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Worüber wir 2018 gestritten haben | BR24

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Die Band Feine Sahne Fischfilet mit Frontmann Jan "Monchi" Gorkow (l) in der Alten Brauerei in Dessau auf der Bühne.

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    Worüber wir 2018 gestritten haben

    Ein Gedicht an einer Hauswand, rechte Bücher in Buchhandlungen, Antisemitismus im Rap – und auf Comedy-Bühnen. Auch dieses Jahr hat Deutschland leidenschaftlich über seine Kultur diskutiert. Eine Top 10 der Kultur-Debatten 2018.

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    Es ist ja nicht so, als hätte es nicht genug Gesprächsstoff gegeben in diesem Jahr: den nicht enden wollenden Sommer in Deutschland, den nicht enden wollenden Winter der SPD, das sich ankündigende Ende der Ära Merkel, die Proteste für den Hambacher Forst, die Ausschreitungen in Chemnitz, diverse Datenskandale von Facebook, Chinas Massenüberwachung 2.0, beinahe wöchentliche Trumpsche Irrsinnsmanöver und ja, auch die endlose Diskussion um Dieselfahrzeuge, Dieselverbote und Diesel an sich. Auch in der Kultur wurde so viel und so heftig diskutiert wie lange nicht mehr. Zeit für eine leicht augenzwinkernde Top Ten der Kultur-Debatten des Jahres.

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    Anhänger der BDS-Kampagne: Die Young Fathers bei einem Auftritt in der O2 Academy Brixton 2018.

    Platz 10: Die Ruhrtriennale, die Young Fathers, die BDS-Kampagne – und Stefanie Carp

    Man könnte es auch die Ping-Pong-Debatte nennen: Die Ruhrtriennale hatte die Young Fathers erst eingeladen, dann ausgeladen, dann doch wieder eingeladen – worauf die Band dann allerdings keine Lust mehr hatte und die Wiedereinladung dankend ausschlug. Stein des Anstoßes: Die Band unterstützt – wie auch Brian Eno, Roger Waters oder Kate Tempest – die israelkritische BDS-Kampagne. BDS steht für Boycott, Divestment and Sanctions (dt. Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) und will u.a. mit Kulturboykotten Israel dazu bewegen, die Besetzung "allen arabischen Landes" zu beenden – weswegen viele den BDS-Aktivisten eine antizionistische bis antisemitische Motivation unterstellen. Darüber hätte man diskutieren können, stattdessen drehte sich die Debatte aber sehr schnell nur noch um Stefanie Carp, die Ruhrtriennale-Chefin, die mit dem Ein-, Aus-, und Wiedereinladen.

    Stefanie Carp muss natürlich nicht unbedingt über die politischen Sympathien aller zur Ruhrtriennale eingeladenen Theatermacher, Künstler und Musiker unterrichtet sein. Umso genauer sollte sie sich aber informieren, bevor sie eine Band auslädt. Und nochmals genauer, bevor sie diese Band wieder einlädt. Immerhin: Irgendwann wurde auch wieder über die Theaterstücke, Performances, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen auf der Ruhrtriennale gesprochen, und auch die Leute kamen: 27.000 an der Zahl. Stefanie Carp bekam trotzdem einen Stellvertreter an die Seite gestellt. Und die Debatte über BDS? Wird dann hoffentlich beim nächsten Skandal im Zusammenhang mit der Kampagne geführt.

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    Möchte nicht lesen, wo rechte Bücher im Regal stehen: Margarete Stokowski 2018 auf der Frankfurter Buchmesse.

    Platz 9: Bücher der Neuen Rechten, Margarete Stokowski und die Buchhandlung Lehmkuhl

    Sollte eine Buchhandlung Bücher der Neuen Rechten im Regal stehen haben oder nicht? Um diese Frage drehte sich ein Streit zwischen Margarete Stokowski, Kolumnistin bei Spiegel Online, und Michael Lemling, Leiter der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl. Anlass war eine geplante Lesung von Stokowski bei Lehmkuhl, die diese aber absagte, als sie erfuhr, dass bei Lehmkuhl auch Bücher des neurechten Verlags Antaios im Regal stehen. Der zunächst persönliche, in Mails ausgetragene Schlagabtausch wurde bald zu einem öffentlichen, bei dem beide auf ihren Standpunkten beharrten: Stokowski auf dem, dass Lehmkuhl rechtes Denken normalisiere und den entsprechenden Autoren finanzielle Gewinne beschere; Lemling auf dem, dass man rechtes Denken am besten im Original studieren sollte und dass seine Kunden mündig genug seien, um sich bei der Lektüre nicht automatisch infizieren zu lassen.

    Wer hat Recht? So viel ist klar: Lehmkuhl kann und sollte man nicht in die rechte Ecke stellen. Das beweist das Gesamtangebot der Buchhandlung, zu dem auch kritische Auseinandersetzungen mit der Neuen Rechten gehören (übrigens im selben Regal). Und das beweist das Programm, im Rahmen dessen vor Stokowski z.B. der linksliberale Publizist Corey Robin las und nach ihr der jüngst mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnete Politikwissenschaftler und Historiker Götz Aly. Gefreut haben über die Debatte – und die damit verbundene Aufmerksamkeit – dürften sich indes nur der Antaios-Verlag selbst und dessen neurechter Dunstkreis.

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    Verließ die deutsche Nationalmannschaft mit Rassismus-Vorwürfen: Mesut Özil beim Spiel gegen Südkorea während der WM in Russland 2018.

    Platz 8: Mesut Özil, #MeTwo und das Wohl und Wehe von Hashtag-Debatten

    Nachdem Mesut Özil im Juli aus Protest gegen den Rassismus im DFB die deutsche Nationalmannschaft verlassen hatte, twitterten bald Tausende Menschen unter dem Hashtag #MeTwo ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus: Das erste Mal seit langem, das nicht der Tatort, kein Fußballspiel und kein #MondayMotivation Quatsch im deutschen Twitter trendete. Für einige ein Anlass, die unter dem Hashtag geschilderten Diskriminierungserfahrungen sogleich kleinzureden: Jammern auf hohem Niveau sei das, weil auf Twitter mehrheitlich Abiturienten und vor allem Journalisten, Buchautoren und Politiker unterwegs seien. Selbstbezogen und harmlos sei das, weil nur subjektive Erfahrungen geteilt würden. Zu einseitig sei das, schließlich würden türkeistämmige Menschen freiheitliche Werte geringschätzen, wie FDP-Chef Christian Lindner befand.

    Hier war es Margarete Stokowski (ja, die mit der Lesungsabsage), die derlei Argumentationen überzeugend widerlegte und darauf hinwies, dass auch ein Drittel Nichtabiturienten bei Twitter eine Debatte dort immer noch repräsentativer macht als die üblichen Debatten in Medien und Politik, und dass auch eine gebildete Frau oder ein gebildeter schwarzer Mann ein Recht haben, ihre Diskriminierungserfahrungen zu teilen. Also: Hashtags bitte ernst nehmen! Auch, wenn es nicht um den Tatort geht!

    © picture alliance/Paul Zinken/dpa/ bearbeitet mit Prisma

    Baustelle Kunst aus den Kolonien: Das noch im Bau befindliche Humboldt Museum im Dezember 2018.

    Platz 7: Koloniale Raubkunst, deutsche Museen und Emmanuel Macron

    Wie umgehen mit Kunst, die auf zweifelhafte Weise Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aus deutschen Kolonien in deutsche Museen gelangte? Eine Antwort könnte sein: Man spricht mit Nachfahren oder Vertretern der Menschen, denen die Sachen einst gehört haben, und macht, was die sich wünschen. Dann wäre manches deutsche Museum wahrscheinlich etwas leerer – weswegen deutsche Museen und Politiker die Frage lieber nicht zu laut stellen und ungern richtig beantworten, sondern lieber erst einmal mehr Geld für die Provenienzforschung fordern. Blöd nur, dass Frankreich eine so eindeutige wie radikale Antwort auf die Frage gefunden hat: Emmanuel Macron kündigte an, alle Exponate zurückzugeben, die aus den Kolonien nach Frankreich gebracht wurden. Und hat damit auch Deutschland unter Zugzwang gebracht.

    Der französische Weg ist allerdings nicht der einzig mögliche. So schlägt der kameruner Theoretiker Achille Mbembe zum Beispiel vor, dass alle Kunstobjekte – ob aus den ehemaligen Kolonien oder aus Europa – doch in Zukunft weltweit zirkulieren könnten. Von solch großen Ideen ist man in Deutschland allerdings weit entfernt: Zwar hat die Bundesregierung die "Aufarbeitung des Kolonialismus" im Koalitionsvertrag stehen, zwar veröffentlichte der deutsche Museumsbund im Mai einen Leitfaden, zwar tagten im Juni Experten im Hamburger Völkerkundemuseum. Und doch vermissen Experten noch immer die nötige Sensibilität im Umgang mit dem Thema und erste Gesten in Richtung der ehemaligen deutschen Kolonien. Immerhin: Die baden-württembergische Landesregierung hat einen ersten Schritt getan – und gibt nächstes Jahr die Bibel des Nama-Oberhaupts und Widerstandskämpfers Hendrik Witbooi an Namibia zurück. Damit erfüllt sie, was sich das Land seit 2013 wünscht. Ein Anfang, wenn auch ein mühsamer.

    © picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa/ bearbeitet mit Prisma

    Traten dennoch in Dessau auf: Feine Sahne Fischfilet mit Frontmann Jan "Monchi" Gorkow (l) in der Alten Brauerei in Dessau auf der Bühne.

    Platz 6: Feine Sahne Fischfilet, das Bauhaus und die Nazis

    Noch so eine Ausladung! Wieder traf es eine Band, diesmal allerdings keine schottischen Avantgarde-HipHopper, sondern mecklenburgisch-vorpommersche Retro-Punkrocker: Feine Sahne Fischfilet waren vom ZDF für dessen Konzertreihe zdf@bauhaus in die Gemäuer der Stiftung Bauhaus Dessau eingeladen. Die Stiftung allerdings wollte die Band lieber nicht in ihren Gemäuern haben und untersagte deren Auftritt. Die angeblichen Gründe: In den Jahren 2011 und 2013 wurden Feine Sahne Fischfilet aus nicht anders als hanebüchen zu nennenden Gründen im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern genannt; außerdem gibt es einen älteren Feine-Sahne-Fischfilet-Song mit der Zeile "Die Bullenhelme, sie sollen fliegen/ eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein", den die Musiker allerdings schon länger nicht mehr spielen. Die wohl triftigeren Gründe: Rechte Gruppierungen hatten gegen den Auftritt mobil gemacht und mit Aufmärschen gedroht; und Sachsen-Anhalts Regierungssprecher Matthias Schuppe (CDU) hatte die Einladung der Band kritisiert.

    Hinweise auf die Freiheit der Kunst, auf die bitteschön zu unterlassende Einmischung von Landespolitikern auf die Programmgestaltung von Kulturinstitutionen und auf die aus seiner Geschichte resultierende besondere politische Verantwortung des Bauhauses reichten, um die Debatte zu beenden. Denn schnell waren sich die meisten einig – Feine Sahne Fischfilet hätte man in einem Carpschen Wendemanöver wieder einladen sollen. Am Ende zeigte aber das Brauhaus (mit r) in Dessau das Rückgrat, das dem Bauhaus fehlte und ließ Feine Sahne Fischfilet spielen – vor sechs mal so vielen Zuschauern wie geplant, mit zigfacher Aufmerksamkeit und ebenfalls aufgezeichnet vom ZDF.

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    Schildert seine Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland: Oliver Polak 2018 auf der Frankfurter Buchmesse.

    Platz 5: Oliver Polak, Jan Böhmermann und Judenhass

    Eine Debatte, die für große Erregung sorgte und dann doch irgendwie im Sande verlief: Im Oktober hatte der deutsche, jüdische Comedian Oliver Polak mit dem schmalen Buch "Gegen Judenhass" auf den schlimmer werdenden und doch immer schon dagewesenen Antisemitismus in Deutschland hingewiesen. Polak schildert im Buch Diskriminierungserfahrungen aus seinem eigenen Leben; er wurde deutschlandweit eingeladen, um darüber zu reden, auch von uns. Der Tenor der Kritiken: ein gutes, wichtiges Buch zu einem drängenden, traurigen Thema. Und dann kam Stefan Niggemeier.

    Der Medien-Journalist fand heraus, wer hinter den namenlosen Beteiligten bei einer der von Polak geschilderten Situationen steckte: keine Geringeren als Serdar Somuncu und Klaas Heufer-Umlauf und vor allem kein Geringerer als Jan Böhmermann. Und plötzlich hatte man eine Debatte. Zwar nicht die zum alten und neuen Antisemitismus in Deutschland. Aber immerhin die, ob Jan Böhmermann ein Antisemit sei. Und bald nur noch die, ob der Sketch, den Böhmermann mit Somuncu und Heufer-Umlauf auf Kosten von Polak vorführte, mit Polak abgesprochen gewesen sei oder nicht. Böhmermann behauptete: Ja. Polak wollte nicht so richtig raus mit der Sprache. Nur über den Elefanten im Raum, Antisemitismus in Deutschland, redete niemand mehr.

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    Ihm wird vorgeworfen, ein "Klima der Angst" geschaffen zu haben: der ehemalige Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann 2014.

    Platz 4: #MeToo und Machtmissbrauch im Kulturbetrieb

    Es hat etwas gedauert, bis auch im deutschsprachigen Raum in der #MeToo-Debatte ein prominenter Name fiel: Anfang 2018 warfen mehrere Frauen dem Regisseur Dieter Wedel sexuelle Übergriffe vor, später meldeten sich weitere Frauen. Wedel selbst wiederum bestritt die Vorwürfe. Die Filmbranche also, wie in den USA. Bald darauf wurde allerdings deutlich, dass auch das Theater ein Problem mit Machtmissbrauch zu haben scheint: Anfang Februar warfen 60 MitarbeiterInnen des Wiener Burgtheaters dem ehemaligen Intendanten Matthias Hartmann verbale Übergriffe vor. Hartmann bestritt die Vorwürfe zwar nicht, sprach aber von einer geschickt gesteuerten Geschichte und bat dennoch um Entschuldigung. Noch weitergehende Vorwürfe machten im September 20 TänzerInnen dem belgischen Choreographen Jan Fabre: Sie schrieben in einem Offenen Brief unter anderem von Erniedrigung, sexueller Belästigung, Mobbing und Manipulation. Jan Fabre bestritt die Vorwürfe in einer Erklärung.

    Eine Debatte hatte man dennoch. Die Stimmen, die sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch als normal oder sogar notwendig für große Kunst abtaten, waren in dieser zum Glück in der Minderheit. Es herrschte weitgehende Einigkeit, dass es im Film und am Theater viele strukturelle Gründe gebe, die Übergriffe – und das Schweigen der Opfer – begünstigen: Die Angst, vor allem junger Schauspielerinnen, das Engagement zu verlieren oder kein nächstes mehr zu bekommen etwa, oder die Rivalität von SchauspielerInnen untereinander. Einig war man sich auch, dass der Geniekult, der Wutausbrüche, Beleidigungen und eben auch sexuelle Übergriffe viel zu lang entschuldigte, spätestens jetzt ein Ende haben müsse. Was genau sich in Zukunft ändern soll, und wie man dahin kommt, ist allerdings nach wie vor unklar.

    © picture alliance/ bearbeitet mit Prisma

    Wie umgehen mit den Geschlechtern in der Sprache? Geschlechtsneutrale Toilette am Flughafen San Diego.

    Platz 3: Das Gendersternchen und der Rat für deutsche Rechtschreibung

    Die einen sagen, es verunstalte die Sprache und verderbe das Schriftbild, die anderen verweisen darauf, dass es von immer mehr Menschen genutzt wird. Die einen beteuern, Frauen und andere Geschlechter seien beim generischen Maskulinum ja schon mitgemeint, die anderen betonen, mitgemeint sein reiche eben nicht und belegen dies mit wissenschaftlichen Studien, die genau das zeigen. Das Gendersternchen erhitzt schon länger die Gemüter. Kein Wunder, ist es doch der Kristallisationspunkt – oder besser das Kristallisationssternchen – der Debatten rund um Feminismus, Gender Studies und Political Correctness.

    Und dieses Jahr wurde besonders laut darüber gestritten, denn der Rat für deutsche Rechtschreibung beriet darüber, ob er wohl empfehlen solle, das Gendersternchen oder andere gendergerechte Schreibweisen wie den Gender Gap in das Regelwerk der deutschen Sprache (das ist übrigens nicht der Duden) aufnehmen zu lassen. In der Debatte ging dann einiges durcheinander, so wurde kolportiert, das Gendersternchen solle zur Vorschrift werden, wo es doch nur darum ging, dass es nicht länger als Rechtschreibfehler gelten solle. Sogar einige FeministInnen und queere Aktivist*innen zeigten sich uneins, ob das Gendersternchen erlaubt werden sollte, während das Binnen-I weiterhin verboten bleibt. Die Entscheidung jedenfalls wurde vertagt. Und dann noch einmal vertagt. Begründung: Man wolle den Sprachgebrauch und die Debatte darüber weiter beobachten.

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    Antisemiten? Farid Bang und Kollegah auf dem Roten Teppich bei der Verleihung des ECHO 2018 in Berlin.

    Platz 2: Der Echo, Kollegah & Farid Bang, deutscher HipHop und Antisemitismus

    Während Textzeilen, die die Gefühle von Polizisten verletzen, in manchen Gegenden Deutschlands Grund genug sind, das Konzert einer Band abzusagen, qualifizieren Textzeilen, die die Gefühle von Juden verletzen, deutschlandweit Musiker für den bekanntesten Musikpreis Deutschlands, den Echo. Oder sollte man sagen: qualifizierten? Denn den Echo gab es am Ende dieser Debatte nicht mehr. "Mein Köper definierter als von Auschwitz-Insassen" rappen Kollegah & Farid Bang auf dem Bonustrack "0815" ihres Kollabo-Albums "Jung, brutal, gutaussehend 3", für das sie für den Echo nominiert waren. Schon im Vorfeld der Preisverleihung diskutierte Deutschland darüber, ob das nun lediglich sehr schlechter Geschmack sei oder doch Antisemitismus. Und ob Deutschrap insgesamt nicht vielleicht doch ein Antisemitismus-Problem habe. Kollegah und Farid Bang gaben sich unbeteiligt bis frech. Auf der Echo-Verleihung wurden sie zu Gewinnern in der Kategorie "Hip-Hop/Urban National" gekürt.

    Daraufhin ging die Debatte erst richtig los: Kritik an der Auszeichnung äußerten – unter vielen anderen – Campino, Oliver Polak und der Antisemitismus-Beauftragte Felix Klein. Preisträger gaben ihren Echo zurück, etwa – unter vielen anderen – Daniel Barenboim, Enoch zu Guttenberg und Marius Müller-Westernhagen. Schließlich hatte der Bundesverband Musikindustrie (BVMI), der den Echo seit 1992 vergibt, doch tatsächlich ein Einsehen und schaffte den Echo einfach ab. Hätte früher passieren können, dürfte aber auch 2018 noch jeden Musikfan gefreut haben. Denn so macht der immer zu sehr den Verkaufszahlen verpflichtete Preis nun Platz für andere Preise wie den zwar weniger glamourösen, dafür aber wesentlich geschmackssicheren Preis für Popkultur.

    © dpa/ bearbeitet mit Prisma

    Deutschland diskutiert über ein Gedicht: Zwei Jugendliche tragen T-Shirts mit dem aufgedruckten Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer.

    Platz 1: Das Gomringer-Gedicht

    Hat Deutschland jemals so intensiv über ein Gedicht gestritten wie dieses Jahr? Seit 2011 zierte das Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Die Hochschule hatte dem Begründer der Konkreten Poesie den Alice Salomon Poetik Preis verliehen und anschließend das Gedicht an der Südfassade der Hochschule angebracht. Eine zweifelhafte Zierde, fand schon 2016 der Asta der Hochschule, weil seiner Meinung nach sexistisch. Der Asta forderte eine Diskussion über das Gedicht, anschließend eine Abstimmung über dessen Entfernung. Die Hochschule ließ sich drauf ein, stimmte dem Ergebnis der Abstimmung folgend der Entfernung zu – hatte aber nicht mit dem plötzlich erwachenden deutschen Dichtervolk gerechnet: Von Zensur war die Rede, obwohl ja gar nichts verboten wurde.

    Die Hochschule ließ sich nicht beirren und führte den meiner Meinung nach vorbildlichen basisdemokratischen Prozess zu seinem malerischen Ende. Ergebnis Nummer eins: Das Gedicht ist ab. Stattdessen ziert nun ein Gedicht von Barbara Köhler die Fassade, das auf "avenidas" und die Debatte Bezug nimmt und die Buchstaben des Gomringer-Gedichts durchschimmern lässt. Ergebnis Nummer zwei: "avenidas" prangt nun an an dieser Fassade in Gomringers Wahlheimat Rehau und an der Fassade dieses Privathauses in Bielefeld. Ergebnis Nummer drei: Deutschland erlebte einen Sommer der Poesie, in dem sich Laien-Dichter daran machten, eine Unzahl mehr oder weniger lustiger Variationen des "avenidas" Poems zu dichten. Was kann es Schöneres geben?

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