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Krisen-Paket zum Geburtstag: 75 Jahre "Süddeutsche Zeitung" | BR24

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Katerstimmung zum Jubiläum: Am 6. Oktober 1945 erschien die erste Nummer – seitdem schrieb das linksliberale Blatt Pressegeschichte, aber die Anzeigen-Erlöse brachen ein, die Druck-Auflage geht massiv zurück und die Online-Abos machen es nicht wett.

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Krisen-Paket zum Geburtstag: 75 Jahre "Süddeutsche Zeitung"

Katerstimmung zum Jubiläum: Am 6. Oktober 1945 erschien die erste Nummer – seitdem schrieb das linksliberale Blatt Pressegeschichte, aber die Anzeigen-Erlöse brachen ein, die Druck-Auflage geht massiv zurück und die Online-Abos machen es nicht wett.

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"Die erste Nummer der 'Süddeutschen Zeitung' ist fertiggestellt!" jubelt die Nachkriegs-Wochenschau "Welt im Film" in ihrer Ausgabe vom 25. Oktober 1945, selbstverständlich wie üblich unterlegt mit triumphierenden Fanfaren und pathetischen Streicher-Teppichen. Stolz und neugierig hält Münchens Oberbürgermeister Karl Scharnagl (CSU) die erste Nummer in der Hand, frisch aus der Druckmaschine, acht Seiten, Verkaufspreis 20 Pfennig, nicht gerade billig für die damalige Zeit, den 6. Oktober 1945. Die Wochenschau berichtete ausführlich, beim Festakt im Münchner Rathaus hatten die amerikanischen Besatzungsbehörden feierlich die Zeitungslizenz "Nummer eins" übergeben. Und in der noch halb zerstörten Druckerei drängelten sich die Festgäste und applaudierten.

Da lag die "Wochenschau" nicht ganz richtig

Aus den Druckplatten von Hitlers "Mein Kampf" wurden die Bleisätze für die "Süddeutsche" geschmolzen, Metall ist nicht weniger geduldig als Papier. Ziemlich abgemagert, mit demütig gebeugtem Rücken nahmen drei angeblich "unbelastete" Journalisten von den Amerikanern die Erlaubnis entgegen, künftig eine konsequent antifaschistische Zeitung zu machen – doch das Pathos der "Wochenschau" hatte mit der Wahrheit nicht allzu viel zu tun.

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Krisenblatt: Auch die "Süddeutsche" muss sparen

"Der Chef der Presseabteilung des amerikanischen Presse-Kontrollamtes begrüßt die Vertreter der Militärregierung, der Zivilverwaltung, die amerikanische und deutsche Presse, und die drei Herausgeber der 'Südddeutschen Zeitung', die alle wegen ihrer politischen Einstellung von der nationalsozialistischen Regierung verfolgt wurden", verkündet der Sprecher der "Welt im Film". "Ganz so ist es nicht gewesen", sagt dazu Joachim Käppner, leitender SZ-Redakteur: "Natürlich war die Zeitung von Anfang an ein antifaschistisch orientiertes Blatt, dafür haben die Alliierten, die amerikanischen Militärbehörden gesorgt. Aber es waren damals schon einige mit einer sehr braunen Vergangenheit in der Redaktion dabei, man muss allerdings sagen, dass das die wenigsten wussten."

Herausgeber Schöningh organisierte in Polen Transporte

Joachim Käppner hat sich intensiv mit der 75-jährigen Geschichte seines Blatts beschäftigt. Er weiß: Einer der drei Gründungsherausgeber, Franz Josef Schöningh, war mitnichten im Widerstand gewesen und auch nicht politisch verfolgt – ganz im Gegenteil: "Der Schöningh war, wie man heute weiß, in der Zivilverwaltung in Polen am Holocaust beteiligt. Er hat die Transporte mitorganisiert und solche Dinge. Man wusste damals aber gar nicht, dass er überhaupt dort gewesen ist. Er hat alles getan, um das zu verschleiern. Wenn man das gewusst hätte, wäre sicherlich ein Sturm losgebrochen, besonders in den sechziger Jahren. Aber die haben das sehr geschickt verborgen, so dass das erst posthum im ganzen Ausmaß herausgekommen ist."

Erst vor sieben Jahren erschien die kritische Biografie "Wege und Abwege" über Schöningh (1902 – 1960), verfasst von Knud von Harbou, einem langjährigen SZ-Autor. Seitdem ist klar: Es gab unschöne "braune" Flecken in den Lebensläufen der Gründer-Generation. Die Enkel Schöninghs wollen selbst ahnungslos gewesen sein und zeigten sich damals "bestürzt" über die Enthüllungen. 2008, während der letzten "Zeitungskrise", hatten sie ihre Anteil von rund zwanzig Prozent am Verlag bereits verkauft.

© Günter Lenz/Picture Alliance

Repräsentatives Bürohaus: Zentrale der "Süddeutschen"

Es dauerte, bis die "Süddeutsche" den linksliberalen Kurs gefunden hatte, für den sie heute bekannt ist, nämlich ungefähr zehn Jahre, bis Mitte der fünfziger Jahre. In den Sechzigern, während der Reformära in der Regierungszeit von Bundeskanzler Willy Brandt, leistete sich der Verlag ein Redaktionsstatut, wonach die Geldgeber nicht ohne Weiteres schalten und walten können, wie sie wollen. Ein neuer Chefredakteur kann nur mit Zustimmung der leitenden Redakteure ernannt werden, das sichert redaktionelle Unabhängigkeit – ist aber kein Schutz vor rückläufigen Anzeigen und sinkenden Auflagen.

Rund fünfzig Redakteure sollen gehen

Derzeit kämpft das Blatt wieder mal mit einer Krise, will rund fünfzig redaktionelle Mitarbeiter in den Vorruhestand schicken oder mit Abfindungen los werden, Personal abbauen. Zunächst ein "Freiwilligenprogramm", Entlassungen soll es bis auf Weiteres nicht geben. Joachim Käppner: "Ich kann nicht verhehlen, dass wir uns alle Sorgen machen, wohin das langfristig gehen wird. Wir haben trotz des Sparkurses, der Sparzwänge und der Anzeigen-Situation, einen gewissen Grundoptimismus, dass es die Zeitung in der ein oder anderen Form noch lange geben wird. Sie wandert ja zur Zeit sehr stark ins digitale Geschäft ab. Bei Print ist es so, dass die Auflage zurückgeht, zum Teil wegen der Digitalisierung, zum Teil wegen geänderter Lese-Gewohnheiten, dass die Leute halt keine Zeitung mehr lesen, sondern ins Netz gucken."

"Es grassieren Larmoyanz und Heulsuserei"

Tatsächlich ist die Verbreitung allein in diesem Jahr um rund sechs Prozent eingebrochen, auf etwa 315 000 Exemplare, und da sind rund 83 000 Digital-Abos schon mit eingerechnet. Es geht den Zahlen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IWV) zufolge also tendenziell stark abwärts, mal wieder: Joachim Käppner kann sich an insgesamt drei Krisen erinnern, die vorangegangenen in den Jahren 2002 und 2008 und die aktuelle. Ein ehemaliger SZ-Star-Autor wie der seinerzeitige Vielschreiber Heribert Prantl, bis 2019 zuständig für Innenpolitik und alles "Grundsätzliche", lässt allerdings keine schlechte Stimmung aufkommen. Noch letztes Jahr im Februar sagte er bei einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung: "Es ist gewiss so, dass sich der Journalismus nicht mehr so fest wie früher am Papier festhalten wird. Er löst sich ja schon davon, aber er löst sich nicht auf, er verändert nur seinen Aggregatzustand. Die Achtung der Journalisten beginnt mit Selbstachtung, und die wird zerstört von einer grassierenden Larmoyanz und Heulsuserei, die leider Mode geworden sind."

Ob es die "Süddeutsche" in 75 Jahren noch als Zeitung auf Papier gibt, mit Boten, die früh morgens von Haus zu Haus gehen? Das ist derzeit leider genauso unwahrscheinlich, wie bei allen anderen Titeln, die Medienlandschaft ist im fundamentalen Umbruch. Aber gerade deshalb kann ein Rückblick auf die ruhmreiche Vergangenheit und ja nicht schaden.

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