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Schwul, nicht krank: Ketterls Kampf gegen "Konversionstherapie" | BR24

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Alexander Ketterl outete sich als Jugendlicher als homosexuell. In seiner freikirchlichen Jugendgruppe riet man ihm zu einer Umpolungstherapie.

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    Schwul, nicht krank: Ketterls Kampf gegen "Konversionstherapie"

    Alexander Ketterl ist gläubig – und schwul. In der freikirchlichen Gemeinde in Landsberg am Lech, der er sich als Jugendlicher angeschlossen hat, wollte man seine Sexualität mit einer sogenannten Konversionstherapie "heilen".

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    Mit 13 Jahren geht Alexander in eine freikirchliche Jugendgruppe in Landsberg am Lech, dem Ort, wo er aufwächst. Die evangelikale Gruppierung bietet damals im Gemeindesaal der evangelischen Christuskirche eine wöchentliche Bibelstunde an. "Es war mir sehr ernst mit dem Glauben. Ich habe etwas gesucht, einen Felsen, auf dem mein Leben stehen kann. Zumal ich ja schon gemerkt habe, es ist bei mir etwas anders", sagt Alexander Ketterl.

    Sexuelles Outing in der Jugendgruppe

    Er ist fasziniert von seinem neuen Leben in der evangelikalen Gemeinschaft. Doch es gibt auch Regeln. Dazu gehört ein striktes Bibelverständnis. Wort für Wort. Täglich studiert Alexander die Bibel. Eines Abends liest er im dritten Buch Mose und entdeckt die Stelle, in der geschrieben steht, dass es abscheulich sei, wenn ein Mann mit einem Mann sexuellen Verkehr habe. "Das war ein eisiger Schrecken. Das ist, als ob einem in diesem Moment ein Hahn zugedreht wird. Das hat Panik in mir ausgelöst", erzählt Alexander Ketterl betroffen.

    Nach fünf Jahren Leidensdruck outet er sich schließlich. Seine Jugendgruppe ist entsetzt und betet für ihn. Sie empfiehlt ihm außerdem eine so genannte "Umpolungstherapie" – die Konversionstherapie. Dazu lässt der junge Mann alles hinter sich und zieht sogar nach Marburg. Er habe eine solche Angst gehabt, in die Hölle zu kommen, dass er die Heilungsgruppe als etwas Gutes für sich empfand, erzählt Ketterl.

    Die "Umpolungstherapie"

    Die Therapie baut auf drei Säulen auf: sogenannte Geistesheilung, Psychotherapie und eine Art Selbsthilfegruppe, in der sich homosexuelle Männer gegenseitig ihre Gedanken und Gefühle offenbaren und sich darin bestärken, dass sie wieder auf den "rechten Weg" kommen können. Doch bei Alexander Ketterl klappt die "Heilung" nicht, der Druck und die Angst nehmen weiter zu. Mitten in der Therapie passiert schließlich das Unerwartete: Alexander verliebt sich zum ersten Mal in seinem Leben so richtig, und zwar in einen Mann.

    Für den jungen Mann kristallisiert sich immer mehr heraus, dass das, was er spürt, keine Verirrung oder Krankheit ist, sondern Liebe. Er bricht mit seiner evangelikalen Gruppe und beendet die Konversionstherapie, vor der er heute warnt: "Diese Therapie kann krankmachen. Das ist auch einigen Menschen geschehen. Manche mussten sich von der Heilungsgruppe distanzieren, sonst hätten sie nicht mehr weiterleben können." Heute lebt Alexander Ketterl mit seinem Partner zusammen und engagiert sich in der Frankfurter Projektgemeinde für Lesben und Schwule. Sie wollen heiraten und ihre Gefühle offen leben. In der Frankfurter Gethsemanekirche ist das möglich.

    Verbot von Konversionstherapien für Minderjährige geplant

    Jens Spahn hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der sogenannte Konversionstherapien verbieten soll. Durch sie entstünden oft schweres körperliches und seelisches Leid. Demnach sollen solche Therapien für unter 18-Jährige verboten sein. Das Verbot gilt auch, wenn eine volljährige Person durch Täuschung, Irrtum, Zwang oder Drohungen zu der Entscheidung gebracht wird, sich behandeln zu lassen. Auch die Werbung für die sogenannten Therapien soll künftig bestraft werden. Bei 16- bis 18-Jährigen sollen nur Ausnahmen zulässig sein, wenn der Behandler nachweist, dass sein Kunde genau weiß, worauf er oder sie sich einlässt.

    Online-Petition von Theologen und Therapeuten

    Es gibt christliche Gruppierungen, die in der Homosexualität eine Krankheit sehen. Ihrer Ansicht nach ist deshalb die Konversionstherapie ein Gebot der Nächstenliebe und dient der Heilung von Krankheit. Den Nährboden dafür sehen Theologen und Therapeuten in der Haltung der Kirche zur Homosexualität. Sie fordern aktuell in einer Online-Petition eine Stellungnahme von der Katholischen Kirche zu den "Umpolungs-Therapien" für Homosexuelle und eine Änderung in der Haltung gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen.