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Kritik an Asche-Mahnmal des "Zentrums für politische Schönheit" | BR24

© picture alliance / dpa

Säule des Anstoßes: Das Objekt, in das Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, sorgt für heftige Kritik und eine Klage.

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    Kritik an Asche-Mahnmal des "Zentrums für politische Schönheit"

    Das "Zentrum für politische Schönheit" will mit einer Gedenksäule vor "neuen Faschisten" warnen. Die Asche darin stammt angeblich von NS-Opfern. Das Internationale Auschwitz-Komitee ist bestürzt, Grünen-Politiker Volker Beck hat Anzeige erstattet.

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    Die für ihre Aktionen umstrittene Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) hat sich mit ihrer neuesten Aktion vor dem Berliner Reichstagsgebäude viel Kritik eingehandelt. Seit gestern will das Kollektiv mit einer temporären Gedenkstätte für NS-Opfer insbesondere Unionspolitiker vor einem politischen Bündnis mit der AfD warnen: Eine 2,5 Meter hohe und vier Tonnen schwere "Widerstandssäule" solle daran erinnern, dass an diesem Ort "der deutsche Konservatismus die Demokratie in die Hände von Hitler und seinen Nazi-Schergen legte", hieß es gestern in einer Erklärung des ZPS.

    Nach Angaben der Gruppe enthält die Stahlsäule auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper die Asche von Opfern des Nationalsozialismus. Aktivisten des ZPS haben nach eigener Aussage zwei Jahre lang danach geforscht, und schließlich in Deutschland, Polen und der Ukraine sedimentierte Asche, Knochenreste, Zähne und andere menschliche Überresten gefunden und für ihr Mahnmal nach Berlin überführt.

    "Skandalöse Störung der Totenruhe!"

    Jüdische Verbände reagieren entsetzt: "Auschwitz-Überlebende sind bestürzt darüber, dass mit diesem Mahnmal ihre Empfindungen und die ewige Totenruhe ihrer ermordeten Angehörigen verletzt werden", kritisiert der Vize-Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner in der "Jüdischen Allgemeinen". Das Berliner Büro des "American Jewish Committee" spricht im Kurzbotschaftendienst Twitter von einem "schiefen historischen und politischen Vergleich" und von einer "skandalösen Störung der Totenruhe", die die Opfer einmal mehr entwürdige.

    Außerdem droht dem Künstlerkollektiv juristischer Ärger: Der Grünen-Politiker Volker Beck hat bereits Strafanzeige gegen das Zentrum für Politische Schönheit gestellt. Sollte es sich tatsächlich um die Asche von in der Shoah Ermordeten handeln, wäre das eine strafbare Verletzung der Totenruhe, so Beck auf Twitter.

    In der Tat ist bisher unklar, ob die Asche in der Säule von NS-Opfern stammt oder nicht. Das "Zentrum für Politische Schönheit" legt dies nahe und schreibt auf seiner Internet-Seite: "Wie schon in ihren unzähligen Nachrichten an die Nachkommenden, klagen jetzt auch die Überreste der Toten an und mahnen: Der Konservatismus darf nicht, niemals, mit den Faschisten kooperieren. Widerstand gegen jede faschistische Machtergreifung ist oberste Bürgerinnenpflicht in einer freien Gesellschaft."

    Auch Jan Böhmermann hat sich zur Aktion geäußert und schlug auf Twitter überspitzt vor, man könne doch auch – als Kunstaktion – ein echtes KZ bauen.

    Ungeachtet der Kritik hat das Kollektiv heute noch eins drauf gesetzt und ist nach eigenen Angaben dabei, den Grabstein des früheren konservativen Politikers Franz von Papen im Saarland zu "entführen" und nach Berlin zu bringen: "Franz von Papen ist in der Gewalt des Zentrums für Politische Schönheit", lässt die Gruppe in einer Presseerklärung wissen, in der sie gleichzeitig die deutsche Erinnerungskultur in Frage stellt: "Hitlers Ermächtiger, verantwortlich für Millionen Tote in ganz Europa, Hauptangeklagter für den deutschen Konservatismus in Nürnberg, wurde nach dem Krieg mit vier Jahren 'Haft', vorzeitiger Entlassung, Rückgabe seines gesamten Kriegsverbrecher-Vermögens und einem Ehrengrab in Wallerfangen 'bestraft'." Franz von Papen sei auf dem Weg nach Berlin, "um für die Öffentlichkeit die historische Schuld des deutschen Konservatismus aufzuarbeiten".

    Franz von Papens Grabstein in der Gewalt der Künstler?

    Die "Entführung" des Grabsteins Franz von Papens steht in engem Zusammenhang mit der Asche-Gedenksäule vor dem Reichstag, schließlich gilt Franz von Papen als wichtiger Wegbereiter Adolf Hitlers in der Weimarer Republik. Damals hatten rechtskonservative Politiker mit den Nazis paktiert, heute könnten konservative Politiker die AfD an die Macht bringen, warnt das Künstlerkollektiv. Und fordert: Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion müssten bei einem Besuch der Asche-Stele "feierlich geloben, jeden Versuch der Diktatur im Keim zu ersticken und niemals – niemals! – eine Regierung mit Hilfe oder mit Duldung der AfD zu bilden, solange diese von Verfassungsfeinden, Holocaust-Leugnern und Faschisten beherrscht wird. Ihre An- oder Abwesenheit wird vor Ort dokumentiert."

    Das "Zentrum für Politische Schönheit" ist schon öfter durch eigenwillige, umstrittene Aktionen aufgefallen, etwa durch einen Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals, das die Aktivisten vor zwei Jahren in der unmittelbaren Nachbarschaft von AfD-Politiker Björn Höcke im thüringischen Bornhagen erreichtet hatten.

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