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Bildrechte: Wenig los: Eingang eines geschlossenen Theaters

Ihre Geduld ist am Ende: Wenn die Veranstaltungssäle nicht gleichzeitig mit dem Einzelhandel öffnen, will die Initiative "Aufstehen für die Kunst" beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof vorstellig werden, trotz der Mutationen und gewisser Risiken.

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Künstler fordern: Theater und Handel sollen zeitgleich öffnen

Ihre Geduld ist am Ende: Wenn die Veranstaltungssäle nicht gleichzeitig mit dem Einzelhandel öffnen, will die Initiative "Aufstehen für die Kunst" beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof vorstellig werden, trotz der Mutationen und gewisser Risiken.

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Von
  • Peter Jungblut

Von der derzeitigen Alarmstimmung lassen sich die Künstler nicht beeindrucken. Obwohl vor einer dritten Infektionswelle gewarnt wird, vor möglicherweise gefährlichen Mutationen und damit verbundenen unkalkulierbaren Risiken, will die Initiative "Aufstehen für die Kunst" sich nicht abermals von ihrem Plan abhalten lassen, die Theater und Konzertsäle möglichst bald wieder zu öffnen, spätestens zeitgleich mit dem Einzelhandel.

Der Sänger und Mitinitiator Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gegenüber dem BR: "Nein, das ist mit Sicherheit nicht der falsche Zeitpunkt, weil sie in Bayern ja ab 1. März die Bau- und Gartenmärkte und die körpernahen Dienstleistungen zugelassen haben. Wir haben ja auch die entsprechenden Studien über das Risiko im Theater, und die beweisen ja, dass die Theater das geringste Risiko haben, sogar weniger Risiko bei dreißigprozentiger Belegung als bei den Friseuren. Und die Studie der TU Berlin zeigt auch eindeutig, dass die Mutationen das Risiko ja nur parallel verschieben, das heißt, wir sind dann immer noch der Innenbereich mit dem geringsten Risiko."

"Pauschale Begrenzungen sind wissenschaftlicher Nonsens"

Ablinger-Sperrhacke verweist darauf, dass Sänger bei der Unfallversicherung ähnlich hoch eingestuft werden wie Sprengmeister, also von jeher ein gewisses Berufsrisiko tragen mussten. Daran habe die Pandemie nichts geändert. Die pauschalen Begrenzungen der Sitzplätze in den Theatern, also zum Beispiel die Obergrenze bei fünfzig oder 200 Zuschauern zu setzen, hält der Sänger für "wissenschaftlichen Nonsens", denn prozentual gesehen seien in kleinen Häusern fünfzig Personen schon die Hälfte der maximalen Auslastung, in großen aber kaum der Rede wert.

© Florian Schroetter/Picture Alliance
Bildrechte: Florian Schroetter/Picture Alliance

Engagiert für die Wiedereröffnung der Theater: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke

Der weltweit gefeierte Bariton Christian Gerhaher verwies auf eine "unehrliche Argumentationsweise" der Politiker. Wenn der Weg zum Theater mit dem Nahverkehr das eigentliche Risiko sei, wie oft behauptet, sei auch der Weg zum Einkaufen ähnlich gefährlich: "Wir wollen, dass sich diese Unverhältnismäßigkeit nicht mehr wiederholt. Wir klagen nicht an, sondern suchen dafür eine gerichtliche Klärung. Was uns jedoch auffällt, und was wir tatsächlich als unverständlich anprangern, ist das offensichtlich geringe Interesse an den Künste von Seiten der Politik in diesen Zeiten."

"Kultur muss bei Lockerungen dabei sein"

Der Rechtsanwalt der Initiative, Wolfram Hertel, kündigte an, spätestens nach dem kommenden Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten am 3. März zu prüfen, ob ein Eilantrag beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof auf Öffnung der Theater gestellt wird: "Also wichtig ist die Gleichbehandlung mindestens mit dem Einzelhandel. Dass dann, wenn die Politik ein Zeichen gibt, dass man jetzt Lockerungen machen kann und dass es wieder besser wird, dass dann auch die Kultur dabei sein muss. Die Kultur hat als erstes zugemacht, die dürfen nicht die sein, die als letztes wieder aufmachen."

Der Staat dürfe nur dann in Grundrechte eingreifen, wenn von Kulturveranstaltungen selbst eine konkrete Gefahr für die Gesundheit ausgehe. Nicht zulässig seien Untersagungen, um damit nur mittelbare Ziele zu erreichen, wie etwa möglichst wenig Mobilität, so Wolfram Hertel. Das sei bei der Religionsfreiheit und Versammlungsfreiheit berücksichtigt worden, nicht aber der Kultur: "Die Argumentation stützt sich auf zwei Säulen: Eine ist der besondere Schutz der Kultur. Die hat einen besonderen Stellenwert und dem muss Rechnung getragen werden. Die zweite Säule sind die wirklich belastbaren wissenschaftlichen Studien, die wir haben. Wir haben einen Antrag, der sich auf vom Freistaat finanzierte, wissenschaftliche Projekte stützen kann, die alles genau untersucht haben, und diese wissenschaftlichen Projekte muss man jetzt auch umsetzen, sonst hätte man sie ja gar nicht machen müssen."

"Publikum ist förmlich ausgehungert"

Gefragt, warum der Eilantrag beim Verwaltungsgerichtshof nicht sofort eingereicht wird, verweist Wolfram Hertel gegenüber dem BR auf die Rechtslage: "Zum einen haben wir eine gewisse Hoffnung, dass sich die Politiker einsichtig zeigen und jetzt auch öffnen. Und zum anderen müssen wir den Klagegegenstand abwarten. Die jetzige Verordnung in Bayern läuft am 7. März aus und es wird dann eine Nachfolge-Verordnung kommen und es hat keinen Sinn, gegen eine Verordnung zu klagen, die in ein paar Tagen abgelaufen sein wird."

Das Publikum sei förmlich "ausgehungert" nach Live-Kultur, so Sänger Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Live-Streams seien da "überhaupt kein Ersatz", zumal auch die teilweise gestrichen worden seien. Er gehe daher mit viel Optimismus in die juristischen Auseinandersetzungen. Was die Soforthilfen betrifft, zeigte sich der Sänger wenig zuversichtlich: "Die Nothilfeprogramme funktionieren nach wie vor nur sehr eingeschränkt, außerdem ist es so, dass wir einige Häuser haben, die monatelang gar nichts bezahlt haben, zum Beispiel die Dresdener Semperoper. Die musste jetzt über Anwälte gezwungen werden, in Verhandlungen einzutreten. Da sind die ganzen Kompensationsverhandlungen noch am Anfang, und das nach fast einem Jahr Pandemie."

Zu den prominenten Unterstützern der Initiative zählen die Geigerin Anne-Sophie Mutter, der Dirigent Kent Nagano, die Choreographin Sasha Waltz und Startenor Rolando Villazón.

Grütters fordert Solidarität mit Kulturschaffenden

Unterdessen hat Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters in einem Artikel für die Zeitschrift "Politik und Kultur" die Länder aufgefordert, bei Lockerungen unbedingt auch an die Kultur zu denken. Kulturorte, die sich von Anfang an solidarisch gezeigt und wirksame Hygienekonzepte entwickelt hätten, verdienten Öffnungsperspektiven, und zwar möglichst bald: "Die vielen Einzelschicksale, um die es hier geht, aber auch die geistige und seelische Verarmung, die mit dem Verstummen der Kultur zu befürchten ist, können und dürfen nicht einfach als Kollateralschaden notwendiger Infektionsschutzmaßnahmen in Kauf genommen werden."

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