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Proben ohne Premiere: "Isola" am Staatstheater Nürnberg | BR24

© Audio: BR / Bild: Staatstheater Nürnberg / Konrad Fersterer

Das Stück ist fertig – aber wann wird es aufgeführt?

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Proben ohne Premiere: "Isola" am Staatstheater Nürnberg

Uraufführungen auf Halde? In Deutschland dürfen Theater zurzeit zwar kein Publikum ins Haus lassen, sie dürfen aber proben. Und so entstehen gerade viele Inszenierungen auf Vorrat. Was das bedeutet, zeigt die Arbeit an "Isola" in Nürnberg.

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Von
  • Christoph Leibold

Am Staatstheater Nürnberg hat Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger "Isola", das neue Stück von Hausautor Philipp Löhle, einstudiert. Heute Abend findet die Generalprobe statt. Doch trotz Premierenreife ist unklar, wann das Theaterpublikum die Uraufführung zu sehen bekommen wird.

Eigentlich wäre das ja genau das richtige Stück zur rechten Zeit. "Isola", der Titel deutet es schon an: Um Isolation geht es. Passgenau zur Stimmungslage im Lockdown, der nun aber die Aufführung verhindert. "Insofern holt sich das Stück selber ein, kriegt dadurch noch mehr Recht und wird trotzdem nicht gezeigt", sagt Dramatiker Philipp Löhle "Dann hieß es immer: Premierentermin im Dezember. Und dann dachte ich immer schon beim Tippen, na mal schauen, ob das tatsächlich stattfindet, weil alle haben seit dem Frühjahr gesagt, im Winter kommt die zweite Welle. Und das ist lustigerweise das Gefühl, was ich in diesem Stück einfangen wollte: diese permanente Verunsicherung. Heute sagt dir jemand, zu 100 Prozent ist es morgen so. Und am nächsten Tag ist es zu 100 Prozent ganz anders. Ständig wird einem der Teppich unter den Füßen weggezogen."

Ein Stück über Verunsicherung

Obwohl "Isola" von unserer Gegenwart erzählt, hat Philipp Löhle die Handlung des Stücks im frühen 19. Jahrhundert angesiedelt: im Biedermeier – jener Epoche, die wie keine andere für den Rückzug der Menschen ins Private steht.

© Staatstheater Nürnberg / Konrad Fersterer

Szene aus "Isola" am Staatstheater Nürnberg

Die Bühne in Nürnberg zeigt denn auch einen Biedermeiersalon, in dem sich eine Gruppe von Menschen verschanzt hat, aus Angst vor einer unbestimmten Bedrohung draußen. Keine Frage: "Isola" müsste idealerweise jetzt sofort gezeigt werden, da das Szenario akut ist. Dass Löhle sein Stück zur Stunde aber in historisches Gewand gekleidet hat, sorgt bei aller Aktualität auch für Überzeitlichkeit. Nürnbergs Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger, der "Isola" zur Uraufführung bringt, ist daher zuversichtlich, dass die Inszenierung noch nicht wie aus der Zeit gefallen wirken wird, wenn sie irgendwann im kommenden Frühjahr endlich gezeigt werden kann: "Das Stück lebt nicht davon, dass wir die aktuelle Merkel-Pressekonferenz einbauen. Trotzdem, wir haben ja immer die Endprobenphase, den Countdown, den Landeanflug. Und dass da plötzlich so ein Schnitt reinkommt, das ist ungewöhnlich und passt auch nicht zu dieser Kunstform, dass man sagt, das frieren wir jetzt Mal ein, und das können wir dann ohne Weiteres wieder hervorholen. Das wird eine Herausforderung. Aber was bleibt uns anderes übrig!?"

Theater im Premierenstau

So wie das Staatstheater Nürnberg produzieren gerade die meisten Theater auf Vorrat. Dabei entsteht eine Art Premierenstau, auf den bei Wiederaufnahme des Spielbetriebs eine Premierenschwemme folgen wird. Denn all die jetzt geprobten Inszenierungen drängen dann zusätzlich zu den fürs Frühjahr geplanten Produktionen auf die Spielpläne. Dass die Theater dieses Problem nicht umgehen, indem sie die Proben einfach aussetzen, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen: Auch festangestellte Theaterleute wollen den Lockdown nicht untätig aussitzen. Und zum anderen: "Wir haben einfach diese Verpflichtung von Künstlern, von Gast-Teams, das sind ja nicht immer nur Regisseure, das sind ja vier, fünf Künstler pro Produktion oftmals, die können wir nicht einfach absägen.“, so Regisseur Jan Philipp Gloger. Weil diese freien Regisseurinnen, Bühnen- oder Kostümbildner ohne Proben für die teils schon lange vor Corona vereinbarten Projekte ohne Job und Einkommen dastünden. "Diese großen dispositionellen, planerischen und letztlich auch menschlichen Herausforderungen, das ist das, was plötzlich 50 Prozent meines Berufes ausmacht. Oder, böse gesagt, 50 Prozent an Arbeit noch oben drauflegt."

2021 wird ein großer Verschiebebahnhof in Gang kommen. Um Platz im Programm zu machen für die Inszenierungen, die jetzt entstehen, werden wohl doch einige Frühjahrs-Premieren in den Herbst wandern müssen. Was aber gar nicht immer so leicht zu organisieren ist, weil manche Regisseure da dann gar keine Zeit haben, weil sie Verträge für andere Inszenierungen an anderen Theatern haben. Das Planen und Umdisponieren frisst daher ungeheuer viel Zeit und Energie. Und das in einer Zeit, da auch das Proben unendlich viel mühsamer ist als sonst. Denn, so wie Jan Philipp Gloger das beschreibt, liegt die Fantasie in planerischen Ketten: "Spontaneität ist ja viel eingeschränkter möglich auf Proben. Und das heißt, die Form des Entwickelns ist ganz anders. Es müssen Dinge eher ausgedacht und dann ausgeführt werden. Improvisation als Entwicklungsform funktioniert fast gar nicht. Das fordert von allen Geduld und Nerven und auch eine andere Form von Erfindungsgeist."

Bei Abstandsüberschreitung ertönt eine Alarmglocke

Jan Philipp Glogers Inszenierung von Philipp Löhles "Isola" sieht man die besonderen Umstände nur insofern an, als das Ensemble mit Mund-Nasen-Schutz agiert und während der Probe ab und zu die Regie-Hospitantin mit einer Glocke klingelt – als Hinweis für die Schauspieler, wenn die sich gerade mal wieder näher kommen als die erlaubten anderthalb Meter Corona-Sicherheitsabstand, die auch auf der Bühne eingehalten werden müssen. Dass das im Eifer des Gefechts immer wieder passiert, zeugt davon, dass hier nicht mit angezogener Handbremse geprobt wird. Es fehlt zwar an einem Premierentermin, aber offenbar nicht an Motivation, wie Dramatiker Philipp Löhle beeindruckt feststellt: "Denen geht es ja ums Spielen vor Publikum. Und genau dieser Teil, der ja der wichtigste ist, der fehlt jetzt. Und das merkt man dem aber überhaupt nicht an, dass man quasi in dieses schwarze Loch rein probt."

© Staatstheater Nürnberg / Katrin Binner

Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger

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