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Knutschen für Gott und Spanien: "Don Carlos" in Stuttgart | BR24

© Bayern 2

Ein verblüffend umgänglicher Großinquisitor und ein überaus reinlicher König Philipp als faschistischer General: Regisseurin Lotte de Beer gelingen faszinierende Charakterstudien bei ihrer Verdi-Deutung. Die Düsternis ist von beklemmender Intensität.

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Knutschen für Gott und Spanien: "Don Carlos" in Stuttgart

Ein verblüffend umgänglicher Großinquisitor und ein überaus reinlicher König Philipp als faschistischer General: Regisseurin Lotte de Beer gelingen faszinierende Charakterstudien bei ihrer Verdi-Deutung. Die Düsternis ist von beklemmender Intensität.

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Nerven hat er, dieser Großinquisitor: Seelenruhig verspeist er einen Apfel, während um ihn herum alles durchdreht. Der Mann hat ganz offensichtlich viel gesehen, viel erlebt und wundert sich über gar nichts mehr, schon gar nicht über Weltverbesserer, denn die Welt, die ist doch sowieso nicht mehr zu retten, allenfalls die Seelen. Und um die kümmert sich der Großinquisitor so liebevoll, dass er für jeden Ketzer ein Küsschen übrig hat, bevor es zur Hinrichtung geht. Knutschen für Gott und Spanien sozusagen.

Leidenschaftlicher Kuss des Großinquisitors

Wirklich großartig, wie Falk Struckmann diesen allmächtigen Kirchenmann im Stuttgarter "Don Carlos" spielt: Mal gar nicht als gebrechlichen, verhärmten und blinden Eiferer, sondern als freundlichen, älteren Herrn, der es mit allen gut meint - und überzeugt ist, dass er manche Menschen vor sich selbst schützen muss, wenn es sein muss, sogar den König. Der wird von ihm so leidenschaftlich geküsst, als ob sich Honecker und Gorbatschow in den Armen liegen. Und es sieht auch genau so bizarr aus.

© Matthias Baus/Staatstheater Stuttgart

Ketzerverbrennung im Shakespeare-Stil

Da sind Regisseurin Lotte de Beer und ihrem Ausstatter Christof Hetzer wirklich faszinierende, ungewöhnliche, lebenspralle Charakterstudien gelungen bei diesem fast fünfstündigen Verdi-Abend. Don Carlos, der Titelheld, ist genauso ein Waschlappen, wie er es im wirklichen Leben tatsächlich war: Kindisch, narzisstisch, entscheidungsschwach. Sein Freund, der Marquis von Posa, taugt als Berufsrevolutionär auch nicht viel: Zwar steht ihm der Che Guevara-Look sehr gut, der weiße Salonanzug aber auch, und es bleibt offen, ob er sich selbst nicht doch mehr liebt als die Revolution.

© Matthias Baus/Staatstheater Stuttgart

Dunkle Ahnung: Leichen über dem königlichen Bett

Grandios auch Ksenia Dudnikova als Prinzessin von Eboli: Eine Hofdame wie ein Vulkan, und wenn die Lava aus ihr herausbricht, ist niemand mehr sicher. Die einzige Lichtgestalt in dieser schwarzen Hölle ist Elisabeth, die Tochter des französischen Königs, die dem Frieden zuliebe nach Spanien verheiratet wird, den Armen ihre Goldkette schenkt, den Männern ihre Aufmerksamkeit, und ständig selbstlos, aber vergeblich zwischen all den Macho-Kerlen zu vermitteln versucht.

Immer saubere Hände

Mag sein, dass an dieser stark idealisierten Figur zu merken war, dass eine Frau inszeniert hat, wenngleich es insgesamt gewiss keine feministische Deutung war. Allerdings eine, die eindrücklich vorführte, wie systematisch schon die Kinder in einer Gewaltherrschaft abgerichtet, dressiert werden. Philipp II. tritt hier als faschistischer General auf, der sich gern die Hände parfümiert, bevor er sie in den schwarzen Lederhandschuhen verschwinden lässt und vor der Ketzerverbrennung Wert legt auf eine liturgische Waschung: Es sind solche Details, die diesen "Don Carlos" so spannend, so beklemmend lebensnah machen.

© Matthias Baus/Staatstheater Stuttgart

Berufsrevolutionäre: Marquis Posa und Don Carlos

Dabei verzichtet Lotte de Beer fast vollständig auf äußeren Aufwand. Stattdessen zeigt sie eine Düsternis, die so undurchdringlich ist, dass sich die Augen immer wieder im nebelhaften Nichts verlieren. Eine riesige schwarze Wand dreht sich gelegentlich nach vorn, dahinter wird mal eine Marmortreppe sichtbar, mal eine einsame Wolke, ein Baum, ein Ehebett oder der leere Schreibtisch des Königs, alles in sterilem Weiß, und gerade, weil drumherum ganz viel Leere ist, wirken diese Zeichen so grell, so umwerfend. Im Programmheft war zu lesen, dass hier ein Spanien in dreißig, vierzig Jahren gemeint war, ein apokalyptisches Spanien offenbar, dass totalitär regiert wird.

Die ewige, aktuelle Machtfrage

Soldaten mit futuristischen Visieren sorgen mit altertümlichen Lanzen für Ordnung. Gut, dass damit Ort und Zeit unwägbar bleiben, denn im "Don Carlos" geht es ja um die ewig aktuelle Machtfrage, um die Moral des Regierens, und damit um die Frage, ob sich nicht jeder die Hände dreckig machen muss, der in der Politik etwas erreichen will. Das sind durchweg überzeugende Auftritte der vielen Stuttgarter Rollendebütanten: Björn Bürger als Marquis von Posa, Massimo Giordano als Don Carlos, Olga Busuioc als Elisabeth.

© Matthias Baus/Staatstheater Stuttgart

König Philipp meint es ernst

Polka für Pussy Riot

Als ob es nicht reicht, dass es schon sieben Fassungen von Verdis "Don Carlos" gibt, fügte Stuttgart noch eine achte hinzu. Dirigent Cornelius Meister ergänzte die Ballettmusik um eine "Pussy-Polka" des Komponisten Gerhard E. Winkler, wobei damit die russische Protestgruppe "Pussy Riot" gemeint ist, deren lautstarke Auftritte hier mit Trillerpfeifen und Kettenrasseln vertont wurden. Inwieweit die sehr provokanten Frauen für Geistesfreiheit kämpfen, ist ja sehr umstritten. Auch eine selten zu sehende Eröffnungsszene von Verdi wurde wieder eingefügt. Der musste seine Oper nämlich bei der Uraufführung in Paris kürzen, damit die Zuschauer rechtzeitig den letzten Zug nach Hause bekamen. Cornelius Meister hatte anfangs alle Mühe, Chor und Orchester beieinander zu halten, auch später wackelten da einige Duette und Ensemble-Szenen, das Staatsorchester hatte nicht seinen besten Tag - da war wohl viel Nervosität im Spiel. Insgesamt freilich ein ungemein intensiver, hellsichtiger "Don Carlos", der ganz ohne Klischees auskam.

Wieder am 1., 3., 8. und 10. November an der Staatsoper Stuttgart, weitere Vorstellungen im März 2020.

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