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"Sprache und Sein" von Kübra Gümüşay: Das Buch der Stunde? | BR24

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In ihrem Buch "Sprache und Sein" geht Kübra Gümüşay der Frage nach, wie unser Reden Menschen kategorisiert. Warum sie dennoch von "alten weißen Männern" spricht und was der Fall Thüringen über rechte Diskurse lehrt, erklärt die Autorin im Interview.

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"Sprache und Sein" von Kübra Gümüşay: Das Buch der Stunde?

In ihrem Buch "Sprache und Sein" geht Kübra Gümüşay der Frage nach, wie unser Reden Menschen kategorisiert. Warum sie dennoch von "alten weißen Männern" spricht und was der Fall Thüringen über rechte Diskurse lehrt, erklärt die Autorin im Interview.

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"Dieses Buch", schreibt Kübra Gümüşay, "folgt einer Sehnsucht: nach einer Sprache, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. Nach einem Sprechen, das sie in ihrem Facettenreichtum existieren lässt." Die 31-jährige Autorin ist Politikwissenschaftlerin, Feministin, Kopftuchträgerin – aber damit wären wir vermutlich schon genau dort, wo für Gümüşay das Problem liegt: dabei, einen Menschen allzu sehr auf bestimmte Identitätsmerkmale festzulegen. Hendrik Heinze hat mit der Autorin gesprochen.

Hendrik Heinze: In Ihrer Twitter-Kampagne #schauhin haben Sie dazu aufgerufen, den alltäglichen Rassismus zu benennen. Und nun ist ein sehr engagiertes, nachdenkliches und entschlossenes Buch von Ihnen erschienen: "Sprache und Sein". Aber bevor wir uns dem zuwenden, lassen Sie uns noch über Thüringen sprechen.

Kübra Gümüşay: Man kann durchaus über Thüringen auf eine sehr konstruktive Art und Weise sprechen. Denn was dort passiert ist, war nicht nur möglich, weil Einzelpersonen nicht standhaft genug waren, sondern weil wir alle nicht standhaft genug waren und in den vergangenen Jahren vermehrt Vokabular und Bilder aus rechter Perspektive übernommen haben. Das heißt, wir haben gelernt, die Welt durch die Augen von Rechten zu betrachten – und haben uns dadurch formen lassen. Was wir in Thüringen erleben, ist eine Konsequenz dessen.

Auf Seite 128 Ihres Buches steht: "Wir haben die AfD so groß gemacht, wie sie es heute ist." Seit den Ereignissen in Thüringen ist sie noch etwas größer, oder?

Ja, das stimmt. Viel zu lange haben wir sie Stöckchen hinhalten lassen und sind bereitwillig darüber gesprungen und haben uns von rechter Ecke vorgeben lassen, mit welchen Themen wir uns beschäftigen. Das heißt, sie haben diskursive Realitäten geschaffen, auf die wir zum Teil wochenlang reagiert haben. Einer meiner Appelle in diesem Buch ist auch, sich dessen bewusst zu sein, womit wir uns beschäftigen. Und wie wichtig es ist, darüber zu diskutieren, in welcher Zukunft wir leben wollen, wie wir miteinander sprechen wollen, statt uns nur an der Gegenwart abzuarbeiten im Bemühen darum, dass es nicht schlimmer wird. Ziel muss immer sein, in einer gerechteren, friedlicheren, respektvolleren Gesellschaft zu leben, die im Einklang mit unserem Grundgesetz ist.

Da sind wir schon mitten im Thema: "Sprache und Sein" lautet der Titel Ihres Buches. Und dieses Buch, schreiben Sie, folgt einer Sehnsucht nach einer Sprache, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert, nach einem Sprechen, das sie in ihrem Facettenreichtum existieren lässt. Sie erzählen, wie Sie sich jahrelang auf Kategorien reduziert gesehen haben. Etwa darauf, dass Sie Muslimin sind – und damit offenbar auch jede Frage zu beantworten haben, die nicht-muslimischen Menschen zum Thema Islam einfällt. Eine Bürde, die Sie loszuwerden versuchen?

Die Beschäftigung mit diesem Buch, mit diesem Thema, war für mich ein Loslassen dieser Bürde. Ehrlich gesagt, mir dessen bewusst zu sein, dass ich jahrelang diese Bürde getragen habe, war ein Prozess des Loslassens. Selbstverständlich wird diese Bürde mich nach wie vor begleiten in unterschiedlichen Formen. Aber ich kann diese Bürde nun sehen. Wir als Gesellschaft können uns darüber Gedanken machen, welchen Menschen wir mit welchen Bildern begegnen und uns darüber Gedanken machen, wie das anders funktionieren kann.

Sie haben diese Bürde 18 Jahre getragen, schreiben Sie in Ihrem Buch. 2001, im Jahr mit den Anschlägen am 11. September, waren Sie 13 Jahre alt. Damals kamen Fragen an den Islam auf, nicht alle von ehrlicher Neugier getragen. Sie haben sich in der Pflicht gesehen, diese Fragen zu beantworten – jedem ehrlich neugierigen Menschen, aber auch jedem dahergelaufenen Blödmann. Und nun, 18 Jahre später, sind Sie an einem Punkt der Hoffnung angelangt?

Ja, ich habe viele Jahre diese Fragen beantwortet, weil eine gewisse Naivität mit dabei war. Zwar glaubte ich, dass, wenn ich gut genug diese Fragen beantworte und die Neugier gut genug stillen kann, sie irgendwann aufhören und wir dann weitermachen können. Über die Jahre wurde immer klarer, dass diese Neugier nie gestillt werden kann, weil das Ganze eine Art Unterhaltungssystem geworden ist. Wir diskutieren immer wieder bestimmte Fragen, kommen aber nicht weiter. Ein Thema war zum Beispiel: Gehört der Islam zu Deutschland? Wir haben diese Frage jahrein, jahraus diskutiert, aber nicht mit neuem Erkenntnisgewinn, sondern eigentlich nur mit einem Abfall an Niveau. Ich habe mich dann vermehrt damit beschäftigt, zu welchen Fragen wir uns eigentlich Gedanken machen und wie wir über all diese Themen auf eine konstruktive Art und Weise sprechen können, sodass am Ende eines Gesprächs ein Erkenntnisgewinn steht oder wir irgendwie weiterkommen und darauf aufbauen können. Da sehe ich einen eklatanten Mangel in unserer Öffentlichkeit.

© Hanser Berlin

"Sprache und Sein" von Kübra Gümüşay

"Ich bin eine Benannte, eine, die untersucht, analysiert, inspiziert wird, die verwundert gefragt wird, wie das denn gehe: Islam und Feminismus, Kopftuch und Emanzipation, Religiosität und Bildung", schreiben Sie in Ihrem Buch. "Wir anderen", heißt es an anderer Stelle. Fühlen Sie sich einer Gruppe von Menschen in Deutschland zugehörig, die sich von der Mehrheit unterscheidet und von der Mehrheit vor allem auch so wahrgenommen wird?

Ich habe dieses Bild aufgemacht, um deutlich zu machen, was es mit Menschen macht, wenn sie primär über eine Kategorie wahrgenommen werden. Zum Beispiel "Muslim" oder "Powerfrau", "Transmann", "Ostdeutsche". Diese Begriffe sorgen dafür, dass diesen Menschen Individualität, Facettenreichtum und Komplexität abgesprochen werden. Diese Menschen werden primär über die Definition in ihrer Kategorie wahrgenommen und nicht über ihre eigenen Ecken, Fehler, Eigenheiten – all diese Dinge, die uns Menschen zu Menschen machen.

Das Interessante ist, was passiert, wenn man das umdreht, wenn man Wörter betrachtet, die aus Unbenannten Benannte machen: Wendungen wie "alter, weißer Mann" oder Wörter wie "Alman". Wenn wir "Alman" sagen, dann schauen wir auf die Gesellschaft durch die Augen jener, die vielleicht als "Ausländer" oder als "Fremde" markiert werden. Wenn wir "alter, weißer Mann" sagen, betrachten wir in dem Moment die Welt durch die Augen all jener, die nicht alte, weiße Männer sind. Wenn man sich die Reaktionen anschaut, wie verwundbar Menschen auf diese Begriffe reagieren, dann wird uns deutlich, wie einschränkend diese Wörter sind.

Ich beschreibe das nicht, um zu sagen, alte, weiße Männer müssen nun auch das fühlen, was andere Menschen ihr Leben lang gefühlt haben, sondern die Absicht darin ist, zu beschreiben, wie eingeengt Kategorien sein können. Gehe ich an Menschen heran im Irrglauben, ich könnte diese Person abschließend verstanden haben? Gestehen wir einander Facettenreichtum und Ambiguität zu? Eine Freundin von mir hat erzählt, wie ihre Mutter – die trägt ein Kopftuch, stammt aus Ägypten – zur Arbeit mehrere Tage hintereinander immer Gurken zum Mittagessen mitgebrachte. Sie wurde daraufhin von ihren Kolleginnen gefragt, ob das jetzt eine islamische Tradition sei. Was vollkommen absurd ist. Aber sie wurde dort in dem Moment als Repräsentantin des Islams betrachtet, und alles, was sie getan hat, musste sozusagen ein religiöses Bekenntnis sein. Ihr wurde nicht zugestanden, dass sie vielleicht einfach ein Mensch ist, der unheimlich gerne Gurken isst.

Sie sind Sozialwissenschaftlerin, Sie wissen auch, dass in der Geschichte der Menschheit hegemoniale Diskurse und hegemoniales Sprechen selten durch Plädoyers der Hoffnung überwunden wurden, sondern meistens durch Kämpfe. Nun setzen Sie doch auf das Prinzip Hoffnung ...

Ich glaube an die Gleichzeitigkeit. Es braucht scharfe Kritik und Kämpfe. Zugleich braucht es Hoffnung. Ich sehe meinen Beitrag als einen Beitrag in diesem großen Zusammenspiel der Menschen, die versuchen, dass wir den Idealen, die wir formuliert haben, irgendwann tatsächlich entsprechen können.

"Sprache und Sein" von Kübra Gümüşay ist bei Hanser Berlin erschienen.

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