihre Förderung in Madrid verloren, insgesamt ist die Kultursubvention in Spanien eher niedrig. Sie zeigt am Eröffnungsabend „Qué haré yo con esta espada?“, „Was werde ich mit diesem Schwert machen?“. Ein fast fünfstündiges Stück bei dessen Uraufführung in Avignon etliche Zuschauer den Saal verließen. Kein Wunder, denn der zweite Teil ihrer „Trilogie des Unendlichen“ ist hart. Bis zum Unerträglichen krümmen sich junge nackte Mädchen zitternd und ekstatisch stöhnend, spielen mit toten Tintenfischen, deren Tentakeln sie mal genüsslich kauen, um sich anschließend damit zu würgen. Dazwischen die gewalttriefenden Monologe der unerwünschten Asozialen, wie sich Liddell selbst nennt.

    "Wir sehen uns in Disneyland"

    Darin spielt die Theatermacherin mit den grausigsten Fantasien. Lässt Kindermord, Kannibalismus und Terrorismus hochleben und sucht in diesen Akten wider die Natur die reine Schönheit. Sie scherzt, beschimpft und schreit. Und tatsächlich gelingt ihr ein fulminantes Spektakel. Eben noch betroffene Stille im Saal, während Liddell und ihre nackten Mädchen im Takt des Liedes der Eagles of Death Metall springen, das diese gerade spielten, als am 13. November 2015 im Pariser Club Bataclan die ersten Schüsse fielen und schon kurze Zeit später tanzt das Publikum selbst ausgelassen zu einem französischen Chanson; nachdem sich die die wütenden Prophetin Liddell mit den Worten „Küsst mir den Arsch, wir sehen uns in Disneyland!“ verabschiedete.

    Verstörend und abwegig

    Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Schaubühne, nutzt das FIND Festival, um gerade auch diese verstörenden und abwegigen Möglichkeiten des Theaters zu fördern, die sonst eher schwer umsetzbar sind.

    Wir haben natürlich das große Glück, dass wir selber sehr viel unterwegs sind. Wir sind so im Schnitt in 30 verschiedenen Ländern pro Spielzeit und dann hör ich mich halt um, was ist die Theatergruppe vor Ort, das heißt, es ist ein Festival in der Mischung von Neuentdeckungen und dem Versuch Leute zu repräsentieren und zu unterstützen in ihrer Arbeit, die wir seit Jahren schätzen und bewundern, die aber – da sie nicht in einer so reich subventionierten Theaterlandschaft wie in Deutschland arbeiten – in ihren Produktionsmitteln beschränkt sind. - Thomas Ostermeier

    Performance mit Porno-Charakter

    Thomas Ostermeier ist als Regisseur selbst mit einem Stück dabei. Seine Adaption des französischen Bestsellers „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon brilliert durch Zurückhaltung. Es macht schlicht den Versuch, eine mögliche Antwort zu finden, auf die ewige Frage nach dem: Was tun? und der Rolle des Theaters dabei. Das FIND Festival, dieses Jahr unter dem Motto „Die Kunst des Vergessens“, hat sich im Grunde dem Gegenteil dessen verschrieben: Es wird hinterfragt und es wird erinnert. Dabei werden häufig die Grenzen des klassischen Theaters überschritten, hin zum Dokumentarfilm, zur persönlichen Erzählung oder zur künstlerischen Performance mit Pornocharakter. Aber gerade dadurch werden Stücke ermöglicht, die sich nicht einschränken lassen, die ausloten, umwerfen und wirklich aufrütteln. Und so entsteht eine Idee davon, was freies Theater noch immer können kann.

    Bis 22. April an der Schaubühne Berlin.