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© Dave Webb, Cambridge Archaeological Unit
Bildrechte: Dave Webb, Cambridge Archaeological Unit

Kopf unter: Skelett aus der Antike

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    Kriegsrecht extrem: Darum köpften die Römer so viele Einwohner

    Auf dem Gelände eines antiken Bauernhofs, der die Armee mit Lebensmitteln versorgte, fanden britische Archäologen 17 enthauptete Skelette. Es soll sich um Opfer der römischen Justiz handeln: Im unruhigen vierten Jahrhundert herrschten raue Sitten.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Schauriger Fund auf drei kleinen Friedhöfen aus der Römerzeit im britischen Somersham: In den Gräbern fanden sich 17 Skelette, deren abgetrennte Schädel zu Füßen der Leichen lagen und 13 Bestattete, die auf dem Bauch ruhten. Die Archäologen standen lange Zeit vor einem Rätsel: Handelte es sich um Menschenopfer? War es ein kriegerisches Gemetzel? Waren Soldaten auf bizarrer Trophäenjagd? Lagen hier Sklaven, die geköpft wurden? An zwei Skeletten konnten einwandfrei Spuren einer Enthauptung durch das Schwert festgestellt werden, an zwei weiteren massive Gewalteinwirkungen, wie es im Bericht der Forscher in der Fachzeitschrift "Britannia" heißt. Eine ältere Frau muss vor oder nach ihrer Hinrichtung verstümmelt worden sein, wie ein lädierter Unterkiefer bewies. Erschwert wurde die Arbeit der Archäologen durch den schlechten Erhaltungszustand der Knochen, was die genaue Datierung ebenso verzögerte wie Aufschlüsse über die Begleitumstände des Todes der hier Begrabenen.

    Kornkammer für die römische Armee

    Der Fund wurde auf dem Gelände von "Knobb's Farm" bei Somersham gemacht, etwa zwanzig Kilometer nördlich der berühmten britischen Universitätsstadt Cambridge. Das dortige Archäologische Institut war denn auch mit der Untersuchung der Ausgrabungen befasst. Die Experten fanden heraus, dass es auf dem Gelände einen Bauernhof aus der Eisenzeit gab, der im 1. Jahrhundert von den Römern "modernisiert" wurde. Im 2. Jahrhundert scheint dort eine Kornkammer für die römische Armee auf rund 300 Hektar entstanden zu sein, wo zwischen dreißig und fünfzig Arbeitskräfte tätig waren. Im frühen 3. Jahrhundert wurde die Anlage aufgegeben und teilweise abgerissen, was übrig blieb, waren drei Friedhöfe und brachliegende Felder. Die nahe gelegene Siedlung erlebte eine Blütezeit zwischen 250 und 325 nach Christus und bestand bis zum Ende des 4. Jahrhunderts.

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    Schädelstätte: Blick ins Grab eines Hingerichteten

    Fest steht, dass die aufgefundenen Leichen "untypisch" für die Römerzeit begraben wurden. Nach dem Fazit der Archäologen soll es sich sämtlich um Angeklagte handeln, die in einer wild bewegten, extrem gewalttätigen Zeit aus irgendwelchen Gründen vor einem Kriegsgericht landeten und zum Tode verurteilt wurden: "Nach der Hinrichtung wurden die Leichen womöglich von Freunden oder Familienangehörigen geborgen, ihre Gräber deuten auf damals in der Umgebung übliche Bestattungsriten hin. Sie haben allerdings keinerlei Bezug zu Enthauptungen und der Bauchlage." Es seien überwiegend Erwachsene, die offenkundig nicht nach irgendwelchen besonderen Kriterien ausgewählt worden seien und auf denselben Friedhöfen zu liegen kamen wie andere Verstorbene auch. Was die Bauchlage betrifft, vermuten die Archäologen, dass die Familie, der die Leichen von Hingerichteten gesetzlich zustand, damit verhindern wollte, dass die Verstorbenen aus ihren Gräbern auferstehen. Vielleicht sei das auch als Schmähung der Hingerichteten gemeint gewesen, womöglich seien "Scham oder Angst" im Spiel gewesen.

    Strafen wurden im 4. Jahrhundert ständig verschärft

    Da der römische Bauernhof über etwa acht bis zehn Generationen betrieben wurde, schätzen die Forscher, dass mindestens drei bis sechs Prozent der in dieser Zeit dort lebenden Einwohner hingerichtet wurden. Genetische Analysen kamen zum Resultat, dass es sich nicht etwa um eine ländliche Großfamilie handelte, sondern dass die hier arbeitenden Menschen teilweise aus weit entlegenen unterschiedlichen Gebieten des römischen Reiches kamen, etwa aus Schottland, aber auch aus den Alpen, so dass es naheliege, einen Armee- oder Staatsbetrieb zu vermuten. Im dritten und vierten Jahrhundert seien die Strafen wegen der angespannten politischen Lage ständig verschärft worden. Unter Kaiser Konstantin stand im Jahr 337 bereits auf sechzig unterschiedliche Vergehen die Todesstrafe, einige Jahrzehnte zuvor waren es nur 14 Tatbestände gewesen. Es sehe so aus, als ob das Gesetz in Somersham aus welchen Gründen auch immer besonders strikt angewandt worden sei. Die Isotopen-Analyse datierte die meisten Leichen auf die Zeit von 340 bis 380.

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    Bildrechte: Dave Webb, Cambridge Archaeological Unit

    Die Archäologen von Cambridge bei der Arbeit

    Warum die Schädel der Toten den Leichen zu Füßen gelegt wurden, darüber gibt es nach Angaben der Experten keine Hinweise in der überlieferten römischen Literatur. Allerdings ließen mythologische Motive erahnen, dass mit dieser Geste womöglich Geister besänftigt werden sollten. Denkbar sei auch, dass die Römer verhindern wollten, dass sich die Körper im Jenseits auf magische Weise wieder zusammensetzten um Rache zu nehmen. Allerdings sei es der Antike mit dem Geisterglauben wohl nicht allzu ernst gewesen, so die Forscher, denn zwei Gräber seien damals nach einer Bestattung abermals geöffnet worden, um jeweils eine zweite Person zu beerdigen, was gegen übertriebene Ängste der Zeitgenossen vor der Wiederkehr der Leichen spräche.

    Menschenopfer waren in Rom verboten

    Genaue Untersuchungen der Skelette erbrachten den Nachweis, dass eine enthauptete Frau kniete, während ihr das Richtschwert von hinten den Kopf vom Rumpf trennte. An einer männlichen Leiche wurden vier Kerben am Hinterkopf festgestellt, woraus die Archäologen ableiten, dass sich der Verurteilte gewehrt haben muss und mit mehreren Hieben "bewegungsunfähig" geschlagen wurde. Da Menschenopfer im Alten Rom illegal waren und Tieropfer gewöhnlich mit einem Schnitt in die Kehle ausgeführt wurden, erscheint den Experten ein religiöser Hintergrund unwahrscheinlich, zumal Opfer geweiht werden mussten, und zwar in einem "ruhigen und freiwilligen" Ritual. In Somersham könne davon jedoch keine Rede sein.

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    Archäologen-Team beim Vermessen

    Immerhin drei Leichen wurden in Särgen zur letzten Ruhe gebettet, was im späten 3. und frühen 4. Jahrhundert in der Region selten war. Nur etwa jeder vierte Verstorbene wurde damals auf diese Weise geehrt. Zu in den Gräbern entdeckten Objekten zählen mehrere Tonkrüge, ein vorsätzlich in drei Teile gebrochener Kamm, den eine Frau bei ihrer Hinrichtung wohl im Haar trug, und eine Halskette aus Mattkohle, deren Perlen sich bei der Enthauptung nach Einschätzung der Fachleute teilweise gelöst haben könnten. Sie spekulieren, Verwandte oder Freunde könnten sie aufgehoben und sorgsam mit ins Grab gelegt haben.

    Was auch immer genau um 350 nach Christus in Somersham geschah, es war eine Art von "extremer Justiz", wie die Archäologen ihren Abschlussbericht betiteln. Die Funde zeugen von der Spätphase des Römischen Reiches, als die Grenzen unsicher, die politischen Verhältnisse labil waren. Offenbar setzten die Behörden in ihrer Not auf eine Art "Kriegsrecht" - was ja bis heute nicht ungewöhnlich ist.

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