Niloufar Taghizadeh

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Kopftuch saß falsch: Niloufar Taghizadeh über Proteste im Iran

Kopftuch saß falsch: Niloufar Taghizadeh über Proteste im Iran

Auslöser der Unruhen ist der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Sie wurde von der Sittenpolizei wegen "unangemessener Kleidung" festgenommen und starb dann in einem Krankenhaus. Filmemacherin Niloufar Taghizadeh verfolgt die Proteste aus Deutschland.

Seit dem Wochenende läuft eine Welle von Protest durch den Iran, mindestens drei Menschen sind nach offiziellen Angaben ums Leben gekommen. Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass es mehr sind. In den sozialen Medien kursieren Bilder von skandierenden Menschenmengen, von Frauen, die ihren Hijab verbrennen. Nach den religiösen Vorschriften seit der islamischen Revolution ist das verboten.

Die in Deutschland lebende Filmemacherin Niloufar Taghizadeh verfolgt diese Videos im Netz, etwa einer jungen Frau, die sich mitten in einer großen Menschenmenge öffentlich die Haare abschneidet. Die Menschen klatschen und jubeln ihr zu, viele filmen: "Es soll Trauer symbolisieren. Es soll Wut symbolisieren. Haare haben in der persischen Kultur haben eine große Bedeutung in manchen Stämmen. Man schwört auf die Haare der eigenen Mutter oder der eigenen Schwester. Es ist etwas Heiliges. Und ja, sie sind wütend, und sie sind traurig. Sie wollen ihre Freiheit, koste es, was es wolle."

Die Polizei erzählt Lügengeschichten

Der Fall Amini ruft besonders in der jungen Generation solche heftigen Reaktionen hervor. Warum? Schließlich gab es in den letzten Monaten und Jahren immer wieder Protestwellen , meist lokal und meistens an bestimmten Themen aufgehängt: "Naja, egal, wie groß ein Fass ist, es läuft irgendwann über. Ich würde sagen, der Tod von Mahsa Amini war jetzt der Auslöser. Aber es war sicher auch, weil es in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Verhaftungen gab. Im iranischen Fernsehen waren dann Bilder zu sehen von denjenigen, die verhaftet worden sind, und sie erzählten, was sie falsch gemacht hatten. Im Fernsehen. Und man sah ganz klar und deutlich, dass sie eingeschüchtert wurden. So ist eins zum anderen gekommen.

Die Bilder zu Amini, die öffentlich wurden, sind interessant: Ganz klar ist zu sehen, dass sie einen sehr langen Mantel anhat. Sie wehrt sich nicht. Die Mädchen, die in diesem Bus mit ihr verhaftet wurden, haben den Eltern von ihr berichtet, dass sie im Bus schon Schläge abbekommen hat. Die Polizei hat dann erzählt, dass sie schon vor Jahren eine Gehirnoperation hatte, dass sie krank war, dass sie epileptische Anfälle hatte. So wurden Lügengeschichten erzählt, die nicht gestimmt haben."

Viele haben ein Problem mit dem Regime

Westliche Beobachter mutmaßen, dass die Zustimmung zum Regime im Iran dramatisch bröckelt. Niloufar Taghizadeh bestätigt das: "Ich kann Ihnen keinen Zahlen nennen, aber ich kann Ihnen sagen, und das ist eine mutige Behauptung, dass viele, viele, viele ein Problem mit dem Regime haben. Ich kenne auch einige religiöse Menschen im Iran, die gegen diese Regierung sind. Ja, junge Frauen, junge Männer, die sagen, diese Regierung schade der Religion und schade damit auch uns.

Ein Beispiel: Wenn eine Frau, der einfach gerne den Schleier trägt, so auf irgendein Konzert geht, dann erfährt sie unter Umständen Ablehnung und bekommt das Gefühl, dass alle anderen sie nicht mögen. Weil sie denken, sie gehört zur Regierung, oder zumindest zu den Unterstützern des Regimes. Was nicht stimmen muss. Das bedeutet, dass diese Regierung nicht nur Menschen einschränkt, die einfach frei leben wollen, sondern auch die anderen, die religiös orientiert sind."

Gibt es einen Regierungswechsel?

Die Machthaber im Iran machen so das Kopftuch auf gewisse Weise für beide Seiten zu einem Symbol von Unterdrückung. Die Diskussion um die richtige Kopfbedeckung wird im Iran unter der Bevölkerung genauso geführt wie im Westen: "Natürlich gibt es diese Diskussion, sie ist dort sogar viel größer als hier. Also, es gibt seit mehreren Jahren durch die Aktivistin Neshat, die aus New York über Facebook Frauen im Iran gebeten hat, dass sie ihr Videos ohne Kopftuch schicken, eine umfassende Debatte. Das hat einen Welle ausgelöst, und seitdem gibt es diesen Kampf. Frauen gehen immer wieder ohne Kopftuch auf die Straße. Sie sind immer wieder verhaftet worden.

Viele sitzen schon seit Jahren für diesen stillen Kampf im Gefängnis. Etwa dafür, wenn sie allein einfach auf einem Fahrrad ohne Kopftuch zwei Straßen weiter irgendwohin gefahren sind. Dieser Kampf ist immer größer geworden. Aber das, was jetzt passiert, hat eigentlich nichts direkt mit dem Kopftuch zu tun, sondern alle haben es einfach satt, von dieser Moralpolizei, von einem Staat, der überhaupt keinen Respekt hat gegenüber den Menschen eines Landes, drangsaliert zu werden. Sie wollen das alles einfach nicht mehr. Sie stellen nicht nur den Hidschāb in Frage, sondern sie schreien auf den Straßen, dass sie einen Regierungswechsel haben wollen. Und ja, ich hoffe sehr, dass es nicht so brutal wird, wie ich es befürchte."

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