BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Krankenpflege: Raus aus der Klage- und Jammerkultur! | BR24

© BR/ STATIONEN
Bildrechte: BR/ STATIONEN

Eine Pflege in Würde: Das ist Fritz Sterr wichtig. Für die Patienten und für die Pflegenden. Um bestmöglich ihren Job zu machen, müssen Pflegende auch auf sich selber schauen, findet der Intensivpfleger aus Landshut. Und: Sie müssen lauter werden.

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Krankenpflege: Raus aus der Klage- und Jammerkultur!

Eine Pflege in Würde: Das ist Fritz Sterr wichtig. Für die Patienten und für die Pflegenden. Um bestmöglich ihren Job zu machen, müssen Pflegende auch auf sich selber schauen, findet der Intensivpfleger aus Landshut. Und: Sie müssen lauter werden.

1
Per Mail sharen
Von
  • Anna Kemmer

Fritz Sterr ist ein Held, der keiner sein will, auch nicht nach einem Jahr Corona-Pandemie. Vom Applaus der ersten Pandemie-Tage hält er darum nicht viel - der sei zwar nett gemeint gewesen, aber nicht nur "Systemrelevante" machen in der Pandemie einen super Job, sagt der 25-jährige Intensivpfleger.

"Wir kämpfen gegen Windmühlen"

Was Fritz Sterr in seinem Job momentan am meisten zu schaffen macht, sei die Masse an infektiösen Patienten: "Das ist schon beängstigend", sagt er. "Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. Wenn der eine Patient verlegt wird, kommt der nächste."

Was ihm derzeit vor allem fehlt, ist Zeit fürs Zwischenmenschliche. Schließlich ist das Klinikpersonal für viele Corona-Patienten über Wochen der einzige Ansprechpartner.

"Diese Patienten sind komplett abgeschnitten, sie haben keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Man braucht natürlich auch Zeit, um gerade in diesen hochsensiblen Phasen die Patienten zu begleiten, ihnen Orientierung und Halt und auch Sicherheit zu geben." Fritz Sterr, Intensivpfleger

Selbstpflege bedeutet auch Nein zu sagen

Als während der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 viele Klinikbetten freigehalten werden mussten, planbare OPs abgesagt waren und viel zusätzliches Personal rekrutiert wurde, sei das "die schönste Zeit zu arbeiten" gewesen, sagt Fritz Sterr: Damals sei das Pfleger-Patienten-Verhältnis super gewesen, oft konnte er sich ganz auf die Versorgung eines einzelnen Corona-Patienten konzentrieren, hatte auch mal Zeit für Gespräche und die Sorgen seiner Patienten.

Eine Pflege in Würde, das ist dem Krankenpfleger wichtig - nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Pflegekräfte. Schon vor Corona war die Arbeit im Krankenhaus anspruchsvoll. Pflegende müssen deshalb lernen, sich auch um sich selbst zu kümmern, davon ist Fritz Sterr überzeugt. Zu dieser Selbstpflege zählt für ihn, dass er auch mal nein sagen darf, wenn er kurzfristig einspringen soll.

"Man muss sich grundsätzlich darüber im Klaren sein, dass mit jedem Mal, mit dem man beispielsweise einspringt und damit versucht, 'den Laden am Laufen zu halten', wie es immer so schön beschrieben wird, dass man damit auch ein strukturelles Managementversagen kompensiert: Betten, die belegt werden, obwohl das nötige Personal fehlt." Fritz Sterr, Intensivpfleger

Gerade Pflegende vernachlässigen oft die "Selbstliebe"

Seine Belastungsgrenzen kennen, für sich selber sorgen - das sind wichtige Voraussetzungen für die eigene Gesundheit. Denn wer seine "Selbstliebe" vernachlässigt, riskiert krank zu werden, sagt auch der Neurobiologe Gerald Hüther.

Pflegende und Menschen in sozialen Berufen sind da besonders gefährdet. Es seien gerade diese Menschen, die vergessen, liebevoll zu sich selbst zu sein, wie es Gerald Hüther ausdrückt: "Liebevoll zu sich selbst zu sein, heißt auch immer, sich zu fragen, ob das, was man tut, einem auch selbst gut tut. Und dazu gehört auch, dass man in manchen Situationen 'nein' sagt, weil es einem selbst nicht gut täte, sich noch mehr auf die Schultern zu laden."

Selbstliebe bedeutet auch, die eigenen Kompetenzen und Ressourcen zu stärken, sich weiterzubilden, um dann souveräner mit Anforderungen umgehen, so Gerald Hüther.

Raus aus der Klagekultur, rein in den Diskurs

Fritz Sterr ist ein gutes Standing im Beruf wichtig. An der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar macht er neben seinem Job als Intensivpfleger den Master in Pflegewissenschaften. Das Studium hilft ihm, im Arbeitsalltag selbstbewusster aufzutreten, erzählt er.

Auch auf berufspolitischer Ebene müssten sich mehr der rund 800.000 Pflegenden in Deutschland stark machen, findet Fritz Sterr. Nur gut zehn Prozent sind wie er in einem Berufsverband organisiert. Damit verschenke der Pflegesektor "eine enorm starke Stimme".

Statt sich einzubringen, würde oft über zu wenig Geld und zu viel Arbeit geklagt: "Aus dieser Jammer- und Klagekultur müssen wir uns heraus entwickeln, Fortschritte machen, vorwärts gehen, Ideen vorbringen und Projekte entwickeln", sagt der Intensivpfleger.

Er selbst will auch nach einem Jahr Corona nicht als Held beklatscht werden, sondern einfach bestmöglich seinen Job machen. Einen Job den er liebt - und für den er sich gerade deshalb bewusste Auszeiten sucht. Und Kraftquellen für den nächsten Einsatz auf der Intensivstation.

Literaturtipp: Gerald Hüther: Lieblosigkeit macht krank, 2021 (Herder Verlag)

Sie interessieren sich für Themen rund um Religion, Kirche, Spiritualität und ethische Fragestellungen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Jeden Freitag die wichtigsten Meldungen der Woche direkt in Ihr Postfach. Hier geht's zur Anmeldung.