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Darum sagen Bäume nicht nur an Weihnachten viel über uns aus | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / McPHOTO

Solvejg Nitzke, Dozentin an der TU Dresden, ist Expertin, wenn es um den Zusammenhang von Literatur, Landschaft, Klima und Natur geht.

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Darum sagen Bäume nicht nur an Weihnachten viel über uns aus

Jäger, Waldläufer, Naturwissenschaftler: Ob der Mensch sich als Teil der Natur erlebt oder sie ausbeutet, hängt von seiner Beziehung zu ihr ab. Warum Bäume in der Literatur das Verhältnis besonders gut spiegeln, erklärt eine Kulturwissenschaftlerin.

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Von
  • Barbara Knopf

Ein Liebes-Bekenntnis muss sich nicht auf Menschen beschränken. Man kann auch Bäume lieben und man muss dafür nicht mal Baum-Umarmer sein. Die Beziehung des Menschen zum Baum geht jedenfalls tief und sie ist sehr ambivalent. Von der nordischen Vorstellung einer Welten-Esche, die Himmel und Erde miteinander verbindet, bis zum Kampf gegen die Rodung des Hambacher Forstes. Das ganze Drama der Menschheitsgeschichte steckt auch im Baum. Und jetzt zu Weihnachten holen wir die gezüchtete blaue Fichte ins Haus. Wer allerdings Hans Christian Andersens Märchen "Der Tannenbaum" kennt über den Dürre-Tod des hoffnungsvollen Weihnachtsbäumchen auf dem Dachboden, der verzichtet vielleicht lieber. Solvejg Nitzke, Germanistin an der TU Dresden, beschäftigt sich liebend gern mit Bäumen. Sie twittert über Bäume, sie schreibt über Bäume, sie forscht über Bäume – darüber, wie sie in der Literatur dargestellt werden, und war deshalb für Barbara Knopf die ideale Gesprächspartnerin rund um das Thema Baum.

Barbara Knopf: Eine Kulturpoetik der Bäume, was muss man sich darunter denn vorstellen?

Solvejg Nitzke: Also diese Kulturpolitik soll in erster Linie signalisieren, dass es mir nicht darum geht, Bäume als Motive oder als Symbole zu lesen. Wenn ich mir Bäume in Texten angucke, gehe ich zurück in der Geschichte. Ich schau mir nicht nur Texte aus der Gegenwart an, die sich viel mit Fragen nach Diversitätsverlusten, Umweltproblemen, Trockenheit oder mit der Intelligenz von Pflanzen beschäftigen. Sondern ich sehe mir eben auch an: Wie liest sich mit diesem Wissen zum Beispiel das Aschenputtel Märchen anders?

Und wie liest sich es anders?

Na ja, Aschenputtel ist ganz interessant, weil es da ja um einen Haselstrauch geht. Haselnuss kann Landschaften überwuchern. Da Aschenputtel von ihrem Vater gerade erst die Nüsse bekommen hat, ist es wichtig, dass das relativ schnell geht. Sie kann ja nicht 80 oder 100 oder 150 Jahre warten, bis der Baum groß genug ist, dass sie mit ihm sprechen kann. Und die Haselnuss ist eine unglaublich nahrhafte Frucht, die in großen Mengen vorkommt. Da sind all diese Dinge mit drin, die diesen Baum symbolisch überhöhen. Und dieses Wissen darum, wie diese Pflanze tatsächlich wächst, kann eine Dimension mit reinnehmen, die über dieses reine "na ja, das ist dann eben irgendwie Zauberei" hinausgeht. Man kann sehen, dass da ein gewisses Wissen über Pflanzen verarbeitet ist. Und dass damit auch eine Form von Beziehung zwischen einem Menschen und einem Baum hergestellt wird, die über einen reinen Nutzen hinausgeht.

Aber diese Beziehung Mensch-Baum, die gibt's natürlich nicht nur in Märchen, sondern auch in der gegenwärtigen Literatur, die sich mit Natur beschäftigt. Peter Wohlleben hat einen Bestseller geschrieben "Das geheime Leben der Bäume" und auf die Vernetzung, die Kommunikation untereinander, verwiesen. Aber er macht es schon so ein bisschen auf unser menschliches System bezogen, also als Anthropomorphisierung.

Diese rhetorische Strategie der Anthropomorphisierung funktioniert ja im Grunde auf eine gewisse Art auch magisch. Wenn Sie sozusagen aus allen Bäumen Freunde und Nachbarn machen und dann eben anthropomorphisieren, dann ist das nicht ganz fremd zu einer magischen Strategie. Man hat eine Altersähnlichkeit, man hat Ansprüche daran, dass man vielleicht selbst so mächtig sein möchte, man schreibt Bäume zu – und das hat ja auch nicht Peter Wohlleben erfunden – , dass sie in Gemeinschaften leben, eben im Wald. Bei Wohlleben funktioniert es dann oft über Dinge, die ein bisschen fremd sind: zum Beispiel über Gerüche oder darüber, dass die Bäume plötzlich hören können, also Sachen, wo man eigentlich sagt, na ja, gut, das kann der Baum eigentlich nicht! Aber da kann er es eben. Das macht das Ganze wieder interessant, weil es Reibungen erzeugt. Und das bringt, glaube ich, Menschen dazu, mehr auf Bäume hinzuschauen.

Gibt's auch andere Strategien? Also wenn man sich so Robert Macfarlane zum Beispiel ansieht, der durch die Naturkundenreihe bei Matthes und Seitz sehr bekannt wurde – das funktioniert ja vielleicht eher literarisch?

Also, Robert Macfarlane ist gleichsam der magischste von den Leuten, die sich gerade in diesem Nature Writing bewegen und versuchen, durch das Beschreiben in literarischer Sprache, also in einer nicht-fiktionalen, sich auf seine Erfahrungen beziehenden, dann aber trotzdem so verdichteten Sprache literarisch sich den Dingen anzunähern, um gerade dieses Magische wieder einzubringen. Was Macfarlane so toll macht: Er versucht gerade bei Bäumen nicht den Baum zu anthropomorphisieren, sondern sich selbst so ein bisschen "bäumischer" zu machen, indem er total ruhig wird, sich irgendwo hinsetzt, einen Platz findet im Baum, wo er sich anpassen kann. Um aus dieser Erfahrung heraus, wie es ist, anders zu werden, als man selbst eigentlich ist als Mensch – oder glaubt zu sein – , dann die richtigen Worte zu finden, diesen Prozess zu beschreiben. Das ist eigentlich nicht viel anders als ein magischer Prozess.

© transcript-Verlag

Autorin und Kulturwissenschaftlerin Solvejg Nitzke.

Und was steckt überhaupt hinter literarischen Strategien, die Bäume oder die Natur näher zu bringen? Ist es auch eine Strategie, um uns ein System zu erklären, das wir nicht so entschlüsseln können, weil Bäume zum Beispiel eben einfach anders als Menschen sind?

Ich hoffe, dass Literatur eigentlich auf den Anspruch verzichten kann, Sachen zu entschlüsseln. Im besten Fall hat man am Ende eines solchen Textes mehr Fragen als Antworten. Und das ist sozusagen der Trick dieses Nature Writings, dass man dann selber loszieht mit seinen Fragen und sich den Bäumen annähert – und im besten Fall anders als vorher. Dass man stehenbleibt, dass man die Hand auf die Rinde legt und solche Sachen. Das kann schnell zu einer Romantisierung führen. Es kann aber tatsächlich auch dazu führen, dass man möglicherweise selbst ganz anders wahrnimmt, wo überall Bäume eine Rolle spielen. Es geht aber auch darum, wie man erzählbar macht, was verloren zu gehen droht! Und es geht auch darum, in diesem Medium Platz zu machen für nicht-menschliche Akteure und eben auch tatsächlich Wildwuchs zuzulassen, diese Dinge, die wir nicht verstehen, wachsen zu lassen.

Ich denke an die Baumbesetzer im Hambacher Forst. Oder den Pianisten Igor Levit, der gerade ein Konzert gegen die Abholzung im Dannenröder Forst gegeben hat. Im Baum steckt viel politisches Potenzial drin?

Absolut. Und hat es schon immer. Sie haben die Baum-Umarmer am Anfang erwähnt. Das ist ja die Beleidigung der Hippie-Kultur, der tree-hugger. Als sei das eine sehr naive Verbindung zur Natur. Wenn jemand sogar anfängt, Bäume zu umarmen, wo soll das hinführen? Und genau das Gegenteil wird immer mehr der Fall! Also Leute, die feststellen, wenn man diese Bäume nicht festhält, wenn man sich nicht quasi dran kettet, dann verschwinden sie. Und es geht nicht darum, dass ein einzelner Baum umfällt und man Holz benutzt, sondern es geht darum, 10.000 Jahre alte Ökosysteme zu zerstören, die man eben nicht einfach mit Ersatzflächen irgendwo anders aufbauen kann. Und natürlich ist das ein großes gesellschaftspolitisches Anliegen, was in den meisten Texten auch überhaupt nicht verschleiert wird: Man mischt sich ein, wenn man literarisch schreibt. Und kann auch mal auf literarischem Weg fragen: Wo ist eigentlich Raum für andere? Nicht nur auf Bäume oder Tiere oder Ökosysteme beschränkt. Sondern: wo ermöglicht man auch zwischenmenschlich andere Beziehungen, indem man nicht immer schon vorher alles weiß.

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