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Wenn Frauen auf hoher See das Ruder übernehmen | BR24

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Die Künstlerin Nadja Abt spricht mit Moderator Christoph Leibold über ihre Forschungen zu Seefrauen in der Schifffahrtsliteratur.

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Wenn Frauen auf hoher See das Ruder übernehmen

Carola Rackete, Pia Klemp: Es ist die Stunde der Kapitäninnen. Doch die Seefahrt ist eine Männerdomäne. Ein Gespräch mit Künstlerin Nadja Abt über Frauen auf See und die Frage, wie sich Schifffahrtsliteratur aus weiblicher Sicht erzählen lässt.

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Kapitäne sind weit verbreitet in der Literatur wie auch in der Populärkultur. Das Spektrum reicht von Käpt’n Ahab in Herman Melvilles „Moby Dick“ bis hin zu diversen Traumschiff-Kapitänen. Aber wo bleiben eigentlich die Seefahrerinnen? Nach ihnen fragt Redakteurin Nadja Abt in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Texte zur Kunst“. Christoph Leibold hat mit ihr über die Suche nach „Seefrauen“ in Literatur und Realität gesprochen.

Christoph Leibold: Beginnen wir in der Literatur. Es gibt Meerjungfrauen, es gibt die Undinen und Melusinen, es gibt auch Henrik Ibsens „Frau vom Meer“, die sich nach selbigem sehnt. Aber Kapitäninnen und Matrosinnen in der Literatur sind mir nicht geläufig. Können Sie da Abhilfe schaffen?

Nadja Abt: Nein. Deswegen habe ich mich auch mit dem Thema beschäftigt, weil ich ein großer Fan von Seefahrerliteratur bin und wirklich fast keine Geschichten oder Bücher kannte, in denen Frauen eine tragende Rolle spielen. Es gibt ein Buch von Merle Kröger, das heißt „Havarie“. Da kommt eine Frau vor, die an Bord arbeitet. Ansonsten sind mir aber Kapitäninnen in der Literatur nicht geläufig.

Und in der Realität sieht es kaum besser aus?

In der Frachtschifffahrt arbeiten ungefähr ein Prozent Frauen.

Ich greife mal den Kapitän raus. Das ist ja die klassische Führungsfigur, also der, der den Kurs vorgibt. Nicht umsonst wird auch bei Konzernchefs gerne metaphorisch vom „Kapitän“ gesprochen. Dass die Rolle des Kapitäns so männlich besetzt ist, spricht das für ein unserer Gesellschaft tief verankertes Bewusstsein, dass Führungsrollen männlich besetzt zu sein haben?

Das scheint leider so. Aber es wird ja jetzt gerade ein bisschen aufgebrochen. Gott sei Dank gibt es jetzt neue Geschichten von Kapitäninnen. Einmal von Sea-Watch. Und einmal auf der Iuventa. Also Carola Rackete und Pia Klemp. Aber ansonsten ist es leider immer noch eine sehr männlich konnotierte Position.

Carola Rackete hat für die Hilfsorganisation Sea-Watch ein Boot mit Migranten ohne Genehmigung in den Hafen von Lampedusa gebracht. Da könnte man sagen: interessante Figur, weil die einerseits diesen klassischerweise männlich besetzten Heldenmut bewiesen hat, aber eben auch weibliche Empathie-Fähigkeit. Aber das sind genau die Klischees, bei denen es eine Kurskorrektur braucht?

Ja, das höre ich eigentlich ungern, dass man genau daraufsetzt, also wieder dieses Soziale betont. Davon müssen wir wegkommen, um andere Geschichten erzählen zu können von Kapitäninnen, die Boote steuern und Führungskraft beweisen – nicht nur Empathie. Klar, Empathie gehört dazu. Aber ich finde es problematisch, dass diese sehr weiblich konnotierten Emotionen als Grund genannt werden, warum jemand Kapitänin wird. Es wäre schön, wenn man über die technische Seite des Berufs sprechen könnte oder über die Anforderungen an Carola Rackete als Kapitänin. Was heißt das, dieses Schiff zu steuern? Was heißt das, es vor der libyschen Küste zu steuern. Was heißt es, sich in einer wahrscheinlich sehr männlichen Mannschaft durchzusetzen als Kapitänin?

© dpa / picture alliance

Auf See: Kapitänin eines Personenschiffes

Sie sind für Ihre Recherchen nicht nur in die Welt des Fiktionalen eingetaucht, sondern auch ganz real zur See gefahren. Sie haben sich hineinbegeben in die sehr männlich besetzte Welt auf einem Containerschiff. Was wollten Sie genau herausfinden?

Ich bin als Passagierin mitgefahren. Ich habe da nicht gearbeitet. Erst mal war das Ganze als künstlerisches Projekt geplant und ein großer Traum von mir. Mein Vater ist zur See gefahren, und ich wollte es auch immer mal machen, habe aber gesagt, ich lass es erst mal alles auf mich zukommen und schau, was überhaupt passiert. Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass andere Frauen an Bord sind, aber zwei sind mir dann begegnet. Es gab eine zweite Offizierin und eine Schiffsmechanikerin. Aufgrund deren Erzählungen, Geschichten und Alltag, den ich dort mitbekommen habe, habe ich einen Videofilm gedreht.

2017 war das. „Der Tag einer Frau an Bord“ heißt der Film. Inwiefern ist denn der anders als der Tag eines Seemanns?

Der Tag unterscheidet sich natürlich insofern, als dass man ganz wenig andere Frauen an Bord trifft beziehungsweise im Glücksfall hat man eben noch eine Kollegin an Bord. Das ist aber nicht immer so. Meistens ist man ganz alleine, und da ist der Unterschied recht hoch zu den Männern, insofern man beispielweise keine direkte oder gleichgeschlechtliche Ansprechpartnerin für gewisse Probleme hat.

Frauen in Seefahrerberufen sind, Sie haben es gesagt, extrem selten. Jetzt könnte man sagen: Das hat aber doch gar nichts mit Diskriminierung zu tun, zumindest nicht auf einem Frachtschiff, sondern biologische Gründe, denn die Arbeit auf dem Containerschiff ist hart. Männer sind – im Durchschnitt zumindest – körperlich kräftiger. Im Sport treten die Frauen aus diesem Grund ja auch nicht gegen Männer an, sondern in getrennten Wettbewerben. Das zweifelt auch keiner an. Was würden Sie zu diesem Argument sagen?

Dazu würde ich sagen, dass die heutigen Containerschiffe so hoch technisiert sind, dass es keinerlei physischer Kräfte bedarf, um so ein Schiff zu steuern. Aber es gibt natürlich einen Unterschied zwischen dem Maschinenraum und der Brücke. Im Maschinenraum, da würde ich zustimmen, ist die Arbeit physisch sehr hart. Es gab eine Mechanikerin an Bord, mit der würde ich nicht gerne tauschen wollen. Aber auf der Brücke ist wirklich alles technisch. Es bedarf einfach nur einer nautischen Ausbildung.

Wie ist denn das Zusammenwirken von Fiktion und Realität auf diesem Gebiet? Dass es keine Kapitäninnen in der Literatur gibt, hat das bewusstseinsbildend auf die Realität gewirkt?

Naja, idealerweise hat man ja eine Identifikationsfigur in Romanen. Da stellt sich bei Frauen aber sowieso immer noch die Frage, ob man sich nicht sowieso viel stärker mit dem anderen Geschlecht identifiziert, weil es sehr viel mehr bekannte Schriftsteller als Schriftstellerinnen gibt. Für mich persönlich ist „Moby Dick“ einer meiner Lieblingsromane. Da gibt es eigentlich praktisch keine Frau, und ich wollte trotzdem aufgrund dessen zur See fahren. Aber es wäre wahrscheinlich schon hilfreich, wenn es Romane mit Kapitäninnen gäbe.

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Texte zur Kunst "The Sea" mit einem Beitrag von Katja Abt