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Leeres Theater: Die meisten Spielstätten müssen ihr Publikum umwerben, um auch nur einigermaßen ausgelastet zu sein.

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Krieg und Corona: Wie die Bühnen um ihr Publikum kämpfen

Die Auslastungszahlen vieler Häuser sind immer noch im Keller, wegen der aktuellen Energiekrise drohen erneute Schließungen für Theater, Opernhäuser und Kleinkunstbühnen. Ein Blick auf den Zustand der Bühnen in außergewöhnlichen Zeiten.

"Ich möchte mich ganz herzlich bedanken für Euer Kommen, dass Ihr da wart. Ich möchte Euch auch wirklich im Sinne der Kleinkunst und des Theaters bitten, besucht bitte weiterhin Kabarett und Theaterveranstaltungen. Wir haben über Corona sehr viel Publikum verloren." So lautete die Bühnenansage von Kabarettist Michael Altinger.

Theatermacher müssen das Publikum umwerben

Dass sich Kabarettisten nach der Vorstellung beim Publikum bedanken, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Der damit verbundene fast schon flehentliche Appell hingegen – wie exemplarisch von Michael Altinger – der Bühnenkunst doch bitte auch weiterhin die Stange zu halten, ist neu. Erst Corona, nun noch die Energiekrise und Inflation oben drauf – da überlegen es sich viele zweimal, wofür sie sich Eintrittskarten leisten wollen und können.

Das trifft die so genannte Kleinkunst genauso wie die großen Staatstheater. Das Publikum zu umgarnen, sagt Jan Philipp Gloger, Schauspielchef in Nürnberg, sei 2022 wichtiger gewesen denn je. "Ich glaube, man braucht gerade in diesen Zeiten einen sehr, sehr auf die Leute zugehenden Gestus. Wir haben bestimmte Begegnungsformate intensiviert, wir treffen uns mit einigen Zuschauern auch immer noch online. Und grundsätzlich: Anwesenheit! Ich versuche jetzt noch mehr da zu sein, auch in ganz regulären Vorstellungen da zu sein. Das ist irgendwie wichtig. Also Rückzug kann natürlich jetzt in diesen Zeiten umso weniger stattfinden."

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Bis 2028 verlängert: Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger

Heitere Stoffe sind gefragt

Das würden wohl die meisten Theaterleute so unterschreiben. Wie weit man bei diesem Umwerben des Publikums gehen sollte – da gehen die Ansichten dann freilich auseinander. Jan Philipp Gloger hat angesichts ernster Zeiten eine erhöhte Nachfrage nach heiteren Stoffen festgestellt – ein Bedürfnis, das er (in begrenztem Maße, wie er betont!) zu bedienen bereit ist.

Die Intendantin der Münchner Kammerspielen Barbara Mundel gibt sich diesbezüglich zurückhaltender, obwohl auch an ihrem Haus zuletzt die eher leichtgewichtige Gesellschaftskomödie "Jeeps" von Nora Abdel-Maksoud diejenige Inszenierung war, die am zuverlässigsten für einigermaßen volle Reihen sorgte.

"Welche Zeiten haben wir denn?", sagt Barbara Mundel. "Weil wir jetzt Krieg haben, jetzt ein bisschen Zucker hinwerfen, damit alle brav und ruhig sind oder so? Ich finde, das ist eigentlich eine irre Auseinandersetzung, muss ich ehrlich sagen, weil ich finde, es bräuchte gerade jetzt mutigeres Theater."

Mutig zu den eigenen Ansprüchen stehen

Kein Zurückschrauben der eigenen Ansprüche als Zugeständnisse an einen vermeintlichen Zuschauergeschmack – das ist auch die Devise von Sibylle Broll-Pape, Intendantin am E.T.A. Hoffmanntheater in Bamberg. "Also meine Erfahrung ist eigentlich, dass man immer das machen sollte, was man als Theatermacher machen möchte!", sagt die Bamberger Intendantin. "Wenn ich jetzt gerade meine, oder unser Haus gerade meint, wir wollen uns weiter der Politik und den politischen Gegebenheiten stellen, müssen wir auch solches Theater machen. Also natürlich würde ich jetzt nichts machen, wo ich sagen würde, das interessiert die Bamberger überhaupt nicht. Aber ich muss jetzt nicht dringend Operetten, Musicals oder nur leichte Kost machen, nur weil ich denke, ich muss jetzt wahnsinnig Leute hier hinein holen."

Zuschauerschwund selbstverschuldet?

Diese Haltung, die Broll-Pape stellvertretend für viele formuliert, wurde den Theatern in manchen Feuilletons zuletzt allerdings als Arroganz ausgelegt. Der Vorwurf: sie würden sich fast nur noch für Gender-, Diversitäts- und Identitäts-Debatten interessieren, denen das Gros des Publikums gleichgültig bis ablehnend gegenüberstehe. Den Zuschauerschwund hätten die Theater daher zu einem Gutteil selbst verschuldet – durch eine verfehlte Spielplan-Politik, die zu stark auf Projekte und Stückentwicklungen setze, zu wenig auf große Stoffe und vertraute Klassiker.

Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel findet diese Kritik rückwärtsgewandt und stellt die rhetorische Frage: "Dann feiern wir die alten Rezepte?" Das könne nicht wirklich die Lösung sein. "Wir brauchen neue Phantasien. Wir brauchen neue Themen. Wir brauchen neue Angänge", sagt Mundel.

Zum Podcast: Ist das Theater zu publikumsfern? – kulturWelt-Talk

Womöglich ist der aktuelle Zuschauerschwund aber sogar durch eben diese Suche nach dem Neuen, die Barbara Mundel einfordert, bedingt – und gar nicht ursächlich durch Corona, den Ukraine-Krieg und die daraus resultierende Energiekrise samt Inflation. Die Theater sind im Umbruch, wollen mit neuen Formaten auch ein neues, vor allem jüngeres und diverseres Publikum gewinnen. Das führt zu Irritationen bei der angestammten Klientel.

In diesem schon länger schwelenden Konflikt wirken die aktuellen Verwerfungen dann allerdings als Brandbeschleuniger. Das alte Publikum wendet sich zunehmend ab, ein neues ist noch nicht in ausreichendem Maße gefunden – und jetzt da alles eh immer teurer wird, verzichten die einen auf den Theaterbesuch, weil sie zuletzt sowieso immer öfter enttäuscht wurden, und geben die anderen kein Geld aus für etwas, das sie noch gar nicht richtig kennen.

Ende 2022: Theater am Scheidepunkt

Entscheidend für die Zukunft, gerade der öffentlich subventionierten Theater, wird es daher sein, ob die Politik bereit ist, ihnen über diese schwierige Phase hinweg zu helfen. So gesehen war 2022 ein Jahr, das die Theater an einen Scheidepunkt gebracht hat – mit offenem Ausgang.

"Was ich als Befund noch nicht so ganz genau weiß: Ob es in unserer Gesellschaft hier dazu führt, dass wir die Kultur stärken oder wir jetzt endgültig sagen: Das war nett, solange wir uns das leisten konnten. Und jetzt haben wir so viele Probleme – das kann jetzt weg!?" Theater, fügt Kammerspiele-Intendantin Mundel dann noch an, biete ein Gemeinschaftserlebnis für die Zuschauenden, das kein Abend mit Netflix daheim auf dem Sofa ersetzen könne. Dass die Menschen darauf auch in Zukunft nicht verzichten wollen, ist eine Hoffnung, die sie mit vielen Bühnenkünstlern teilt – so auch mit Kabarettist Michael Altinger: "Bitte, bitte, wenn Ihr nach Hause geht, erzählt Freunden, Bekannten, die gerade kein Corona haben, erzählt denen bitteschön: Kabarett und Kleinkunst mache dann richtig Spaß, wenn man es gemeinsam mit anderen in echt erleben kann!"

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