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Das Künstlerinnen-Duo "new11" hat Stadtflucht begangen und wirkt jetzt im Bayerischen Wald.
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Rudolf von Bitter
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Das Künstlerinnen-Duo "new11" hat Stadtflucht begangen und wirkt jetzt im Bayerischen Wald.

Kathrin Savvulidi und Aylin Neuhofer, zwei Münchner Künstlerinnen Ende 20, haben sich entschieden, ihre Kunstaktionen und Real-Life-Performances von der Stadt aufs Land zu verlegen. Mit dem eigenen Taxi fordern sie Leute von der Straße auf, mitzufahren und zu erzählen, was sie beschäftigt. Mit dem Megaphon lenken sie die Aufmerksamkeit auf ihre Aktionen, was schon selbst eine Aktion ist. Sie nennen sich New Elves, Neue Elfen, geschrieben new11, und wollen durch eine Kunstaktion herausfinden, wie die Leute aus dem Luftkurort Viechtach im Bayerischen Wald bei direkter Konfrontation auf sie reagieren. Eine Annäherung, die sich die Viechtacher wohl nur im betrunkenen Zustand trauen. Die Künstlerinnen wollen verstehen, warum immer wieder Spannungen zwischen ihnen und den Einheimischen entstehen und wie diese abgebaut werden könnten. Am Ende der Fahrt laden die Künstlerinnen den Zufallsgast ein, am nächsten Tag zu ihrer Vernissage ins Alte Hospital zu kommen.

Sie haben das Haus der Therese Schiessel übernommen, die dort lebte und starb. Die Elfen zeigen, wo der Tisch stand, auf dem noch aufgeschlagen die Zeitung vom Tag ihres Todes lag. Auch eine Brustprothese der alten Dame haben sie dort gefunden und vergoldet. Die Aufarbeitung der Geschichte des Hauses und seiner Bewohnerin wurde zum künstlerischen Großprojekt und schließlich sogar zum Thema ihrer Abschlussarbeit an der Kunstakademie.

Das Duo "new11" besteht aus den Künstlerinnen Kathrin Savvulidi und Aylin Neuhofer.

Das Duo "new11" besteht aus den Künstlerinnen Kathrin Savvulidi und Aylin Neuhofer.

Die Neuen Elfen finden Unterstützer in Viechtach

Nachdem sie das Schiessel-Haus erfolgreich wiederbelebt haben, bot ihnen die Gemeinde an, auch noch das alte, leerstehende Hospital zu bespielen. Ein Kulturamtsjob und Fördergelder winkten, Unterstützer taten sich auf: Der junge, engagierte 3. Oberbürgermeister von Viechtach und der Viechtacher Stadtplaner und Architekt Peter Haimerl, bekannt für seine mutigen Bauten im Bayerischen Wald. In dem Städtchen war man glücklich über den jungen Neuzugang. Die Idee, sich dauerhaft im Bayerischen Wald anzusiedeln, nahm bei den Elfen Form an, denn außer dem Ort locken erstaunliche Naturkräfte wie der 150 km lange Grosse Pfahl, eine außergewöhnliche Quarzformation. Ziel ist ihre Lieblingsbank dort, wo das Quarzgestein in dramatischen Spitzen aus dem Boden bricht. Hier tanken sie Quarzenergie, und Quarzenergie, da sind sich die spirituell bewanderten Elfen sicher, macht high.

Sie nennen sich „Vaginas im Dirndl“ und duellieren sich erfolgreich mit erfahrenen Gstanzl-Sängern.

Sie nennen sich „Vaginas im Dirndl“ und duellieren sich erfolgreich mit erfahrenen Gstanzl-Sängern.

Einem ähnlichen Konzept folgen Barbara Aschenwald, Schriftstellerin, die sich ihr eigenes Leben auf dem Land, mit eigenem Gemüseanbau, verwirklichen konnte, und die drei Musikerinnen der „Vaginas im Dirndl“, die in Bad Leonfelden auf „eine Herde Bullen“ treffen, gestandene Gstanzl-Sänger, mit denen sie sich aus dem Stegreif ein Gesangsduell liefern – und dabei die weitaus bessere Figur machen. Aber das ist mehr als bloß Aufbegehren gegen Männerdominanz im Kulturbetrieb oder ein Beweis von Unabhängigkeit. Die sechs Landeroberinnen verfolgen mit Selbstironie und Mut unterschiedliche Visionen: Wer als Künstlerin den Schritt in die Provinz wagt, wird anders wahrgenommen - bestaunt und beargwöhnt wie ein seltener Vogel. Außerdem ist Stadtflucht im Trend, besonders bei kreativen Frauen. Gibt es doch auf dem Land mehr als nur unverbaute Horizonte. Pionierinnen, die ausloten, wieviel Urbanität und moderner Zeitgeist sich mit dem Landleben tatsächlich vereinbaren lässt.

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Rudolf von Bitter

Sendung

Die Kultur vom 06.11.2018 - 22:30 Uhr