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"Eine Eröffnung mit lebenden Menschen wäre mir weitaus lieber" | BR24

© Audio BR/ Bild privat

Die freie Künstlerin Beate Passow setzt das Corona-Tagebuch fort.

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"Eine Eröffnung mit lebenden Menschen wäre mir weitaus lieber"

Im Mai sollte ihre Tapisserie-Ausstellung in der Münchner Villa Stuck beginnen - aber wird das Museum rechtzeitig wieder öffnen dürfen? Über die Sorgen einer freien Künstlerin schreibt Beate Passow in unserem Corona-Tagebuch.

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Von
  • Beate Passow

Die Künstlerin Beate Passow arbeitet mit Fotos, die sie collagiert und zu Installationen zusammenstellt. Bekannt wurde sie seit den 1980er-Jahren durch Werke, die sich mit der deutschen Vergangenheit, insbesondere mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Für sie ist "Vergangenheitsbewältigung" auch immer, wie sie sagt, "Gegenwartsbewältigung". 2017 erhielt sie in der Akademie der Künste Berlin den Gabriele-Münter-Preis. In ihrem Corona Tagebuch schildert sie die Sorgen und Ängste einer Freiberuflerin - und ihre Ablenkungsmanöver in Zeiten der Pandemie.

Als Kulturjunkie fühle ich mich momentan wie ein Fisch in der Kalahari-Wüste. Mein letztes Kulturereignis live ist schon vierzehn Tage her, es war die Eröffnung des 15. RischArt-Projektes im Gasteig. Eine wirklich sehr sehenswerte und ungewöhnliche Ausstellung die bedauerlicherweise nur Wenige anschauen konnten, denn am nächsten Tag wurde der Gasteig geschlossen.

Entdeckungen im eigenen Kiez

Die vielversprechende internationale Ausstellung im Kallmann Museum "Ausweitung der Marktzone" in Ismaning konnte gar nicht erst nicht eröffnet werden und so geht es am stillstehenden Band. Dass die Premiere der Oper "7 Death of Maria Callas" mit Marina Abramovics am Ostersamstag nicht stattfindet, ist ein Jammer. Gesundheit geht vor!

Um nicht der Trübsal anheim zu fallen, habe ich mir jeden Tag einen Spaziergang im Viertel verordnet und bin verblüfft, wie viel Lustgewinn ich davon nach Hause trage. Selbst so eine geradlinige, jetzt leere Straße wie die Fraunhofer in München birgt Schätze. Zum Beispiel habe ich heute im Schnapsladen neben Risotto mit Steinpilzen zum Selberkochen auch die wunderbaren weißen Weichgummi-Mäuse entdeckt, die waren bei meinem Sohn im antiautoritären Kindergarten der Akademie der bildenden Künste die Währung für Selbstgemaltes. Jetzt versüßen sie mir den Tag. Aber auch die vielfältige Auswahl an alkoholischen Erfrischungen verspricht Trost.

Köstlicher Ingwersirup mit einem Schuss Gin verdünnt hinterlässt bei mir sofort ein heiteres Gemüt. Zu Hause dann "No more Credit from the Liquor Store" von Frank Zappa hören und der Frühling lässt sein blaues Band munter für mich flattern. Etwas weiter in der Straße ist ein schöner Laden mit ausgesucht gutem Gemüse und wunderbaren Blumen. Heute habe ich mir eine riesige Artischocke gegönnt und einen Strauß frischer großer Papageientulpen, an denen ich die Woche über meine Freude haben werde. Überhaupt muss man derzeit in den Verwöhnmodus gehen, überall nur Angst und Verzagtheit, da muss ich entgegensteuern.

"Wenn ich mich den Ängsten hingebe, bin ich ihnen ausgeliefert"

Als Freiberufler weiß ich sehr gut wie sich Existenzängste anfühlen aber wenn ich mich den Ängsten hingebe, bin ich ihnen ausgeliefert! Besorgt schaue ich allerdings auf den 13. Mai, da soll meine Ausstellung mit Tapisserien im Museum der Villa Stuck eröffnet werde. Michael Buhrs macht ein super innovatives digitales Programm in seinem Haus, aber eine Eröffnung mit lebenden Menschen wäre mir weitaus lieber. Vielleicht dürfen die Museen ja bald wieder öffnen, meistens ist man dort an einem normalen Wochentag sowieso alleine. In jedem besseren Krimi trifft sich die Ehefrau des Bankers mit ihrem Geliebten, dem Bankräuber, im Museum, weil sie dort ungestört alleine sind.

Man könnte auch verschiedene Zeitfenster einführen, um zum Beispiel die exorbitante Ausstellung FEELINGS in der Pinakothek der Moderne zu sehen. Auch die Quilt-Ausstellung im Textilmuseum in Augsburg soll am 14. Mai eröffnet werden. Ob es dazu kommt, steht in den uns eigentlich wohlgesinnten Sternen. Wirklich traurig macht mich der 16. Mai, da wäre die Premiere der Passion in Oberammergau- Ich wäre zum 4. Mal als Zuschauerin dabei. Positiv gesehen, kann ich jetzt zwei Jahre vorglühen vor Freude !

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