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Koloniales Erbe: Aufarbeitung mit "neuer Ethik" | BR24

© Audio: BR / Foto: dpa-Bildfunk Daniel Bockwoldt

Der überarbeitete Leitfaden "Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" wurde jetzt in Berlin vorgestellt. Hilft er Kuratoren bei der Aufarbeitung der eigenen Sammlungen?

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Koloniales Erbe: Aufarbeitung mit "neuer Ethik"

In vielen Museen lagern Objekte mit kolonialer Vergangenheit, die großen Forschungsaufwand erfordern. Nun soll ein neuer Leitfaden helfen, verantwortungsvoller mit den Sammlungen umzugehen – auch wenn es um Rückgaben geht. Erfüllt er die Erwartungen?

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Von
  • Maria Ossowski

Es ist ein praktischer Leitfaden und eine Informationsgrundlage für alle Museen, nicht nur für die ethnologischen, denn Kunst aus kolonialem Kontext betrifft viele Sammlungen in Deutschland. Auf 220 Seiten und einem zusätzlichen E-Reader haben Experten des Deutschen Museumsbundes in Zusammenarbeit mit Fachgremien der Herkunftsgesellschaften zusammengetragen, wie wir mit dem heiklen Thema umgehen sollten. Er soll, so die Zusammenfassung, sensibilisieren, Hilfe bieten in der Praxis und informieren: "Museumsverantwortlichen sollte bewusst sein, dass die meisten Sammlungsgüter nicht als ‚Museumsobjekte‘ entstanden sind. Sie sind Zeugnisse verschiedener Kulturen mit in den Herkunftsgesellschaften verankerten eigenen Bedeutungen. Die Erwerbung oder Entstehung von Sammlungsgut kann mit Ausübung von Gewalt in Zusammenhang stehen."

Vorbild für ganz Europa?

Der Leitfaden, in Deutsch, Englisch und Französisch verfasst, will den offenen Diskurs ermöglichen und innerhalb Europas Vorbild sein, vor allem aber geht es um den gleichberechtigten Umgang und Austausch mit jenen Ländern, aus denen die Kulturgüter stammen. Diese wünschen sich Inventarlisten mit sämtlichen Objekten, die in Europa landeten. Günter Winands, Abteilungsleiter im Staatsministerium für Kultur und Medien, erklärt dazu: "Zu den vereinbarten Maßnahmen gehört die Schaffung eines zentralen Zugangs zu dem bereits digitalen erfassten Sammlungsgut, die digitale Grunderfassung und Veröffentlichung der Bestände sowie die Erarbeitung von gemeinsamen Standards."

Provenienz: Woher stammen die Objekte?

Ein wichtiges Thema: Wer erarbeitet in kleineren Museen die Provenienzen? Ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin kostet 75.000 Euro im Jahr, hinzu kommen die Ausgaben für die Digitalisierung. Da ist man schnell bei sechsstelligen Summen. Dem Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg sowie dem Bundeskulturministerium von Monika Grütters Behörde liegen viele Projektanträge vor. Fehlt noch die zentrale Frage: Rückgabe ja oder nein? Dazu heißt es auf Seite 81 im Leitfaden: "Rückgaben von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten sollten sowohl dann in Erwägung gezogen werden, wenn die Erwerbungsumstände aus heutiger Sicht als Unrecht erscheinen, als auch dann, wenn es sich um Sammlungsgut handelt, das zum Zeitpunkt, als es aus der Herkunftsgesellschaft entfernt wurde, für diese von besonderer religiöser oder kultureller Bedeutung war und diese Bedeutung bis heute behalten oder auch wiedererlangt hat."

Dialog statt Rückgabe

Die Rückgabe steht bei vielen Herkunftsgesellschaften nicht im Vordergrund. Ihnen sind der Austausch und gemeinsame Ausstellungsprojekte wichtiger, damit Kulturgüter nicht in Depots vergessen werden. Wiebke Ahrndt, die Direktorin des Übersee-Museums in Bremen, hat die Arbeitsgruppe seit 2016 geleitet: "Wir starten jetzt ein Kooperationsprojekt mit Samoa, weil wir auch eine sehr große Sammlung haben aus der ehemaligen deutschen Kolonialzeit. In Samoa wird ganz klar gesagt, wir möchten die Sammlung nicht zurück, sondern wir möchten mit euch gemeinsam eine Ausstellung machen. Weil wir finden, ihr solltet das Sammlungsgut, das bei Euch lagert, dazu nutzen, von uns zu erzählen. Und da stehen die dramatischen Folgen des Klimawandels ganz oben auf der Agenda." Samoa gehört zu den vielen Gebieten, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind.

Grundsätzlich sollen die Museen offen sein für die Rückgabe. Bei menschlichen Überresten und Grabbeigaben ist das, soweit verlangt, bereits Usus.

Der Leitfaden ist eine notwendige Basis für den Dialog und eine Grundlage für Gespräche auf Augenhöhe mit den Vertretern der Herkunftsländer.

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