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Kriminologe Rafael Behr: "Die Polizei braucht keinen Schutz!" | BR24

© picture alliance / dpa

Kriminologe Rafael Behr

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    Kriminologe Rafael Behr: "Die Polizei braucht keinen Schutz!"

    Die Krawalle von Stuttgart und Frankfurt sind kein neues Phänomen und kein politischer Protest, so der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr. Ein Autoritätsproblem habe die Polizei derzeit nicht, dennoch müsse sie an sich arbeiten, damit das so bleibt.

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    Wie soll die Politik mit den gewalttätigen Ausschreitungen in Stuttgart oder in Frankfurt umgehen? Die Polizei müsse mehr deeskalieren, rät die rheinlandpfälzische SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer, während sich Bundesinnenminister Horst Seehofer schützend vor die Polizei stellen will und eine Studie über Gewalt gegen Einsatzkräfte fordert. Professor Rafael Behr beobachtet die Debatte aus Sicht des Polizeiwissenschaftlers. Behr ist Kriminologe und Soziologe an der Akademie der Polizei in Hamburg.

    BR24: Herr Professor, erleben wir mit Stuttgart und Frankfurt gerade eine Krise der Autorität?

    Rafael Behr: Nein. Solche Ereignisse sind schon immer vorgekommen und werden immer wieder vorkommen. Die sogenannten Schwabinger Krawalle, 1962, waren strukturell genau dasselbe: Trinkende junge Leute, die Polizei kommt und es erhebt sich spontan aus der Situation ein Krawall, der unpolitisch ist. Wir haben in der Geschichte der Bundesrepublik weitere solche Ereignisse, es flammt mal auf, dann lässt es wieder nach. Von einer Krise der Autorität zu sprechen, halte ich für überzogen.

    Lässt sich bei den aktuellen Krawallen eine Verbindung zu den "Anti-Corona-Demos" herstellen oder zu den "Black Lives Matter"-Protesten?

    Nein, das wäre eine lange Begründungskette. Ich glaube, es hat insofern mit Corona zu tun, als viele frühere Gewohnheiten unterbrochen wurden: in der Öffentlichkeit zusammen zu stehen, zu trinken. Dass für eine lange Zeit das alles auf Null gedreht wurde, ist für viele Menschen eine große Disziplin-Leistung. Ich glaube auch daraus resultiert dieses spontane Aufbegehren. "Black Lives Matter" hingegen war ein explizit antirassistisches Thema, auch gegen Polizeigewalt gerichtet. Was ich von den Personengruppen in Stuttgart und Frankfurt weiß, sind das nicht die Gruppen, die sich gegen Polizeigewalt zur Wehr gesetzt haben.

    Welche politischen Reaktionen halten Sie in der momentanen Situation für angebracht?

    Ich hielte es für angebracht, dass man grundsätzlich die Gruppendynamik und die spontane Gewaltdynamik analysiert und nicht zu sehr nach den gewohnten Kategorien sucht. Es liegt meines Erachtens eine fundamentale Verwechslung vor: Was hängt miteinander zusammen und was spielt zufällig eine Rolle? Dass zum Beispiel auch Migranten dort waren ist ein Zufall und nicht die Erklärung für diese Zerstörungswut. Man soll das, was zu beobachten ist, von Fachleuten analysieren lassen und sich nicht so sehr nach den politischen Kategorien ausrichten, die man schon immer bevorzugt hat.

    Bundesinnenminister Horst Seehofer würde gerne untersuchen lassen, ob Gewalt gegen die Polizei zunimmt. Was halten Sie davon?

    In beiden Fällen, Stuttgart und Frankfurt, war es keine intendierte Kampfansage gegen die Polizei. Die Polizei war sicherlich ein Faktor, der das Ganze zum Explodieren gebracht hat, weil sie Kontrollen durchgeführt hat, weil sie da war. Aber dazu eine Forschung zu initiieren, halte ich für weit überzogen, zumal wir Forschung über Gewalt gegen Polizei aus den letzten zehn Jahren haben. Was wir nicht haben, ist Forschung zum Rassismus in der Polizei. Das wird aber abgewehrt. Hier handelt es sich um eine Diskursverschiebung, weil Herr Seehofer natürlich weiß, dass er mit dieser Forderung nach Forschung über die Polizei als Opfer sehr viel mehr Wählerstimmen hinter sich vereinen kann, als mit einer Studie, die in die Polizei hineinleuchtet und schaut, was dort strukturell nicht stimmt.

    Welche Strukturen innerhalb der Polizei sehen Sie als problematisch?

    Erstens haben wir relativ rigide Hierarchien in der Polizei, sodass nicht alles Wissen und alle Erfahrung gleichermaßen wertgeschätzt werden. Das schränkt sozusagen die Kreativität etwas ein. Zum Zweiten haben wir es mit Arbeitsbereichen zu tun, die oft frustrierend und beschädigend sind. Wenn man zum Beispiel immer wieder mit Drogenabhängigen zu tun hat und sieht, wie sie sich durchs Leben schlagen. Das kann eine Menge Frustration und Mitleid, aber auch Aggressionen auslösen. Bei der Arbeit im Rotlichtmilieu oder mit der organisierten Kriminalität werden Polizisten oftmals vorgeführt, dass sie kleine Rädchen im Getriebe sind. Wenn so etwas nicht bearbeitet wird, kann das zu Zynismus, Rigidität, Alkoholismus aber auch zu einer politischen Radikalisierung führen.

    Wird die Autorität der Polizei gerade ein Stück weit verspielt?

    Die Autorität der Polizei, steht gesellschaftlich nicht zur Debatte. Sie verfügt weiterhin über ganz hohe Wertschätzung in den Umfragen. Aber natürlich steht in jeder Interaktion die Autorität der Polizei auf dem Spiel. Jetzt stünde an, in der Polizei Licht anzumachen, eben nicht nur von einzelnen schwarzen Schafen zu sprechen, sondern endlich zu kapieren, dass es die Arbeitsstrukturen sind, die aus gutmütigen Menschen, eben auch übergriffige Menschen machen. Damit würde sich die Polizei insgesamt wieder sehr viel mehr Luft verschaffen und auch ihre Autorität steigern.

    Braucht die Polizei also mehr Schutz vor Anfeindungen oder Gewalt?

    Die Polizei schützt uns, das habe ich in meiner Grundausbildung als Polizist auch gelernt. Die Polizei sichert sich selbst und schützt andere. Das heißt, unsere Polizei braucht keinen Schutz von der Bevölkerung. Es sind keine Opfer. Es sind Menschen, Frauen und Männer, die ziemlich viel Opfer bringen, aber nicht, die man als als Opfer darstellen muss, um die man sich sorgen muss. Das entspricht überhaupt nicht meiner Wahrnehmung vom Selbstbewusstsein unserer Studierenden in der Hochschule der Polizei.

    Vielen Dank für das Gespräch.