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Was Wein und Politik miteinander zu tun haben | BR24

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Jeder ein Glas Wein: Bundeskanzler Konrad Adenauer auf dem CDU-Parteitag im Oktober 1951 in Karlsruhe im Gespräch mit einem Journalisten.

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    Was Wein und Politik miteinander zu tun haben

    Warum schickte Adenauer Wein in die Sowjetunion? Im Buch "Mit Wein Staat machen" erzählt Knut Bergmann diese und andere Geschichten aus der BRD. Im Interview verrät er, warum Wein so wichtig ist für die Politik – und was Angela Merkel privat trinkt.

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    "Mit Wein Staat machen" nennt Knut Bergmann seine besondere Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Ein Blick hinter die Kulissen des Politkbetriebs der BRD – amüsant und lehrreich zugleich. Knut Cordsen hat mit Knut Bergmann gesprochen.

    Knut Cordsen: Von Otto von Bismarck ist der Satz überliefert "Es gehört zum deutschen Bedürfnis, beim Biere von der Regierung schlecht zu reden." Ihnen war es offenkundig ein Bedürfnis, vom Einfluss des Weines auf die politischen Geschicke zu schreiben. War Bismarck da vielleicht sogar ein Ideengeber? Sie zitieren den Eisernen Kanzler ja mit dem Satz "Deutscher Wein ist doch mein bester Botschafter".

    Knut Bergmann: Bismarck ist zumindest jemand gewesen, der verstanden hat, wie man mit gustatorischen Komponenten – also mit Essen und Trinken – Politik machen kann. Er hat politische Freunde und auch Gegner immer mal wieder zum Essen eingeladen, und er verstand tatsächlich etwas davon und hatte viel dafür übrig. Vielleicht wäre die Analogie zu Bismarck heute so jemand wie Peter Altmaier, der das ja auch tut.

    Der französische Philosoph Roland Barthes, den Sie gleich eingangs in Ihrem Buch zitieren, zählte bereits 1957 Wein zur "Staatsräson": "Le vin fait ici partie de la raison d'État" schreibt Barthes in "Mythen des Alltags". Und einer hat sich schon damals daran gehalten: Konrad Adenauer, der 1957 gerade wiedergewählt worden war als Bundeskanzler. Den beschreiben sie als Meister der "Weindiplomatie". Inwiefern war Adenauer das?

    Adenauer verstand viel von Wein, obwohl er ja selber von etwas asketischem Antlitz war. Er hat diesen Wein gezielt eingesetzt, um Freundschaften zu stiften und Verhältnisse zu begründen. Er hat beispielsweise in den 1950er Jahren, als der französische Außenminister bei ihm in Rhöndorf zu Gast gewesen ist, sogar die Menükarte mit der Hand verfasst. Was Roland Barthes und Konrad Adenauer unterscheidet, ist allerdings, dass dieses Zitat mit der Staatsräson bei Roland Barthes sich auf Frankreich bezieht. In Frankreich wäre es völlig undenkbar, dass beim Staatsbankett ein französischer Regierungschef keinen französischen Wein ausschenken würde. Anders bei Konrad Adenauer: Der Weißwein war immer deutsch bei ihm, auch sehr hochklassig, aber der Rotwein kam oft aus Frankreich. Er war offenbar nicht davon überzeugt, dass der deutsche Rotwein in den fünfziger Jahren gut genug sei, um ihn dann ausländischen Gästen anzubieten.

    Interessant fand ich, wie Adenauer ganz gezielt Wein eingesetzt hat, gerade auf seiner Russland-Reise 1955.

    Er hat damals zu dieser legendären Moskau-Reise, als deren Ergebnis die letzten deutschen Kriegsgefangenen zurück nach Deutschland kamen, Wein mitgenommen als Gastgeschenk. Und hat dann auch ein Mittagessen, das die bundesdeutsche Delegation ihren sowjetischen Gastgebern ausrichtete, mit entsprechenden Weinen begleitet, und das soll wohl eine sehr launige Veranstaltung gewesen sein. Grundsätzlich ist es natürlich so, wie wir es alle aus dem Privaten kennen: Ein guter Wein verhilft immer zu einer guten Gesprächsatmosphäre, und er bietet auch in schwierigen Situationen immer einen Anlass, darüber zu kommunizieren. Da sind die Russen wohl tatsächlich ziemlich offen gewesen. Es gibt auch im weiteren eine Korrespondenz, in der die sowjetische Seite Adenauer noch hat georgischen Wein zukommen lassen und dann der deutsche Botschafter im Gegenzug empfahl, Adenauer möge doch bitte noch mal deutschen Wein schicken, was er auch getan hat. Insofern hat Wein eben immer etwas Verbindungsstiftendes. Oder wie Georg Simmel gesagt hat in seinem wunderbaren Aufsatz "Zur Soziologie der Mahlzeit": Das gemeinsame Essen schafft einen Anlass und hilft, Verbindungen zu stiften dort, wo man eigentlich nichts Verbindendes hat.

    Woher rührt eigentlich Ihre intime Kenntnis von Staatsbanketten? Dass Sie sich mit Hanglagen großer Gewächse exzellent auskennen, ist das eine. Aber wie kommt es, dass Sie die Reihenfolgen bei staatlichen Festgelagen so detailliert beschreiben können?

    Da muss man eigentlich nur ins Archiv gehen. Das politische Archiv im Auswärtigen Amt hat diese ganzen Protokoll-Akten sehr sauber geführt. Da findet man die Menükarten. Das, was man leider nicht findet oder nur ganz selten, sind entscheidungsleitende Hinweise: Warum ist dort bei diesem Bankett bei diesem Gast entschieden worden, genau diesen Wein zu servieren? Da kann man dann immer nur vermuten und Schlüsse ziehen. Ansonsten habe ich Zugang zu dem Thema bekommen, weil ich selber mal im Bundespräsidialamt gearbeitet habe in der Präsidentschaft von Horst Köhler. Von 2005 bis Ende 2009 als Grundsatz-Referent. Da habe ich zwar in dem Sinne nichts mit Wein zu tun gehabt, aber ich habe auch Reden geschrieben, und in diesem Zuge bin ich dann auch über das Thema gestolpert mehr oder weniger.

    Nun sind nicht alle Politiker gleichermaßen vinophil: Konrad Adenauer war es, aber Ludwig Erhard zum Beispiel überhaupt nicht. Auch Willy Brandt überhaupt nicht. Wie sieht es heutzutage aus bei Angela Merkel? Mir hat kürzlich der Abenteurer Reinhold Messner erzählt, dass die Bundeskanzlerin bei Abendessen im eigenen Haus einen guten Rotwein bevorzugen würde.

    Letztlich ist das Privatsache. Da kann ich jetzt nur wiedergeben, was ich vom Hörensagen kenne, oder was mir Journalisten erzählt haben, die mit Angela Merkel mal bei Hintergrundgesprächen mit ihr zusammen waren abends. Sie sagen, dass sie tatsächlich schwere Rotweine bevorzugt. Aber selbst wenn die jetzt aus Italien kommen sollten, was es gelegentlich auch heißt, ist das eigentlich kein Problem. Solange sie das nicht offiziell macht. Im öffentlichen Rahmen sollte man schon patriotisch korrekt trinken. Man muss bei Politikern unterscheiden zwischen der offiziellen Funktion – ganz stark auch beim Bundespräsidenten als höchstes Staatsamt mit hohem zeremoniellen Anteil – und der Privatperson. Es gibt von Theodor Heuss ein wunderschönes Zitat. Heuss saß gerne abends beim Wein lange mit Gästen zusammen in der Villa Hammerschmidt in seiner Zeit als Bundespräsident. Als ihn sein persönlicher Referent zum Aufbruch mahnt, weil natürlich auch der Bundespräsident jetzt nicht als Nachteule erscheinen sollte, sagt Heuss: "Der Herr Bundespräsident geht jetzt ins Bett, und der Herr Heuß bleibt hocken." Insofern ist auch das, was die Bundeskanzlerin im Privaten präferiert, zumindest aus einer staatspolitischen Sicht vernachlässigenswert. Aber es sind wohl schwere Rotweine.

    Wo wir schon bei guten Tropfen sind: Das Unter-den-Tisch-trinken-Können, diese Fähigkeit ist von Helmut Schmidt zum Beispiel überliefert. Der war nun gerade gar kein großer Freund des Weines. Von ihm ist der Satz überliefert "Der Wein ist mir egal", aber wie wichtig ist generell eine gewisse Trinkfestigkeit?

    Ich glaube, dass das hilft in jeder sozialen Interaktion. Mittlerweile wird weniger getrunken – auch im Politikbetrieb – als das in den 1970er und 80er Jahren der Fall gewesen ist. Wenn man aber darüber nachdenkt, wie Karriere-Netzwerke entstehen, die in der Politik wichtig sind, dann ist das häufig eine soziale Verbindung. Wenn wir sonst auf Politik gucken, scheint das ja oft sehr zweckrational zu sein. Nach meiner Erfahrung – und ich bin nun auch schon lange Teil des politisch-medialen Komplexes in Berlin und vorher in Bonn – hat es ganz viel mit Personen zu tun. Wie verstehen sich Menschen miteinander? Das würde man jetzt auch in aktuellen Konflikten bebildern können, wo sich dann die handelnden Akteure nicht miteinander verstehen. Das gemeinsame Trinken schafft natürlich etwas sehr Verbindendes. Das kennen wir alle noch aus unserer Jugendzeit, und vielleicht auch noch aus unserer Studienzeit und danach.

    "Mit Wein Staat machen" von Knut Bergmann ist im Insel Verlag erschienen.

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