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Wie eine KI den nächsten Bestseller berechnen soll | BR24

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Wer über die Frankfurter Buchmesse schlendert, sieht sie andauernd: Die "Spiegel Bestseller"-Aufkleber. Aber warum eigentlich schlagen manche Bücher ein - und andere nicht? Lässt sich Erfolg berechnen?

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Wie eine KI den nächsten Bestseller berechnen soll

Wer über die Frankfurter Buchmesse schlendert, sieht sie andauernd: Die "Spiegel Bestseller"-Aufkleber. Aber warum eigentlich schlagen manche Bücher ein – und andere nicht? Lässt sich Erfolg berechnen? Ein Startup behauptet, genau das zu können.

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Die Bestseller-Berechner von QualiFiction sind zu dritt: Ralf, Gesa und Lisa. Ralf Winkler ist der Mathematiker im Hintergrund. Gesa Schöning aus Lübeck ist die Frontfrau des Startups. Und Lisa? Ist die künstliche Intelligenz, die die Buchbranche verändern soll.

Lisa, das steht für Literaturscreening und Analytik.Die Software analysiert ganze Bücher in einer Zeit, in der andere nicht mal den Klappentext lesen. Und sie sagt innerhalb von 60 Sekunden auch das Leserpotenzial voraus. Mit anderen Worten: Das Computerprogramm will Manuskripte identifizieren, die das Zeug zum Bestseller haben – auch wenn Gesa Schöning diesen heiklen Begriff tapfer vermeidet: "Es ist tatsächlich so in Deutschland, dass sehr viele Texte eingereicht werden in die Verlagshäuser, und wenn die unangefordert kommen, werden 98 Prozent abgelehnt. Nicht, weil das alles schlechte Texte sind, sondern weil keiner Zeit hat, die alle gerecht zu sichten und zu lesen. Und da sind natürlich zwei Probleme: Einerseits auf der Verlagsseite, die vielleicht den nächsten Harry Potter übersehen. Und andererseits auf der Autorenseite, die nie ein Feedback bekommen du im Grunde gar nicht wissen, ob ihr Text vielleicht sehr erfolgversprechend ist oder was sie nochmal verändern könnten, um einen tollen Text daraus zu machen."

Einmal scannen auf Schema K, bitte

Gesa Schöning und ihr Unternehmen Qualifiction wollen guten Texten zum Erfolg verhelfen. Mit einem Programm, das sie kühl analysiert. Die Verteilung der Figuren, die "Vokabular-Diversität", der "Sentiment-Verlauf". Mit anderen Worten: Wird es oft genug und früh genug spannend genug? Die schriftstellerische Arbeit von Jahren wird hier in Sekunden zu Balkengrafiken. Das Manuskript etwa, das Lisa aus den Einsendungen eines Wettbewerbs als nächsten möglichen Kracher ermittelt hat: Es trägt den Titel "Mareike, Martha und die Männer" – und hat einen Wert von 5,6 Prozent in der Rubrik "Sanftheit und Poesie". Computerprogramm Lisa lernt dabei laufend hinzu, wie unterschiedlich Bücher sein können – mehrere 10.000 hat sie schon intus.

Gesa Schöning sagt, sie habe schon Verlage für eine Zusammenarbeit gewonnen. Noch aber sind viele skeptisch. Dass da, so sieht es auf den ersten Blick ja aus, eine Maschine nach dem Schema L für den Liebesroman sucht und nach dem Schema K für den Krimi. Und schlimmer noch: Dass da womöglich eine Maschine urteilt über schriftstellerische Qualität. Schöning hält dagegen: "Wir müssen aber sehen, dass wir der Kunst momentan auch nicht recht tun, wenn wir sie gar nicht erst lesen und gar nicht erst sichten."

Ein Stockwerk über den Jungunternehmern hat der Wunderlich-Verlag seinen Stand, er ist spezialisiert auf Unterhaltungsliteratur – und das so erfolgreich, dass seine Autorinnen Jojo Moyes und Ildiko von Kürthy in der Messewoche an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste stehen. Verlagsleiterin Ulrike Beck weiß also, was Leserinnen wollen – dass eine Maschine das auch wissen könnte, mag sie nicht glauben: "Ich habe wirklich Probleme mir vorzustellen, dass ein Algorithmus, der nach bestimmten Schlagworten einen Text scannt, einem verlässlich einen Bestseller liefern kann. Weil ich das Lesen als so einen persönlichen und dann oft auch emotionalen Akt empfinde, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Maschine einem das liefert. Dass, was dann die Bestsellererfolge ausmacht, ist ja dann doch oft der Grad der Emotionalität – und das traue ich der Maschine einfach nicht zu."

Die Skepsis ist groß

Zyniker könnten nun einwenden, dass die sogenannten Frauenbücher ja wohl oft genug dem immergleichen Schema folgen – aber auch da hat Ulrike Beck vom Wunderlich-Verlag eine Entgegnung parat: "Die Erfahrung der zynischen Programmacher in der Unterhaltung ist ja auch, dass das eben oft nicht funktioniert. Dass man sich ein Thema sucht, die perfekten Bausteine sucht, einen Autor sucht, die Person das schreiben lässt, man weiß, dass die Person gut schreiben kann – und am Ende tut sich gar nichts."

Der Wunderlich-Verlag will den Manuskripteberg weiter von Hand durchforsten, geleitet vom Gespür seiner Mitarbeiter. Das Unternehmen QualiFiction dagegen ist zuversichtlich, dass es einen echten Service bieten kann. Davon scheint auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels überzeugt zu sein. Die Jury des Förderprogramms wählte das Startup auf der Frankfurter Buchmesse zum "Content-Start-up des Jahres".

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