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Kochen fürs Klima | BR24

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Gute Küche sei eine moralische Angelegenheit, fand Joseph Conrad. In Zeiten der Klimadebatte gilt das umso mehr. Ein Trend, den viele Verlage mit Tipps zu nachhaltiger Küche bedienen – von Weltrettung am Herd bis zum Outing eines "grünen Hedonisten".

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Kochen fürs Klima

Gute Küche sei eine moralische Angelegenheit, fand Joseph Conrad. In Zeiten der Klimadebatte gilt das umso mehr. Ein Trend, den viele Verlage mit Tipps zu nachhaltiger Küche bedienen – von Weltrettung am Herd bis zum Outing eines "grünen Hedonisten".

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"Hitze" hieß vor Jahren jenes Buch, in dem Bill Buford, der ehemalige Literaturchef des New Yorker, seine Lehrzeit als Koch in einem Sterne-Restaurant beschrieb und en passant dem Leser einige Rezepte für großartige Gerichte mitlieferte. Indes, diese "Abenteuer eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling", wie "Heat" im Untertitel hieß, sparten das Thema Erderhitzung aus. Kein Wort zur klimaschonenden Zubereitung von erlesenen Speisen in diesem etwas anderen Kochbuch! Zum Glück gehört diese Art kulinarischer Literatur der Vergangenheit an, wie die Frühjahrsprogramme deutschsprachiger Verlage zeigen.

Klimaschutz fängt auf dem Teller an

Das moderne Kochbuch gibt sich nachhaltig und klimafreundlich. Die Briten Henry Firth und Ian Theasby bringen im Januar bereits ihr jüngstes, nach ihrem YouTube-Kanal benanntes Kochbuch heraus: "BOSH!". Untertitel: "Einfach vegan leben. Wie man die Welt rettet und sich dabei großartig fühlt". Denn das schlechte Gewissen sitzt immer mit am Tisch. Deshalb nennt Sophia Fahrland ihr neues Buch "Klimaschutz fängt auf dem Teller an. Das CO2-Sparbuch für klimafreundliche Ernährung".

Grammatikalisch eher ungelenk, aber dafür ganz im Sinne der Klimaneutralität dürfte Monika Röttgens "Mitmach-Buch" "Klimafreundlich Küche" sein, und auch Paul Ivić, der sich mit rein vegetarischer Küche einen Michelin-Stern erkochte, verkörpert diesen Trend: "Geh aufs Ganze!" heißt sein Kochbuch, das die Dreifaltigkeit der Nahrungszubereitung im Untertitel führt: "Vegetarisch essen – klimafreundlich kochen – nachhaltig leben".

Gute Küche – und "restlos gute" Kochbücher

Jedes dieser Kochbücher könnte sich in seiner moralisch einwandfreien Haltung jene Sätze zum Motto nehmen, die der Schriftsteller Joseph Conrad einst, es war 1923, einem Kochbuch seiner Frau Jessie voranstellte: "Von allen Büchern, die seit frühester Zeit durch menschliche Begabung und Fleiß hergestellt wurden, sind nur die, die vom Kochen handeln, von einem moralischen Standpunkt aus über jeden Verdacht erhaben." "Gute Küche", so Joseph Conrad weiter, "ist eine moralische Angelegenheit. Mit guter Küche meine ich die gewissenhafte Zubereitung einfacher Nahrung des täglichen Lebens, nicht den mehr oder weniger kunstfertigen Mischmasch aus nutzlosen Banketten und seltenen Gerichten."

Konsequenterweise bringt Martin Kintrup im Frühjahr "Das restlos gute Kochbuch" heraus: "nachhaltig, klimafreundlich und lecker". Und während er als Deutscher "Food for Future" sagt, nennt Tom Hunt aus Großbritannien, Kolumnist des Guardian, sein Kochbuch "Essen für die Zukunft. Mit über 80 Rezepten: pflanzlich, abfallfrei, klimaschonend". Dagegen nehmen sich die gerade einmal "35 Rezepte für ein gutes Klima" in Michaela Maria Müllers Sammelband "Kochen mit Zukunft" fast wie Magerkost aus.

Grüne Hedonisten

Verwundern darf einen das alles nicht in Zeiten, in denen zu "Klimagourmetwochen" eingeladen wird. Und also nehmen wir zur Kenntnis, dass sich Alexander von Schönburg, der Bruder von Gloria von Thurn und Taxis, in seinem bald erscheinenden Buch als "Der grüne Hedonist" präsentiert: "Mein redlicher Versuch, ein klimafreundliches Leben zu führen" hat er sein Buch genannt. Ressourcenschonend und ökologisch korrekt geht es also zu in den Vorschauen der Verlage. Und nicht nur dort: Im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden eröffnet im März eine große Ausstellung über die Frage, wie wir uns in Zukunft ernähren. Das dazugehörige Buch wird auch schon annonciert: "Future Food. Essen für die Welt von morgen". Wessen Heißhunger jetzt nicht geweckt worden ist, dem können wir nur aufmunternd zurufen: Gönn dir! Und Guten Appetit!

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