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Konversionstherapie: Ein Betroffener berichtet | BR24

© BR/Daniel Knopp

Homosexualität - laut Bibel ein "Gräuel"? Alexander Ketterl in seiner Ex-Kirche

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    Konversionstherapie: Ein Betroffener berichtet

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat ein Verbot sogenannter Konversionstherapien auf den Weg gebracht. Für Betroffene haben diese Versuche, Homosexualität vermeintlich zu heilen, oft gravierende psychische Folgen.

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    Die evangelische Christuskirche in Landsberg am Lech. Für Alexander Ketterl ist es ein mulmiges Gefühl an den Ort seiner Kindheit zurückzukommen. Er sei schon immer gläubig gewesen, berichtet Ketterl: "Es war mir sehr ernst mit diesem Glauben. Ich hab etwas gesucht, einen Felsen gesucht, auf dem mein Leben stehen kann. Zumal ich ja schon gemerkt habe, es ist bei mir etwas anders."

    Alexander Ketterl ist homosexuell. Mit 13 Jahren schließt er sich einer freikirchlichen Jugendgruppe an. Die evangelikale Gruppierung bot damals im Gemeindesaal der Christuskirche eine wöchentliche Bibelstunde an. Zunächst empfand Alexander Ketterl die Jugendgruppe als Bereicherung, erinnert er sich. "Wenn ich das Kreuz so sehe, dann kommen die ganzen Erinnerungen wieder: diese Frische, diese Wärme, die ich damals einfach erlebt hab."

    Ein "Gräuel"? Homosexualität löst Gewissenskonflikt aus

    Ein neues Leben in evangelikaler Gemeinschaft. Doch es gibt auch Regeln zu befolgen. Dazu gehört ein striktes Bibelverständnis - Wort für Wort. Täglich studiert Alexander die Bibel. Dabei wird ihm klar, dass er nach einer wörtlichen Auslegung der Bibel sündig ist. "Ich habe im dritten Buch Mose nachgelesen und kam dann zu der Stelle, wo steht, wenn ein Mann mit einem Mann sexuellen Verkehr hat, so begeht der ein Gräuel und es ist abscheulich, was er tut", schildert Ketterl seine Gewissensbisse. "Das hat Panik in mir ausgelöst."

    Alexander ist schwul. Nach fünf Jahren Leidensdruck outet er sich. Seine Jugendgruppe ist entsetzt und betet für ihn. Aber statt Verständnis aufzubringen, empfehlen sie ihm eine so genannte Umpolungstherapie. Dafür lässt er alles hinter sich und zieht nach Marburg. Viele christliche Gruppierungen und Gemeinschaften, vor allem solche, die ein sehr wörtliches Schriftverständnis pflegen, die Bibel also nicht mit historisch-kritischer Distanz lesen, sondern sie nahezu wörtlich verstehen, machen solche "Therapieangebote", um Gläubige angeblich von ihrer Homosexualität zu heilen.

    Angst vor der Hölle treibt Betroffene in "Heilungsgruppen"

    "Wenn man diesen Druck auf sich spürt und diese Angst in die Hölle zu kommen, dann empfindet man die Heilungsgruppe ja eher als etwas Gutes und ich bin dann in diese Gruppe gegangen und hab die Therapie auf mich einwirken lassen", so schildert Alexander Ketterl seine damalige Situation. Die Heilungsgruppe basierte auf drei Säulen: Geistheilung, Psychotherapie und eine Art Selbsthilfegruppe. "Das war so ein bisschen wie anonyme Alkoholiker", beschreibt Ketterl, "Man erzählt sich gegenseitig was man alles gedacht hat, was man gefühlt hat."

    In der medizinischen Fachwelt besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Unterdrückung der sexuellen Identität eines Menschen zu Depressionen, Angsterkrankungen oder einem erhöhten Suizidrisiko führen kann. Auch bei Alexander Ketterl funktioniert die beabsichtigte Heilung nicht, Druck und Angst nehmen bei ihm noch zu. Mitten in der Therapie geschieht das Unerwartete: Alexander verliebt sich zum ersten Mal in seinem Leben richtig, und zwar in einen Mann. Anstatt seine Gewissensnöte zu verschlimmern, sorgt die Erfahrung bei Ketterl für Klarheit: "Irgendwie hat sich das für mich immer mehr herauskristallisiert, das ist Liebe, was Du spürst und das ist keine Krankheit. Es ist auch keine Verirrung, was Du spürst, es ist Liebe."

    Bundesgesundheitsminister: "Angebliche Therapie macht krank"

    Alexander bricht mit seiner evangelikalen Gruppe und beendet die so genannte Konversionstherapie, vor der er heute nur warnen kann: "So etwas kann krank machen. Das ist auch einigen Menschen geschehen. Manche mussten sich, bevor sie wirklich krank wurden, von der Heilungsgruppe distanzieren, weil sie sonst nicht weiterleben hätten können."

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will derlei Angebote gesetzlich verbieten. Anfang November hat Spahn in Berlin einen Gesetzentwurf vorgelegt, wonach Behandlern oder Vermittlern Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr drohen. Spahn erklärte dabei, schon der Begriff Therapie sei irreführend: "Diese angebliche Therapie macht krank und nicht gesund." Homosexualität sei keine Krankheit, betont der Gesundheitsminister.

    Verbot von Konversionstherapien für Minderjährige geplant

    Künftig sollen Konversionstherapien für unter 18-Jährige verboten sein. Das Verbot gilt auch, wenn eine volljährige Person durch Täuschung, Irrtum, Zwang oder Drohungen zu der Entscheidung gebracht wird, sich behandeln zu lassen. Auch die Werbung für die sogenannten Therapien soll künftig bestraft werden. Bei 16- bis 18-Jährigen sollen Ausnahmen zulässig sein, wenn der Behandler nachweist, dass sein Kunde genau weiß, worauf er oder sie sich einlässt.

    Alexander Ketterl hatte auch ohne ein solches Verbot Glück: Er erkannte, dass die Umpolungsversuche ihm eher schadeten als nutzten. Heute lebt er mit seinem Freund zusammen und engagiert sich in der Frankfurter Projektgemeinde für Lesben und Schwule. Er und sein Partner wollen heiraten und ihre Gefühle offen leben. In der Frankfurter Gethsemanekirche ist das für das Paar möglich.