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Haben Frauen im Sozialismus den besseren Sex? | BR24

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2017 veröffentlichte Kristen Ghodsee in der New York Times einen Text über Sozialismus und Sex – und erntete einen Shitstorm. Nun legt sie ein Buch zum Thema vor. Die These: Aus dem Liebesleben des Ostblocks lässt sich politisch etwas lernen.

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Haben Frauen im Sozialismus den besseren Sex?

2017 veröffentlichte Kristen Ghodsee in der New York Times einen Text über Sozialismus und Sex – und erntete einen Shitstorm. Nun legt sie ein Buch zum Thema vor. Die These: Aus dem Liebesleben des Ostblocks lässt sich politisch etwas lernen.

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"Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben": Nicht "Sex" war das Reizwort in Kristen Ghodsees Titel, sondern "Sozialismus" – für das US-Publikum eine Provokation. Durch viele der aufgebrachten Reaktionen auf Ghodsees Artikel geisterte das alte amerikanische Gespenst der Furcht vor dem Kommunismus, dabei ging es der Autorin nicht darum, die Schlachten des Kalten Krieges noch einmal zu schlagen. Sondern um die Frage, welche sozialistischen Ideen helfen könnten, die Probleme von heute zu lösen – oder wenigstens zu verstehen, wie sich der Kapitalismus auch auf intimste Erfahrung auswirkt.

Wenn Gefühle zur Ware werden

Für Ghodsee sind im Kapitalismus Sex und Geld, Intimität und Ökonomie eng verknüpft, und zwar auf eine für Frauen besonders ungünstige Weise. Prekäre Jobs und wachsende Ungleichheit betreffen alle, Frauen leisten aber zudem viel gesellschaftlich wertvolle Arbeit, die schlicht unbezahlt bleibt: Kindererziehung, Pflege von Kranken und Alten, Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe. Und das ist kein Systemfehler der kapitalistischen Wirtschaft, sondern volkswirtschaftlich genau so kalkuliert.

Für die Frauen bedeutet das immer noch Abhängigkeit von Männern. Und hier kommt für die Autorin die Sexualität ins Spiel. Die traditionelle Versorgerehe beschreibt sie als eine Art Tauschgeschäft: Intimität gegen Lebensunterhalt. Auch Gefühle werden so zur Ware, was dann wirklich ein klassisch kommunistischer Befund ist, den Marx und Engels schon im "Kommunistischen Manifest" formuliert haben. Im Sozialismus dagegen tritt der Staat für die soziale Absicherung aller ein, bietet Mutterschutz und Kinderbetreuung und mildert so die Ungleichheit ab, die darin besteht, dass die Frauen nun einmal die Kinder zur Welt bringen. Beziehungen sind also weniger von ökonomischem Kalkül und weniger von wirtschaftlichen Abhängigkeiten bestimmt – und die Leute haben besseren Sex.

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Kristen R. Ghodsee – "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit"

Die persönlichen Kosten des Kapitalismus

Das ist keine bloße Behauptung, sondern belegt. Bereits nach der Wende gab es groß angelegte Studien, die zum Beispiel Ost- und Westdeutsche nach ihrem Intimleben befragten. Das Ergebnis: Das Liebesleben wurde im Osten als erfüllender empfunden, gerade von Frauen. Auch auf diese Daten stützt sich Kristen Ghodsee in ihrem Buch. Das Thema ist also keineswegs neu, aber dennoch offensichtlich immer noch brisant genug, eine heftige Debatte auszulösen.

Das könnte auch an seiner fast schon bösen Pointe gegen den Kapitalismus liegen: Der schreibt sich die freie Entfaltung des Individuums so emphatisch auf die Fahnen – und schneidet dann ausgerechnet im Privaten so schlecht ab. Dass der Rückzug ins Private im Ostblock auch ein Krisenphänomen unter einem repressiven System war, ändert daran wenig.

Die Grundsatzfrage nach dem Gemeinwohl

Wenn Kristen Ghodsee "Sozialismus" sagt, meint sie erst einmal so grundlegende Dinge wie garantierten Mutterschutz, staatlich unterstützte Kinderbetreuung und allgemeine Krankenversicherung – also eher Skandinavien als die Sowjetunion. Insofern ist die These des Buches deutlich weniger steil, als sie zunächst aussieht. Und ihre Konsequenz sehr sozialdemokratisch. Doch Ghodsee, Professorin für Osteuropa-Studien, liefert auch einigen Stoff zum real existierenden Sozialismus: Polen war in den 60er-Jahren Vorreiter in Sachen Sexualkundeunterricht, in der DDR war es kein Armutsrisiko, alleinerziehend zu sein, in Bulgarien wurde das Recht auf Mutterschaftsurlaub 1971 in die Verfassung geschrieben. Für US-Amerikanerinnen gibt es dieses Recht bis heute nicht.

Dass solche Dinge keineswegs Privatsache sind, sondern sehr politisch, ist eine alte sozialistische Idee. Und genau hier liegt die Grundsatzfrage, die neu verhandelt werden muss und die Sache so aktuell macht: Welche Aufgaben sind in gesellschaftlichem Interesse und müssen öffentlich organisiert werden, und welche Interessen sind vielleicht doch eher privat? In den postsowjetischen Gesellschaften Osteuropas werden wieder alte Familienbilder und Geschlechterrollen propagiert, zugleich gibt es Seminare, in denen junge Frauen lernen, sich einen reichen Mann zu angeln, US-Politikerinnen trauen sich, das Wort "Sozialismus" zustimmend in den Mund zu nehmen – und weltweit verdienen private Internetkonzerne mit der Ware Öffentlichkeit ebenso viel Geld wie mit persönlichen Daten.

Das Versprechen des Kapitalismus, wenn jeder seine Privatinteressen verfolge, werde sich das Beste für alle fast wie von selbst herausmendeln, dieses Versprechen ist brüchig geworden. Besserer Sex wäre nicht wenig, aber es geht beileibe nicht nur um besseren Sex.

Kristen R. Ghodsees Buch "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit" ist, aus dem Englischen von Richard Barth und Ursel Schäfer, bei Suhrkamp erschienen.

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