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Künstler über Pandemie: "Generalstrafe" oder "Aufwachprozess"? | BR24

© Robert Michael/BR Bild

Christian Thielemann

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    Künstler über Pandemie: "Generalstrafe" oder "Aufwachprozess"?

    Die Verlängerung des Teil-Lockdowns trifft die Kultur weiter hart: Dirigent Christian Thielemann spricht von einer "Art Generalstrafe", der Deutsche Kulturrat jedoch sieht "Licht am Ende des Tunnels", Sängerin Nena spricht von einem "Aufwachprozess".

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    Von
    • Peter Jungblut

    Überraschend nachdenkliche Töne aus der Kulturbranche zur Corona-Krise. Proteste sind dagegen kaum noch zu vernehmen. So betrachtet Star-Dirigent Christian Thielemann, der musikalische Leiter der Bayreuther Festspiele, die Pandemie als "Zeichen", wonach "irgendjemand" seinen Zeigefinger hebe und sage: "Wenn ihr so weitermacht, dann kriegt ihr die Quittung für euer Tun." In einem Gespräch mit der "Herder Korrespondenz" in Freiburg sprach Thielemann von einer "Art Generalstrafe fürs Herumreisen", die Krise zwinge die Musikbranche "inne zu halten", ihr bleibe gar keine andere Wahl.

    Denn früher sei das Tournee-Geschäft noch "in einem gewissen Rahmen" geblieben, Wilhelm Furtwängler sei zum Beispiel in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts mit den Berliner Philharmonikern noch mit dem Zug zu den Auftritten gefahren. Thielemann gilt seit langem als ausgewiesener Kritiker der globalen Omnipräsenz von Top-Musikern und lehnt es für sich selbst ab, ständig zwischen den Kontinenten hin und her zu pendeln.

    Menschen in der "Wohlstandsblase"?

    Auch Sängerin Nena betrachtet die aktuelle Krise als "intensiven Aufwachprozess". In einem Interview mit der auflagenstarken "ADAC Motorwelt" sagte sie: "Wir als Menschengemeinschaft auf dieser Erde sollten jetzt ganz nah zusammenrücken und uns fragen: Wo wollen wir hin? Immer mehr Menschen sind bereit für den großen Wandel, der sich hier vollzieht." Vor der Pandemie, so die Künstlerin, hätten die Menschen sich in einer "künstlich aufgeplusterten Wohlstandsblase" befunden.

    Noch im Oktober hatte Nena mit einer Bemerkung auf ihrem Instagram-Account für Befremdung gesorgt. Dort hieß es von ihr: "Ich habe meinen gesunden Menschenverstand, der die Informationen und die Panikmache, die von außen auf uns einströmen, in alle Einzelteile zerlegt. Und so ist es mir möglich, mich nicht hypnotisiert von Angst in die Dunkelheit ziehen zu lassen. Lasst uns ins Licht gehen und für die Liebe stehen, denn trotz allem Wahnsinn, den wir hier erleben, glaube ich und weiß, dass der positive Wandel nicht mehr aufzuhalten ist."

    © Bayern 3/BR Bild

    Sängerin Nena

    Unterdessen sieht der Deutsche Kulturrat "Licht am Ende des Tunnels", trotz der Verlängerung des Teil-Lockdowns bis mindestens Anfang Januar. Geschäftsführer Olaf Zimmermann verwies auf das soeben verabschiedete "Infektionsschutzgesetz": "Bei Untersagungen oder Beschränkungen im Bereich der Kultur muss der Bedeutung der Kunstfreiheit jetzt zwingend Rechnung getragen werden. Die Kulturminister der Länder erhalten durch dieses Gesetz jetzt die Möglichkeit, eine Strategie zur baldigen Öffnung der Kultureinrichtungen vorzulegen. Wir erwarten, dass die Kulturminister diese Aufgabe beherzt angehen und ihrer Verantwortung gerecht werden. Der Kulturbereich muss so schnell wie möglich wieder geöffnet werden."

    Muss jetzt der Handel "Sonderlasten" übernehmen?

    Zimmermann bedauerte die weitere Schließung der Theater und Konzertsäle und stellte die Frage, ob nach den außerordentlichen Lasten, die die Kulturbranche zu stemmen hat, jetzt nicht andere Wirtschaftszweige dran wären: "Es muss jetzt geklärt werden, wie lange wir noch diese Sonderlasten tragen müssen, oder ob nicht auch andere Bereiche, wie zum Beispiel der Handel, einen Teil der notwendigen Beschränkungen übernehmen sollten."

    © Christoph Soeder/BR Bild

    Olaf Zimmermann

    Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters sagte in Berlin: "Es ist traurig für uns alle, dass viele Kultureinrichtungen noch länger geschlossen bleiben müssen." Auf keinen Fall dürften Kultureinrichtungen die letzten sein, die wieder öffnen. "Die Kulturszene verhält sich seit Beginn der Pandemie sehr solidarisch", so Grütters, "obwohl sie in ihrem Lebensnerv getroffen ist und ein großes Opfer bringt."

    Mehr Spenden für Kultur- und Denkmalpflege

    Der Sachbuch-Autor Alois Prinz (Martin Luther, Dietrich Bonhoeffer) schrieb in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung" mit Verweis auf die "wirkliche Querdenkerin" Hannah Arendt, Menschen, die längere Zeit isoliert seien, verlören "auch jedes kritische Verhältnis zu sich selbst". Dadurch würden sie "leicht Opfer von Ideologien": "Sie werden anfällig dafür, sich in Gedanken einzuspinnen, die sie für logisch halten, aber eigentlich fern jeder Realität sind."

    Der Deutsche Spendenrat zog unter der Überschrift "Deutsche bleiben solidarisch" übrigens eine durchaus positive Bilanz des Pandemie-Jahrs: Von Januar bis September wurden rund 3,3 Milliarden Euro gespendet, 1,6 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres und das zweitbeste Ergebnis seit 2005. Wenn der Trend anhält, so Geschäftsführer Max Mälzer, werde trotz Corona auch 2020 die Fünf-Milliarden-Grenze überschritten. Für den Sport wurde generell weniger Geld als in früheren Jahren zur Verfügung gestellt, für die Kultur- und Denkmalpflege mehr, nämlich bisher 25 Millionen Euro.

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