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© WDR / Alexander Nanau
Bildrechte: WDR / Alexander Nanau

Ausschnitt aus "Kollektiv - Korruption tötet".

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    "Kollektiv": Die tödlichen Folgen der Korruption

    In seiner Dokumentation "Kollektiv" verarbeitet der rumänische Regisseur Alexander Nanau den Tod von 27 Menschen, die beim Brand einer Diskothek in Bukarest starben. Mitschuldig waren korrupte Behörden. Nun ist Nanau für den Oscar nominiert.

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    Von
    • Moritz Holfelder

    Am 30. Oktober 2015 bricht während eines Konzerts der Metal-Band Goodbye to Gravity im vollbesetzten Bukarester Club Colectiv ein Feuer aus. Es gibt erschütternde Originalaufnahmen von diesem Abend, die Alexander Nanau in seinem Dokumentarfilm "Kollektiv - Korruption tötet" zeigt.

    Es kommt zu einer Panik. 27 Menschen sterben, 180 weitere werden zum Teil schwer verletzt. Als am Tag danach bekannt wird, dass der Club zwar eine Betriebserlaubnis besaß, aber über keine Notausgänge verfügte, die Genehmigung also zu Unrecht vergeben wurde, gehen zigtausende junge Menschen auf die Straße und protestieren gegen die korrupten Behörden.

    Von einem "nationalen Trauma" sprach Alexander Nanau bei der Premiere von „Kollektiv“ im Rahmen des Filmfestivals von Venedig – und meint, die gesellschaftliche Reaktion auf die Brandkatastrophe 2015 sei die kräftigste und umfassendste gewesen seit der Revolution und dem Sturz von Diktator Nicolae Ceaușescu im Jahr 1989.

    Zehnfach verdünnte Desinfektion

    Frustration und Wut nehmen zu, nachdem 37 weitere junge Besucher des Clubs Colectiv noch bis zu vier Monate später in Krankenhäusern sterben – an Brandfolgen, die eigentlich nicht lebensgefährlich waren. Warum? Bei der medizinischen Versorgung wurde versagt. Angeordnete Tests ergeben: In Kliniken kamen Desinfektionsmittel zum Einsatz, die von den Herstellern bis zu zehnfach verdünnt wurden. Das alles, um den eigenen Profit zu steigern. Menschen kamen also nicht durch ihre Verbrennungen ums Leben, sondern durch Kriminalität und Betrug.

    Der Dokumentarfilm „Kollektiv – Korruption tötet“ beginnt mit einer Versammlung von Hinterbliebenen der Brandkatastrophe. Mütter und Väter sind den Tränen nahe, Freunde oder Geschwister der Toten scheinen immer noch nicht fassen zu können, was passiert ist. Einige Menschen erheben sich und sprechen über Verlust, Verrat und Heuchelei. Sie klagen an.

    Polit-Thriller mit offenen Antworten

    Schließlich muss die ganze Regierung Rumäniens zurücktreten. Ein junger Patientenanwalt wird zum Gesundheitsminister, er soll neues Vertrauen schaffen und die tödliche Mischung aus Inkompetenz, Schmiergeldzahlungen und Intransparenz im Klinikwesen bekämpfen.

    Alexander Nanaus bewegender Film kommt mal wie ein politischer Thriller daher, mal wie pures Dokumentarkino ohne Off-Kommentare. Die Botschaften der Bilder kann sich jeder Zuschauer selbst erschließen.

    Von vielen internationalen Kritikern wird „Kollektiv“ als einer der besten Journalistenfilme aller Zeiten bewertet, aktuell ist er für zwei Oscars als beste Dokumentation und bester ausländischer Film nominiert. Der Regisseur geht angenehm tastend vor, ist neugierig, auch mal unschlüssig. Nie forsch oder vorauseilend. Die universelle, auch in Deutschland gerade debattierte Frage, wie sich korrupte Systeme und alte Seilschaften am nachhaltigsten bekämpfen lassen, kann und will Alexander Nanau freilich nicht beantworten. Aber er macht nachdrücklich deutlich, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben – und mit Trauer, Schmerz, Empörung, Wut und der Forderung nach Veränderung an die Öffentlichkeit zu gehen.

    Hier können sie "Kollektiv - Korruption tötet" direkt in der ARD-Mediathek anschauen.

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