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Künstler in Not: Wie die Corona-Krise eine ganze Branche bedroht | BR24

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Bildrechte: BR/Melisa Lota

Nach Corona werde die Kulturlandschaft in Deutschland eine andere sein, glaubt der Kabarettist Oliver Tissot.

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    Künstler in Not: Wie die Corona-Krise eine ganze Branche bedroht

    Die Kultur- und Kreativwirtschaft zählt zu den großen Verlierern der Corona-Krise. Die Schließung von Theatern und Bühnen gleicht für Künstler einem Berufsverbot. Ein Rückblick auf das Jahr 2020 mit Oliver Tissot, Kabarettist aus Nürnberg.

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    Von
    • Julia Grantner

    BR24: Wir befinden uns ja gerade im zweiten Lockdown, das kulturelle Leben liegt brach. Wie gehen Sie als Künstler mit der Situation um?

    Tissot: Wir genießen ein Sabbat-Jahr. Nachdem es keine Möglichkeit gibt aufzutreten, gibt es auch nichts zu tun.

    BR24: Das klingt jetzt sehr positiv, aber können Sie überhaupt noch zählen, wie viele Aufträge Ihnen dieses Jahr schon weggebrochen sind?

    Tissot: Der November dieses Jahres war seit 20 Jahren der erste ohne Einnahmen. Also, es sind 100 Prozent weggebrochen.

    BR24: Gibt es für Sie, trotz dieser einschneidenden Corona-Maßnahmen, Alternativen, um trotzdem Kultur veranstalten zu können?

    Tissot: Im Sommer waren verrückte Ideen möglich: Da habe ich zum Beispiel Tretboottheater durchgeführt. Und jetzt sind alle Streamformate gefragt, aber es dauert lang, bis sich sowas etabliert. Und noch schlimmer: Bezahlsysteme müssen eingeführt werden. Viele Künstler haben im Frühjahr kostenlos Content zur Verfügung gestellt, bis sie auf den Trichter gekommen sind: eigentlich möchten wir auch Geld damit verdienen. Und an den Bezahlsystemen hapert es im Moment noch.

    BR24: Gibt es Vorschläge, wie man die Lage der Kulturschaffenden verbessern könnte? Wie könnte man Sie unterstützen?

    Tissot: Es ist tiefe Verzweiflung in der Branche. Von den Soforthilfegeldern, die im Frühjahr zur Verfügung standen, wurde ja nur ein Bruchteil abgerufen. Ich glaube von 140 Millionen wurden nur 20 Millionen ausgeschüttet, was nicht daran lag, dass wir nicht Geld bräuchten, sondern dass wir nicht antragsberechtigt waren, weil da nur Betriebsmittel geltend gemacht werden konnten.

    Heißt, dass ein Künstler, der sich zuhause etwas Nettes überlegt, überhaupt kein Geld bekommen durfte. Und was vielen Künstlern wehtut, dass es zu wenig Wertschätzung für die Branche gibt. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist der zweitgrößte Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Also die Bruttowertschöpfung mit 106 Milliarden Euro ist nach dem Fahrzeugbau der zweitgrößte Brocken.

    BR24: Und da schmerzt es dann, wenn man einfach als nicht-systemrelevant abgestempelt wird?

    Tissot: Ach, ob wir für das System relevant sind… Ein bisschen komisch ist, dass wir in der Allgemeinverfügung in denselben Topf geworfen wurden, wie Bordelle und Zoos. Also, dass wir uns gerne zum Affen machen, ja. Und dass wir unser letztes Hemd geben. Aber dass wir nur als Freizeitbeschäftigung gelten, das zeugt von einem Blickwinkel der Politik, die sagen: ach, wir gehen in der Freizeit ins Theater, also ist Theater Freizeitbeschäftigung. Dass [es] das Erwerbsleben von Hundertausenden Menschen ist, sieht keiner.

    BR24: Fühlen Sie sich denn in Ihrer Existenz bedroht?

    Tissot: Ich habe nachgerechnet, ich darf halt nicht so alt werden, wie ich es mir vorgenommen habe, das heißt, ich lebe jetzt schon von meiner Altersvorsorge. Ich habe gut gewirtschaftet und werde nicht betteln gehen müssen, aber es gibt andere, die tatsächlich das Handtuch geworfen haben. Die fahren Pizza aus, sitzen an der Kasse, das heißt, ich befürchte, dass die Kulturszene ausgedünnt sein wird nach Corona.

    BR24: Hat die Kulturszene, oder haben Sie auch persönlich trotzdem Verständnis für die Maßnahmen? Es hieß ja, dass die meisten Infektionen zuhause stattfinden.

    Tissot: Als Kabarettist, nachdem die Meldung im Herbst raus war vom RKI, dass die meisten Infektionen zuhause passieren, da sagte ich: schickt die Leute ins Theater! Es ist kein einziger Fall nachweisbar, dass sich einer im Theater angesteckt hätte.

    BR24: Corona macht es der Kultur schwer und Sie leben ja auch noch in Nürnberg und da gab es ja für die Kultur noch einen herben Schlag. Nämlich die Bewerbung für die Kulturhauptstadt 2025 ist ja auch nichts geworden. Wie groß ist die Enttäuschung?

    Tissot: Der Franke fühlt sich, wie immer, natürlich ausgebootet und zu Unrecht nicht in seiner Genialität erkannt. Ja, der Frust ist groß, weil dadurch, dass durch Corona auch noch Gewerbesteuereinnahmen und andere wegbrechen, muss die Stadt sparen, das heißt, alle unsere Träume wurden jetzt erst mal wieder mit dem Rotstift weggestrichen.

    BR24: Im Zuge der Absage wurden verschiedene Projekt sofort wieder eingestampft – die neue Konzerthalle in Nürnberg wird vorerst nicht gebaut.

    Tissot: Was ich aber schön finde, denn so ist der Franke: wenn er nicht gewinnt, dann sagt er als beleidigte Leberwurst: gut, dann eben nicht.

    BR24: Der Humor ist Ihnen nicht abhandengekommen und es heißt ja immer, Lachen ist gesund. Deswegen zum Schluss in dieser aktuellen Situation, die ja doch nicht nur den Künstlern zu schaffen macht, vielleicht können Sie uns ja noch Ihren liebsten Scherz zu Corona mit auf den Weg geben?

    Tissot: Also, Corona das ist ein Virus, dass aus China kommt und heißt wie ein mexikanisches Bier – das muss einem spanisch vorkommen!

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