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Der Maler mochte es windig - hier sein "Strand bei Noordwijk" von 1908.

Bildrechte: Max Liebermann, Strand bei Noordwijk, 1908, Öl auf Holz, 61 × 70 cm, Körber-Stiftung, Hamburg
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Küste in Sicht! Liebermanns windig-wolkige Werke in Berlin

Für Max Liebermann gab es "nur ein Land der Welt für die Malerei, c’est la Hollande." Besonders angetan hatte es ihm der Ort Noordwijk. Die früh-impressionistischen Bilder, die Liebermann da malte, zeigt nun eine Schau in seiner Villa am Wannsee.

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Barbara BogenBarbara Bogen
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Man meint förmlich, den Moment zu spüren, den Augenblick, als würde der Blick des Malers beim Betrachten des Bildes sogleich auch der eigene. Man selber steht an diesem Strand, blickt auf die Szene: Den ockergelben Sand vor dem bleichen Horizont. Dazwischen das Meer wie ein ahnungsvoller Streifen, der Erde und Himmel voneinander trennt und sie zugleich verbindet. Dann die Phalanx der grünlich gefärbten Strandkörbe. Eine kleine Gruppe Badender am linken Bildrand hat sich trotz der offensichtlichen Kühle des Tages in die helle Gischt gestürzt. Weiter im Vordergrund bewegt sich eine Frau mit blassem Sommerhut über den gelbbraunen Sand, ein wenig nach vorn gebeugt, wohl wegen des Windes, neben ihr ein Kind.

Dieses Flüchtige, als seien Menschen Luftgestalten

Den flüchtigen Augenblick dieser Strandszene hat der Maler Max Liebermann im Jahr 1908 in seiner Sommerfrische Noordwijk eingefangen, einem kleinen holländischen Küstenort, in den er in den Jahren 1905 bis 1913 mit Frau und Tochter immer wieder reiste und dort für Wochen, mitunter für Monate blieb. Dort hielt er zahllose solcher Szenen fest. Alle dieser Arbeiten Liebermanns aus dieser Zeit bis zum Ersten Weltkrieg besitzen bereits dieses Flüchtige, Momenthafte, Durchsichtige, typisch Impressionistisch-Leichte, als seien Menschen Luftgestalten und das Leben nichts als ein kurzer, lichter und doch nur undeutlich wahrzunehmender Augenblick. Rund dreißig dieser Szenen in Öl, aber auch Pastelle und Skizzen sind jetzt im Museum in der Liebermann-Villa am Wannsee zu sehen. An ihnen wird Liebermanns Entwicklung hin zum Impressionismus klar erkennbar, sagt Direktorin Lucy Wasensteiner:

"Die Bilder sind für uns künstlerisch sehr interessant, die zeigen diese letzte Phase der Entwicklung bis hin zum Impressionismus. Ich glaube, man kann schon viele Parallelen sehen zwischen diesen letzten Werken hier in Holland und dann die Bilder, die er hier am Wannsee gemalt hat."

Hier treten die Sommerfrischler schon etwas weniger flüchtig auf: "Badende am Strand" von 1910

Bildrechte: Max Liebermann, Badende am Strand, um 1910, Pastell, 13,6 × 21,2 cm, Privatsammlung

Max Liebermann liebte die Niederlande und die Inspirationen, die ihm das Land mit seinem weißen Licht, seiner nüchternen Klarheit offenbar lieferte. Orte wie Amsterdam, Laren, Zandvoort, Scheveningen und Katwijk hatte der Künstler bereits seit 1871 immer wieder besucht, in Haarlem im Museum Frans Hals' Malweise und Technik studiert. Weshalb er sich allerdings das kleine Dorf Noordwijk zwischen Den Haag und Amsterdam als favorisiertes Arbeits- und Urlaubsziel aussuchte, ist nicht unbedingt deutlich, denn touristische Küstenorte gab es zu dieser Zeit bereits viele.

Vielleicht, weil der Ort ruhiger und stiller, sicher auch luxuriöser war als andere Touristenziele, sicher aber auch, weil der Berliner Verleger und Kunsthändler Paul Cassirer sich und seiner späteren Frau, der Schauspielerin Tilla Durieux, dort bereits vor 1905 eine Sommervilla gebaut hatte, in der sich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auch andere Künstler wie Max Slevogt und Lovis Corinth zu Begegnungen und Gesprächen zusammen fanden und engen künstlerischen Austausch pflegten.

Immer praktisch: Ein Freund mit einer Sommervilla

Nur drei oder vier Pinselstriche und eine Figur scheint für Liebermann geschaffen, der Wind, der einem Kleid seine Form verleiht. Alles voll zarter Belebtheit, alles ist Licht. Große leere Flächen, Bildanteile sogar, die, für sich genommen, die Abstraktion vorausahnen lassen. Die Eindrücke des schäumenden Meeres, einer Gischt, die nur eine kurze wohl schnell hingeworfene weiße Linie ist, hat Liebermann am Strand selbst eingefangen in der unmittelbaren Begegnung mit der Natur und dem Augenblick. "Er war tatsächlich sehr oft auf dem Strand mit der Staffelei", sagt Direktorin Wasensteiner. "Pleinair war für Liebermann sehr wichtig, als er in Noordwijk war und er arbeitet sehr impressionistisch. Nicht nur die Motive, sondern auch, wie er gearbeitet hat. und auch natürlich die Farben. Diese lockere Pinselführung, dass er bestimmte Szenen immer wieder wiederholt hat bei verschiedenen Lichtverhältnissen, Wetterverhältnissen. Wir wissen zum Beispiel aus den Briefen, dass das Wetter 1908 nicht so gut war. Das heißt, man sieht manchmal sehr heiße Tage, manchmal dann etwas windiger, vielleicht oder bedeckt. Aber er war immer wieder draußen mit der Staffelei."

"Küste in Sicht", der Titel dieser kleinen, erlesenen Ausstellung anlässlich Max Liebermanns 175. Geburtstag im Juli 2022 ist also durchaus auch im übertragenen Sinn zu verstehen, als Aufbruch zu den Ufern einer neuen künstlerischen Freiheit.

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