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Kratzer am katholischen Kirchenimage: Eugen Drewermann wird 80 | BR24

© Audio: BR / Bild: dpa

Vom Nestbeschmutzer zum Propheten: der Kirchenkritiker Eugen Drewermann

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Kratzer am katholischen Kirchenimage: Eugen Drewermann wird 80

Als Kritiker war Eugen Drewermann der katholischen Kirche unbequem. Die Konsequenzen: Lehrverbot und Suspendierung vom Priesteramt. Das Bekanntwerden des Missbrauchsskandals ließ seine Schriften allerdings in einem neuen Licht erscheinen.

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Von
  • Simon Berninger

An jenem Tag, als in Berlin die Mauer fällt, bekommt auch die katholische Kirche einen Sprengsatz vorgelegt, mit dem der Zünder ihre Bastionen schleifen will. Genau am 9. November 1989 erscheint das Buch "Kleriker. Psychogramm eines Ideals". Der Autor, ein Nestbeschmutzer, so sahen es viele: Eugen Drewermann, katholischer Priester und Privatdozent für Theologie an der Universität Paderborn.

"Sprengsatz" für die Kirche

Seine 900 Seiten starke Analyse von Zölibat, Priesterbild und katholischer Sexualmoral steht monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Er will zeigen, "wie viel Leiden von diesen Kirchenstrukturen ausgeht." Drewermann findet es paradox, "dass wir in der Kirche sagen: Gott ist die Liebe, und dann fangen wir an, nichts mehr zu fürchten als die Liebe", wie er es in einem WDR-Interview erklärt.

Es herrsche eine "Angst vor der Kraft, die den Menschen in seiner Seele Flügeln wachsen lässt", verkörpert von den Klerikern und den kirchlichen Strukturen. "Und das ist geistesgeschichtlich so weit rückwärts, dass es wirklich inzwischen auch auf den psychischen Ebenen krankmachend wirkt", sagt Drewermann, der sein eigenes Werk als "Sprengsatz" bezeichnet, den er dort legen will, wo er hingehört.

Theologe und Psychoanalytiker

Zu seiner Einschätzung kommt der 1940 im nordrhein-westfälischen Burgkamen geborene Bergmannssohn nicht etwa durch sein Theologiestudium. Nach seiner Priesterweihe 1966 wirkt er zunächst als Studentenseelsorger und Aushilfspfarrer; später lernt er die Psychoanalyse nach Sigmund Freud kennen.

Ich stimme Sigmund Freud zu: Einen Menschen, den man hindert, zu lieben, dem zerstört man sein Selbstvertrauen. Ich kenne eine Menge Priester, die ich für menschlich sehr integer und glaubwürdig halte. Aber sie sind so nicht wegen der katholischen Kirche, sondern trotz der katholischen Kirche. (Eugen Drewermann)

Starker Tobak für Drewermanns Glaubensbrüder – und das zu einer Zeit, da die "Causa Drewermann" wegen unzähliger weiterer, provokanter Schriften längst auf den Schreibtischen im Vatikan liegt, zum Beispiel beim obersten Glaubenshüter, dem damaligen Leiter der päpstlichen Glaubenskongregation und späteren Papst Joseph Ratzinger. Und der Paderborner Erzbischof Johannes Degenhardt behält den unbequemen Kirchenkritiker vorsichtshalber im Auge.

Lehrverbot und Suspendierung vom Priesteramt

Drewermann ist sich dessen sehr genau bewusst: "Droht mir ein Lehrverbot? Das versucht man seit Jahr und Tag, aber es gibt auf meinen etwa 10.000 Seiten über Theologie bis heute keinen nachgewiesenen, nichtkatholischen Satz und das wird so bleiben." Sagt’s – und kurz darauf entzieht ihm sein Paderborner Erzbischof die universitäre Lehrerlaubnis eben doch. Grund war nicht etwa sein Kleriker-Psychogramm, sondern im "Spiegel" geäußerte Zweifel an der Jungfrauengeburt. Fünf Monate später, im März 1992, folgt die Suspendierung vom Priesteramt.

Zu seinem 65. Geburtstag bricht auch Drewermann endgültig mit der Kirche und tritt aus, als "Geschenk der Freiheit" an sich selbst, wie er kommentiert. Zu dem Zeitpunkt ist der wortstarke Theologe längst jenseits der Kirchen geschätzt als Universalgelehrter und kritischer Gesprächspartner – und das bis heute.

"Prophezeiung" des Missbrauchsskandals

So erschien erst im vergangenen Jahr sein kritischer Bestseller über die katholische Kirche in neuer Auflage im Topos-Verlag, begleitet von Stimmen renommierter Theologen, die sich sicher sind: Der Missbrauch in der katholischen Kirche wäre deutlich kleiner ausgefallen, wäre Drewermanns "Kleriker-Psychogramm" in der Kirche damals auf fruchtbaren Boden gefallen.

Für den Autor steht das außer Frage, in einem Interview mit Christiane Florin im Deutschlandfunk anlässlich der Neuauflage seines Klassikers sagte Drewermann: "Ich erinnerte daran, dass der Zustand, in dem Menschen gequält werden, bis ins Innerste hinein mit endlosen Schuldgefühlen, mit Unfreiheiten und Zwängen bis in den Intimbereich hinein keine Zukunft zu gewinnen ist. Das wollte man nicht hören. Jetzt rächt sich das furchtbar."

Das erkennen heute viele katholische Theologen an. Selbst die Paderborner Fakultät holte Drewermann im vergangenen Jahr zu seiner alten Wirkungsstätte zurück, zumindest für einen Gastvortrag. Und Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, bezeichnete Drewermann im Jahr 2018 als "von der Kirche verkannten Prophet unserer Zeit".