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Kritik von Polt: "Künstler schauen mit dem Ofenrohr ins Gebirge" | BR24

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Kabarettist Gerhard Polt kritisiert die Rede von "Systemrelevanz"

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    Kritik von Polt: "Künstler schauen mit dem Ofenrohr ins Gebirge"

    Der Kabarettist Gerhard Polt empört sich über die Einstufung bestimmter Branchen als vermeintlich systemrelevant - und anderer nicht. Für die Kulturbranche sieht er, wie sein Kollege Stofferl Well, noch düstere Zeiten kommen.

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    Der Kabarettist Gerhard Polt kritisiert die Einstufung bestimmter Branchen als systemrelevant: "Ich persönlich finde es ganz schlimm, dass von höchsten politischen Stellen von Systemrelevanz gesprochen wird. Bestimmte Leute kriegen in diesen schweren Zeiten ihr Geld und andere – vor allem Künstler – schauen mit dem Ofenrohr ins Gebirge". Das sagte der 78-jährige Kabarettist bei einer Feier mit Brüdern der Musiker-Großfamilie Well, mit denen er in wechselnden Konstellationen seit 40 Jahren auftritt – am berühmtesten waren seine Auftritte mit den Biermösl Blosn.

    "Die derbröselt es alle"

    Polt sorgt sich um die Kulturbranche insgesamt, vor allem aber um das ganze Gewerk, das zum Auftritt gehört: "Ob das Kollegen sind oder Beleuchter oder Tontechniker – die derbröselt es alle." Die Koppelung von vermeintlicher Systemrelevanz und der Bereitschaft zu üppigen Subventionen ist es, was der Kabarettist kritisiert: Die Lufthansa bekomme Milliarden – während Kulturschaffende ihre Miete nicht mehr zahlen könnten. Dabei sei der Kulturbereich mit seinen zahlreichen Beschäftigten praktisch der sechstgrößte Arbeitgeber in Deutschland.

    "In einen Flieger darf man steigen – aber ins Theater darf man nicht“, beanstandet auch Christoph Well, vielen bekannt als Stofferl. Dort würden striktere Regeln gelten als beim Fliegen. Die Auftritte vor reduziertem Publikum seien für viele Freischaffende unrentabel. "Wir haben praktisch Berufsverbot", sagte Well. Er befürchtet, dass es ein Viertel bis ein Drittel der bisherigen Veranstaltungen nach Corona nicht mehr geben werde, weil etliche Künstlerinnen und Künstler sowie Veranstalterinnen und Veranstalter aufgeben müssen.

    Ausnahmen bestätigen die Regel

    Maxi Schafroth, der Kabarettist und Fastenprediger am Münchner Nockherberg, sieht das alles ein bisschen anders. Er sagte der Münchner Abendzeitung, er habe die Auftrittspause in der Corona-Krise "fast genossen" und er gibt auch den Grund für seine Gelassenheit an: Nachdem er sieben Jahre "komplett durchgespielt" habe, verfüge er über ein finanzielles Polster.

    Mit dem Hinweis auf seine Rücklagen bringt Schafroth den eigentlich wunden Punkt ins Spiel: mangelnde Unterstützung der Kulturschaffenden von Seiten der Politik. Wie viel Geld jemand verdient und mit welchen Summen er unterstützt wird, hat – wie wir seit März wissen – nicht unbedingt mit Systemrelevanz zu tun. Schließlich war "systemrelevant" das Zauberwort, das zu Beginn des Lockdows viele Berufe und Branchen adelte, die bis dahin nicht eben großes Ansehen und Wertschätzung erfahren hatten: wie etwa Kassiererinnen und Kassierer oder Pflegerinnen und Pfleger. Und die sind durch den neuen Applaus auch nicht reicher geworden.

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